facebook-Weihnachts-Bullshit-Bingo

Noch ist Weihnachten nicht vorbei, es ist also Zeit für mein patentiertes facebook-Weihnachts-Bullshit-Bingo! So einfach geht’s: Scrollt eure Timeline entlang und schaut nach, ob einer eurer Freunde einen Weihnachts-Bullshit von der Weihnachts-Bullshit-Bingo-Liste gepostet hat. Streicht bei jedem Treffer einen der Punkte von der Liste und trinkt darauf eine Tasse Glühwein. Wenn ihr alle Punkte von der Liste gestrichen habt, schreit laut „Bingo“ und kippt einen Schnaps nach. Und los!

Weihnachts-Bullshit-Bingo-Liste:
1. Inge, 35, hat ihren besinnlichen Tag und gemahnt die facebook-Gemeinde an „die wahren Werte von Weihnachten“, woraufhin irgendeine inkohärente Sülze mit Buzzwords wie „Familie“, „Fest der Liebe“ und „Besinnlichkeit“ folgt.
2. Jenny, 20, Abonnentin von Fashion-Haul-Youtubern, mutiert zur Professorin für angewandte Kapitalismuskritik und beschwert sich darüber, dass es an Weihnachten „ja nur noch um Konsum und Kommerz und so“ ginge.
3. Thorben, 19, seit drei Monaten Viking-Metal-Fan und stolzer Träger eines Thorshammer-Anhängers, wird zum investigativen Journalisten und findet heraus, dass Weihnachten „ja in Wirklichkeit ein heidnisches Fest“ sei und der Weihnachtsbaum „eigentlich Jultanne heisst!!!“ Nimm das, Christentum.
4. Julian, 29, hat noch nicht ganz begriffen, dass Musik auch ausserhalb des Radios existiert, wird aber immer an Weihnachten zum professionellen Musikkritiker und regt sich darüber auf, dass „Last Christmas“ das „allerschlimmste Lied von allen“ sei und dass es „so nervig“ wäre, dass man „dauernd dazu gezwungen“ werde, dieses furchtbare Stück Musik zu hören.
5. Klara, 25, Jugendgruppenleiterin bei der Freikirche, erinnert nochmal daran, woran es an Weihnachten wirklich, wirklich, also WIRKLICH geht: Nämlich um Jesu Geburt, derer sie mit verkitschten Bildchen und Versen aus der Frohe-Botschaft-Bibel gedenkt.
6. Ronnie, 31, Rebell, verkündet seine gegen den Strom gewandte Schwimmrichtung und postet Bilder von sich, wie er etwas supercooles und ganz und gar nicht weihnachtliches macht (surfen auf den Malediven oder so), um „dem ganzen Trubel“ zu entkommen. Tougher Typ.
7. Susie, 29, Katzenbesitzerin, postet Fotos und Videos von Katzen, die den Weihnachtsbaum demolieren, mit Geschenkpapier spielen, oder, ganz witzig, hahaha, als Geschenk verpackt werden.

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Jesus und der Metzger um die Ecke™

Jesus lebt und er hat eine Metzgerei. Der Beweis sind Diskussionen über Massentierhaltung: Wer jemals mit einem Fleischliebhaber über die ethischen Probleme der Tierproduktion gesprochen hat, weiss: Der Gesprächspartner kauft sein Fleisch natürlich nicht im Supermarkt. Er greift nicht zu billigen Discounter-Produkten in Plastikhüllen, ja, beim puren Gedanken an Erzeugnisse aus den Megaschlachthöfen dreht sich ihm der Magen um. Fleisch kauft er nur beim Fachmann seines Vertrauens, beim menschgewordenen Gütesiegel, beim ökologisch bewussten Fels in der Brandung der industrialisierten Tierhaltung: Beim Metzger um die Ecke™. Wer hier kauft, weiss, was er bekommt: Fleisch von Tieren, die nicht einfach nur über grüne Weiden hoppeln, sondern dort sogar Kunstturnen veranstalten; von Tieren, die sich massieren lassen, während sie Gourmet-Futter aus ökologischem Anbau wiederkäuen und die nicht einfach nur totgestreichelt werden, nein, die sich vielmehr aus purer Dankbarkeit für ihr schönes Leben auf schonende Weise eigenhufig ins Jenseits befördern. Der Metzger um die Ecke™ kennt jedes Tier beim Vornamen, war bei jeder Ferkelgeburt persönlich als Hebamme mit dabei und inspiziert jedes Weizenkorn unter dem Mikroskop, bevor es im Tierfutter landet. Dass Fleischkonsumenten all das bis ins Detail wissen, legt einen Schluss nahe: Sie haben die Tierhöfe des Metzgers um die Ecke™ mit eigenen Augen gesehen. Dieser Teufelskerl hat nach seiner Arbeit an der Wursttheke also offenbar noch Zeit, seinen Kunden eine Privatführung durch die Ställe seiner Lieblinge zu geben. Kunden, die sich nicht sicher sind, ob die Haxe für den Sonntagsbraten – denn bei ihnen gibt es ihn noch, den guten, alten Sonntagsbraten, sie brauchen ja nicht jeden Tag Fleisch, versichern sie – auch wirklich aus einer ethisch vertretbaren Haltung stammt, fragen einfach: „Aber Herr Metzger um die Ecke™! Woher weiss ich denn, wie das Tier gelebt hat?“ und er antwortet mit seiner weichen, sonoren Altherrenstimme: „Kein Problem! Kommen Sie mit und sehen Sie selbst!“ und nimmt seine Kunden mit auf eine Entdeckungsreise durch die saftigen Auen, auf denen die Schweine dösen.

Nun ist eins verwunderlich: Die Zahl derer, die ihr Fleisch bei diesem sagenumwobenen Metzger um die Ecke™ kaufen, ist überwältigend. Jeder einzelne Konsument, der auf seinen Fleischkonsum angesprochen wird, wird binnen weniger Sätze schwören, sein Fleisch immer und ausschließlich nur bei diesem Supermetzger zu kaufen. Zwar essen diese Menschen auch öfters mal eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt oder einen Döner um fünf Uhr morgens nach dem Aus-dem-Club-raustorkeln, aber da sie dennoch ihre ewige Bindung an den Meistermetzger betonen, lässt das nur einen Schluss zu: Alle Bratwurstverkäufer, Dönerläden, Pizzalieferdienste und Burger-King-Filialen dieser Welt beziehen ihr Fleisch von diesem Metzger um die Ecke™. So oft bekennen sich Carnivoren feierlich als Stammkunden ihres Vertrauensfleischers, dass man sich wundern muss, woher all die Megamastanlagen kommen – und wie ein einzelner Metzger offenbar den Bedarf der gesamten Weltbevölkerung decken kann. Noch seltsamer ist es, dass dieser Metzger zwar um die Ecke wohnt – das aber offenbar für jeden seiner Kunden gilt, egal, woher der Kunde selbst stammt. Ob in Stuttgart oder in Hamburg, ob in Paris oder London, überall schwärmen Gourmets von diesem Metzger, dessen Filiale offenbar immer und überall um die Ecke ist. Wer ist immer überall gleichzeitig? Und wer kann ganz alleine tausende hungriger Bäuche satt machen? Natürlich kann es darauf nur eine Antwort geben: Jesus. Jesus, der auferstanden ist, um die Speisung der Fünftausend zu einer Speisung der Sieben Milliarden zu machen; Jesus, der an allen Orten gleichzeitig ist, um der Welt Frieden und Frikadellen zu schenken. Lasst ihm uns danken und ihn in unser Tischgebet einschließen, wenn es wieder heisst: Unser täglich Blutwurst gib uns heute.

Hört auf, Respekt zu haben.

Blablabla, man muss auch Nationalisten mit Respekt begegnen, blablabla, auch Pegida-Anhänger haben Respekt verdient, blablabla. Ich habe deshalb keinen Respekt vor solchen Leuten, weil sie nur in der ersten Person Plural sprechen. „Wir“ müssten uns gegen Überfremdung wehren, „wir“ müssten „unsere“ Kultur verteidigen, „unsere“ Werte bewahren, stolz auf „unsere“ Leistungen in der jahrhundertelangen Geschichte „unseres“ Volkes sein und „unsere“ Frauen schützen. Wer so spricht, hat aufgehört, sich als Individuum zu sehen, und wie soll ich Respekt vor jemandem haben, der noch nicht mal Respekt vor sich selbst als Individuum hat?

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 8

Damals, als Frei.Wild vom Echo ausgeladen wurden, hat Harald Martenstein die Band in der ZEIT verteidigt und gemeint, ihre Texte könnten doch genausogut von „irgend so einem bedrohten Indianerstamm im Amazonasgebiet“ stammen. Genau da liegt aber doch das Problem, oder besser gesagt die zwei Probleme: Erstens, dass die Band das Gefühl vermittelt, das deutsche Volk sei vom Aussterben oder von Vertreibung, Vernichtung oder kultureller Assimilation durch übermächtige fremde Rassen und Kulturen bedroht. Das zweite Problem ist der Indianerstamm selbst, sprich: das Volk. Es gibt auf diesem Planeten kaum etwas widerwärtigeres als das Volk. Das Volk ist ein dahinfantasierter monolithischer Block, der nur durch Abgrenzung zu anderen Völkern überhaupt erst existieren kann und dessen Angehörigen keine einzelnen Individuen sind, sondern eine heterogene Masse der Gleichförmigkeit, kurz: Das Volk trägt nicht die Gefahr des Faschismus in sich, sondern das Volk IST von Anfang an bereits Faschismus. Allerdings muss man Frei.Wild einen Punkt geben: Wenn sie ihr Volk als bedrohten Indianerstamm wahrnehmen, dann haben sie ja schon irgendwie recht, denn schließlich ist diese Kultur, aus der Frei.Wild stammen, diese zivilisationsferne Dorfgemeinschaft aus primitiven Bauernfamilien, die aus Angst vor Überfremdung nichts begatten, was nicht mindestens den gleichen Nachnamen wie man selbst trägt und bei denen sofort Panik ausbricht, wenn sich irgendeine Kuh aus dem hundert Kilometer entfernten Nachbarkaff in die eigenen Jagdgründe verirrt, ja nun auch nicht wirklich was anderes als ein Indianerstamm, und vom Aussterben bedroht sind sie ja auch, da man in solchen Kulturen traditionell so viel Angst vor dem ewigen Fegefeuer hat, dass man lieber gar keinen Sex praktiziert und wenn, dann so, dass auch auf jeden Fall die Geschlossenheit des Genpools gewährleistet bleibt.

Gedichtinterpretation, Level eine Million.

Wenn du ein Gedicht interpretierst, das sowieso schon ziemlich creepy ist und deine Interpretation einfach alles noch viel schlimmer macht:
Goethe wechselt im letzten Satz des „Erlkönigs“ plötzlich vom Präsens ins Präteritum, was einige Leser zurecht etwas weird finden. Alle Interpretationen, die den Wechsel der Zeitform behandeln, gehen davon aus, dass das Kind in der letzten Zeile stirbt und stellen sich die Frage, warum ausgerechnet der letzte, also der aktuellste Teil der Handlung, in der Vergangenheitsform berichtet wird. Aber vielleicht ist der Tod des Kindes ja gar nicht der aktuellste Teil. Vielleicht war das Kind ja wirklich schon tot, bevor der Vater losgeritten ist. Das würde bedeuten, dass der Vater die ganze Zeit über mit einer Leiche im Arm durch die Gegend geritten ist und sich im Wahn eingebildet hat, mit ihr zu sprechen. Oder vielleicht war er gar nicht im Wahn und das tote Kind hat wirklich mit ihm gesprochen.
Filmrechte liegen bei mir, okay.

Der steppende Wolf.

Wäre „Der Steppenwolf“ von Max Frisch geschrieben worden, hätte sich Harry Haller eine neue Identität zugelegt und wäre in die USA ausgereist, um dort auf Maskenbälle zu gehen und Jazz zu hören.

Wäre „Der Steppenwolf“ von Robert Louis Stevenson geschrieben worden, hätte Harry ein Serum erfunden, das ihn für einige Stunden in eine fremd aussehende, vergnügungssüchtige Person verwandelt hätte.

Wäre „Der Steppenwolf“ von H. P. Lovecraft geschrieben worden, Read More

Bayern und das Comeback der Euthanasie.

Psychisch Kranke haben für die CSU nun offiziell kein uneinschränkbares Recht auf Leben mehr. Als ob es nicht schon verstörend genug wäre, dass psychisch Kranke durch das bayerische Psychiatriegesetz zukünftig wie Straftäter behandelt und psychiatrische Anstalten teils zu Gefängnissen umfunktioniert werden; als ob es nicht ausreichen würde, dass Daten von psychischen Patienten zukünftig an die Polizei weitergegeben und für fünf Jahre gespeichert werden; als ob es nicht schon gefährlich genug wäre, dass durch das neue Polizeiaufgabengesetz zukünftig jeder Bürger, den die bayerische Polizei ohne konkreten Anlass für gefährlich hält (wie zum Beispiel psychisch Kranke) zukünftig vorbeugend in Endlos-Haft nehmen kann; nein, das neue Psychiatriegesetz sieht also auch vor, dass unter anderem „die Grundrechte auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit der Person eingeschränkt werden“ können. Das ist ein Freifahrtsschein für Gefangenschaft, körperliche Misshandlung und Euthanasie. Eine juristische Grundlage für die Ermordung psychisch Kranker gab’s in Deutschland das letzte Mal im Dritten Reich.

Den entsprechenden Abschnitt findet man im aktuellen Gesetzesentwurf auf Seite 19, Teil 3: Schlussvorschriften, Art. 38: Einschränkung von Grundrechten:
https://www.bayern.landtag.de/…/B…/0000014000/0000014418.pdf

Eine Petition gegen den Entwurf gibt’s übrigens auch schon:
https://www.change.org/p/markus-soeder-stoppen-und-%C3%BCberarbeiten-sie-das-bayerische-psychiatriegesetz

Vegane Konsequenz.

Veganismus-Gegner:
„Veganismus ist total übertrieben. Alles so genau zu nehmen ist doch total neurotisch, warum müssen die denn bei jedem noch so unbedeutenden Mini-Tierbestandteil gleich rumheulen?“

Auch Veganismus-Gegner:
„Also wenn du an einem Hundehaufen vorbeiläufst und den Geruch des Häufchens wahrnimmst, dann liegt das ja daran, dass winzige Partikel des Kotes in die Luft gelangen und von dir eingeatmet werden, das heisst, dass du genau genommen auch ein Tierprodukt aufgenommen hast. Und weil du nicht vermeiden kannst, in die Nähe von Hundehäufchen zu kommen, MUSST DU AB SOFORT JEDEN TAG EIN STEAK ESSEN, SONST BIST DU NÄMLICH INKONSEQUENT, GRRR GRRRRR GRRRRR!!!“

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 7

Jedes Land hat die Musik, die es verdient und deshalb ist jede Echo-Verleihung eine wertvolle Dokumentation über deutsche Widerwärtigkeit. Damit ihr das Grauen nicht mit eigenen Augen ansehen müsst, hat die Redaktion von Menschenverachtende Musikkritiken das Geschehen im ganzen Ausmaß seiner Entsetzlichkeit mitverfolgt und präsentiert hiermit den ausführlichsten Beitrag in der traditionsreichen Geschichte ihres Bestehens:

Zu Beginn klettert die KELLY FAMILY durch ein Dimensionsloch aus einem zu recht vergessenen Jahrzehnt zu uns, in dem Birkenstock-Schuhe noch kein Anzeichen von Hipness waren, sondern nur von Menschen getragen wurden, die jegliche Hoffnung auf Sozialkontakte aufgegeben hatten und somit ohne schlechtes Gewissen die Kelly Family hören konnten. Um den Preis für das Album des Jahres kämpfen die untoten Wiedergänger der Kelly-Clanmitglieder mit HELENE FISCHER, die schlonzigen Schmalzschlager aus dem „Oma ist mal wieder vor dem Fernseher eingepennt“-Programm geradewegs in die Spotify-Playlisten realitätsflüchtiger Teenager gezuckert hat. Weitere Kontrahenten sind zwei unförmige Testosteronberge, die am Tag des israelischen Holocaust-Gedenktages nochmal schnell beweisen, dass man in Deutschland für pseudolustige Punchlines über Auschwitz-Opfer schonmal einen Preis bekommen kann sowie die Toten Hosen, die früher mal versucht haben, Punk zu spielen und jetzt als Backgroundband von Helene Fischer fungieren. Problem nur: Wenn die Musik der Nominierten läuft, muss man sie sich leider anhören. Also gewinnt stattdessen einer, dessen Musik so nichtssagend ist, dass sie am Bewusstsein des Hörers vorbeirauscht und keinen größeren Schaden anrichtet: ED SHEERAN wird dafür belohnt, mal wieder auf Albumlänge einen Hauch von Nichts über zwei Akkorde gehaucht zu haben.

In der Kategorie „Hit des Jahres“ tritt Ed Sheeran dann auch folgerichtig gegen sich selbst an und schickt die Kompositionen „Zwei Akkorde mit formlosem Gehauche 1“ und „Zwei Akkorde mit formlosem Gehauche 2“ ins Rennen und kann sich mit einem der beiden Stücke gegen das „Hey, wenn wir die Wall of Sound noch fetter aufbauschen, bemerkt niemand, dass wir keine Melodien haben“-Desaster von IMAGINE DRAGONS und das „Wenn wir ein bisschen spanischen Kulturkarneval in unser Mitgröhl-Gedudel packen, fühlen sich die deutschen Kartoffeln kulturbeflissen genug, um den Ballermann gar nicht mehr zu verlassen“-Verbrechen namens „Despacito“ von LUIS FONSI durchsetzen. Aus Sicht der Redaktion hätte BAUSA zumindest einen Trostpreis dafür verdient, dass der Song „Was du Liebe nennst“ schon im Titel alle Deutschpop-Lyrics der letzten siebzig Jahre zusammenfasst.

Apropos Deutschpop-Lyrics: Bei der Kategorie „Künstler Pop National“ haben wir den Überblick verloren. Wer war nochmal der Künstler mit den Kalendersprüchen und wer war der mit den Poesiealbumreimen? War ADEL TAWIL derjenige, der sich so anhört, als hätte er die Weisheiten unserer Kindergärtnerinnen vertont oder war das nicht doch der, der mehr so in Richtung „Motivationssprüche von deepen facebook-Seiten“ tendiert? Die größte Überraschung ist PETER MAFFAY: Den gibt’s noch? Und er hat ein Album namens „MTV unplugged“ im Gepäck? Ist das Format nicht beim drölfzigsten Versuch, irgendeine schlecht gealterte Rockband beim Konzertgitarrengezupfe mit Räucherstäbchen zu betäuben, mitsamt den Zuschauern eingeschlafen? Ist er vielleicht per Anhalter bei der Kelly Family mitgefahren, als die mit ihrem Wohnwagen gerade durch das Dimensionsloch in unsere Zeit gedüst und versehens bei der ECHO-Verleihung gelandet sind? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass der Preis an MARK FORSTER geht. Das ist der mit den vertonten „Wird schon wieder gut“-Floskeln. Oder doch der mit den gesungenen Schlaumeiersprüchen? Ach, egal.

Dass JULIA ENGELMANN ihr Debütwerk „Poesiealbum“ nennt und damit immerhin zugibt, dass ihre Texte aus nachdenklichen Sprüchen in den rosa Freundebüchern aus der dritten Klasse zusammengesetzt sind, ist das einzig Bemerkenswerte, was es über die Kategorie „Beste Künstlerin“ zu sagen gibt, also springen wir einfach mal zu „Band Pop National“, wo DIE LOCHIS daran erinnern, dass „deutsche youtuber“ ein Synonym für Subjekte ist, die mit ihrer Unlustigkeit Geld verdienen, während DIE SÖHNE MANNHEIMS nochmal klarstellen, dass sie ihre Lyrics schon aus Poesiealben abgeschrieben haben, als Julia Engelmann noch nichtmal alle Diddlmaus-Sticker beisammen hatte.

Als die Kategorie „Schlager“ über den Bildschirm flimmert, geht eine seltsame Veränderung vor: Das Bild des Fernsehers verzerrt sich und wird von Rauschen unterbrochen. Draußen flackern die Straßenlaternen und erlöschen. Eine nach der anderen, bis die ganze Straße dunkel ist. Plötzlich fangen die Lampen im Zimmer an zu summen und zerbersten schließlich in einem Funkenregen. Es ist still. Der Ton des Fernsehers hat ausgesetzt, nur ein tinnitusartiges Summen und Fiepen wird immer lauter. Alles ist dunkel, nur der Fernseher verströmt sein kaltes, blaues Licht. Im Bildschirm ist das Gesicht eines Gartenzwerges aufgetaucht, der uns mit seinem ausdruckslosen, festgefrorenen Lächeln anstarrt. Er macht einen Schritt auf uns zu. Und noch einen. Und noch einen. Ohne seine grinsende Miene zu verziehen. Er berührt den Bildschirm von innen, seine Porzellanhände dringen durch das Glas, er tritt durch den Fernseher auf uns zu, wir wollen schreien, aber wir sind stumm, wir wollen rennen, doch der Sessel hält uns fest, wir – …

Schweißgebadet wachen wir auf. Es war nur ein Traum. Doch ist er wirklich schon zu Ende? Die KASTELRUTHER SPATZEN drohen mit Schunkelmoshpits, die AMIGOS beschwören ein „Zauberland“ herauf, in dem es mit Sicherheit nur Lederhosen und keine Schwulen gibt und in dem jeden Tag das „Donauwedda“ des VOXXCLUB herrscht, und zu allem Übel ist dann da noch SANTIANO. Wenn verschiedene Sinne miteinander verknüpft sind – wenn ein Mensch also zum Beispiel Musik hört und dabei automatisch eine Farbe sieht – sprechen Psychologen von Synästhesie. Wenn allerdings auch Nicht-Synästheten beim Hören von Musik automatisch den Geruch von ungewaschenen, schweißgetränkten LARP-Kunstfellen in der Nase haben, sprechen Musikkritiker von Santiano. Es ist ja nicht so, dass die Redaktion von Menschenverachtende Musikkritiken Santiano nicht als wichtige Band ansehen würde. Ganz im Gegenteil, Santiano haben der Welt einen großen Dienst erwiesen: Sie waren es, die endgültig bewiesen haben, dass Wacken ein Schlagerfestival ist und man volltrunkene, fetthaarige Metal-Fans in Sabaton-Shirts glänzend mit pseudomittelalterlichem Musikantenstadl-Kitsch amüsieren kann, aber ob sie dafür einen Preis verdient haben? Ganz sicher sind wir uns da noch nicht.

In der Kategorie „Hip Hop / Urban National“ wird die Bühne kurz mit Anabolika geflutet, um die gesamten Genderwissenschaften mit genug Forschungsmaterial zum Thema „Toxische Maskulinität“ zu versorgen, um damit die nächsten fünf Jahre zu füllen. Kollegah und Farid Bang erhalten einen Preis dafür, sich über die Opfer der Shoah lustig zu machen und in der Kategorie „Dance National“ werden GESTÖRT ABER GEIL leider nicht dafür ausgezeichnet, pseudoexzentrische Selbstglorifizierung in einen Bandnamen gepackt zu haben. Stattdessen wird ROBIN SCHULZ dafür belohnt, englische Lyrics zu haben und deswegen etwas weniger Schmerzen zu verursachen als seine Kollegen von Gestört aber Geil.

In der Kategorie „Rock National“ stümpern EISBRECHER weiter mit Riffs vor sich hin, die Rammstein schon zu ausgelutscht fanden, als sie ihre Pyros noch selbst basteln mussten. Ob ihre Texte, die sie aus den Gedichten von edgy Goth-Fünftklässern geklaut haben, weniger kacke sind als der Müll, den SDP aus T-Shirt-Sprüchen und Schüler-VZ-Gruppennamen zusammengebastelt haben, konnten wir bis Redaktionsschluss nicht eindeutig klären. Ist auch bums, denn den Preis erhalten sowieso die Toten Hosen, die ihre Ehre zumindest damit retten, dass Campino der einzige Mensch des Abends ist, der Kollegah und Farid Bang ans Antisemitenbein pinkelt.

Nachdem sich Ed Sheeran für irgendein weiteres Zwei-Akkord-Geplänkel mit formlosem Gehauche einen Preis als bester internationaler Künstler abgeholt hat, startet das Zombie-Battle: Die durch finstere Waldorf-Magie wieder zum Leben erweckten Untoten der Kellogs-Familie treten gegen die Nu-Metal-Nekromanten LINKIN PARK an und werden versehens von der aufgeblasenen Soundwand von Imagine Dragons niedergewalzt. Die Kategorien „Newcomer“, „Produzent“ und „Video“ verschwimmen in einem Meer der Belanglosigkeit.

Die Autoren von Musikexpress haben in ihrem Bericht über den Echo das Wort „Gewinner“ übrigens in Anführungszeichen gesetzt. Besser könnte man unsere Meinung über das Geschehen nicht zusammenfassen.

– Meddlmin