Kartoffelstampfen.

Ich führe hiermit zwei wichtige neue Worte in den politischen Diskurs ein: „Toxisches Deutschtum“ und „Kartoffelstärken“. Der Begriff des Toxischen Deutschtums dürfte klar sein – das beschreibt das Phänomen, dass Deutsche sich vermeintlich „typisch deutsche“ Verhaltensweisen aneignen, mit denen sie sich und ihrem Umfeld schaden. Autoritarismus, Angriffskriege oder das Zitieren von Mario Barth zum Beispiel. Die Kartoffelstärke hingegen ist die wissenschaftliche Maßeinheit, in der Toxisches Deutschtum gemessen wird. Die Skala reicht von einer Kartoffelstärke (entspricht etwa Kissenknicken, Unterhosen bügeln und Socken unter Sandalen tragen) über fünf Kartoffelstärken (entspricht in etwa dem Satz „Also geschdern aufem Dorffeschdle hense Böhse Onkelz gspielt, ha des goaht oifach immer“) bis zu zehn Kartoffelstärken (entspricht in etwa dem, was herauskommen würde, wenn man Jürgen Elsässer nach dem fünften Bier nach seiner Meinung zum deutsch-israelischen Verhältnis fragen würde). Natürlich ist das nicht nur reine Theorie, sondern lässt sich täglich praktisch anwenden. Wenn zum Beispiel Wolfgang Gedeon auf facebook mal wieder sein neues Buch ankündigt, kann man im wissenschaftlichen Interesse darunter schreiben „Oho, das ist ja eine glatte Zehn auf der Kartoffelstärken-Skala“ oder man kann vor einem Frei.Wild-Konzert herumrennen und den Besuchern warnend entgegenrufen „Achtung, Gefahr! Ich war eben in der Halle und mein Kartoffelstärken-Detektor hat beunruhigende Schwingungen gemessen!“
Dankt mir später.
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Fick dich, Natur

Vor 700.000 Jahren rannte ein aufgeregter Homo Erectus zu seinen Höhlenmitbewohnern und sagte „Ich habe eine Entdeckung gemacht! Wenn man Säbelzahntiger-Kadaver über das Feuer hält, verwandeln sie sich in etwas, was man essen kann!“ Einige hielten diese Entdeckung für revolutionär, aber andere meckerten „Ne, also an Nahrung sollte man nicht herumdoktern. Also wir essen nur Sachen, die wirklich natürlich sind.“ Daraufhin spaltete sich die Erectus-Kommune in zwei Lager: Auf der einen Seite die Brutzel-Freunde, die freudig allerlei Pflanzen und Tiere ins Feuer warfen, zahlreiche einstmals ungenießbare Objekte in Delikatessen verwandelten und sich so Nährstoffe zugänglich machten, die ihr Überleben und ihre Evolution förderten; auf der anderen Seite die Feuerfeinde, die diese schwammige Idee der Natürlichkeit anbeteten und sich weigerten, ihre Nahrung irgendwie zu verändern. Glücklicherweise bissen sie sich all diese Natürlichkeits-Anbeter die Zähne an rohem Säbelzahntigerfleisch aus und starben aus. In den folgenden Jahrtausenden nahm die Menschheit deshalb ungestört Nahrungsmittel zu sich, die gezüchtet, pasteurisiert, homogenisiert, destilliert, fermentiert, gebraut und vergoren wurden und die aus Tieren und Pflanzen gewonnen wurden, die man eigens zu diesem Zweck züchtete – bis zu dem Tag, an dem ein Haufen Hobby-Archäologen in einer französischen Höhle eine primitive Malerei aus der Steinzeit entdeckten, neben der in alten Runen die Worte eingraviert waren „Digger, iss ma nich so unnatürlichen Shit.“ Daraufhin kamen ein paar Teilzeit-Romantiker auf die Idee, es gäbe tatsächlich „natürliche“ und „unnatürliche“ Dinge. Und jetzt haben wir den Salat: Eine Spiegel-Autorin regt sich über den veganen LIDL-Burger auf, weil er „hochverarbeitet“ sei und viel zu viele Inhaltsstoffe enthalte, Starköchin Sarah Wiener vergleicht im enorm-Magazin Sojamilch mit Frankensteins Monster, weil Sojabohnen ja erst zahlreiche Prozesse durchlaufen müssten, um zu einem milchigen Saft verarbeitet zu werden – und, um nicht nur über militante Anti-Veganer zu lästern: Genug Veganer schmeißen mit dem „Argument“ um sich, dass es unnatürlich sei, die Muttermilch anderer Tiere zu trinken, da das alle anderen Tiere ja auch nicht machen würden.

Der Tag, an dem die Homo Erectusse darüber stritten, ob es unnatürlich sei, sein Fleisch zu braten, war der Tag, an dem die Menschheit eines ihrer seltsamsten Gedankenkonstrukte erfand: Das Natürlichkeits-Argument. Es besagt, dass natürliche Dinge (also zum Beispiel Fliegenpilze, Engelstrompeten und Meteoriteneinschläge) generell gesünder seien als unnatürliche (also zum Beispiel Antibiotika, Impfungen und Kondome). Die Natürlichkeit definiert sich darüber, dass etwas nicht von einem Menschen geschaffen wurde; so sind Vogelnester also zum Beispiel natürlich, obwohl sie künstlich erschaffen wurden (die Erbauer sind ja keine Menschen), Müsli-Riegel allerdings sind menschlich erzeugt, also unnatürlich. Dieses System ist nicht ganz kohärent, denn vieles, was von Menschenhand erschaffen wurde (Häuser, Herzschrittmacher oder Kleidungsstücke) werden in die Unnatürlichkeits-Argumentation nicht mit einbezogen; und letztendlich werden ja sogar Menschen selbst von anderen Menschen geschaffen (diesen Prozess nennt man ficken), aber dennoch gelten Menschen auch für Natürlichkeits-Apologeten als natürlich. Das liegt vielleicht daran, dass auch in der Natur gefickt wird, was das Zeug hält. Das Natürlichkeits-Argument wird also manchmal erweitert um „Alles, was von Menschen geschaffen wurde, ist unnatürlich, es sei denn, Tiere machen es genauso“. Für diese Ausnahme gibt es dann aber auch eine weitere Ausnahme, nämlich die, dass damit nur gleichgeschlechtlicher Sex gemeint ist, denn wenn sich zwei Pinguinmännchen einander hintenrum verwöhnen, dann sind daran zwar nicht die Menschen schuld, aber als unnatürlich gilt es dann trotzdem, weil … na ja, weil halt. Nie in ihrer Geschichte hat die Menschheit einen kohärenten Natürlichkeitsbegriff entwickelt, aber immer argumentierte sie mit dieser ungreifbaren Vorstellung einer wie auch immer gearteten Natur. „Die Natur“ muss in dieser Vorstellung immer das letzte Wort haben: Kommunismus wird abgelehnt, weil er „Gegen die Natur des Menschen“ sei, Homosexualität wird abgelehnt, weil sie „unnatürlich“ sei, fleischlose Ernährung wird abgelehnt, weil der Homo Erectus damals ja auch schon Fleisch gegessen habe und es somit „natürlich“ sei, Fleisch zu essen. Die Idee dahinter ist die, dass sich die Natur etwas dabei gedacht habe, die Dinge so einzurichten, wie sie sind. Anders zu handeln, als es der Plan der Natur vorsieht, bedeute eine Störung ihrer unantastbaren, allmächtigen Absicht. Wir müssten uns dem Willen der Natur fügen, um die Rolle zu erfüllen, die uns die Natur zugedacht habe. Der Denkfehler dabei: Die Natur hat sich nichts gedacht. Die Natur denkt generell überhaupt nichts. Sie hat auch keine Forderungen oder Erwartungen an uns. Sie ist keine handelnde, schöpferische Entität, sondern nur ein abstraktes Konzept, das Menschen entwickelt haben, um ihre Sehnsucht nach göttlicher Führung zu befriedigen. Die Vorstellung, die Natur würde über uns stehen und uns leiten, ist eine primitive Furcht davor, auf uns allein gestellt zu sein. In der Literatur wird diese Angst als Kosmischer Horror bezeichnet: Die beklemmende Erkenntnis, dass die Menschheit nur ein unbedeutender, vorübergehender Funke in der Unendlichkeit eines indifferenten Universums ist. Diese Erkenntnis ist nicht schön, aber wenn wir uns eine denkende und planende Natur als über uns stehendes Wesen imaginieren, macht das die tatsächliche Situation nicht besser. Es macht uns nur unfreier: Es kettet uns an vermeintliche Forderungen, die wir erfüllen müssen, um dem Willen eines Fantasiegebildes gerecht zu werden.

Also freut euch doch einfach mal, wenn ihr das nächste Mal in einen Burger-Patty aus Kichererbsenproteinen beisst oder euer Kind gegen Masern impfen lasst: Yeah, ich muss nicht dem Plan der Natur folgen. Ich muss keine Regenwürmer essen und meinem Kind dabei zuschauen, wie es an einer banalen Krankheit stirbt, wie es die Natur vorgesehen hat. Denn die Natur hat gar nichts für mich vorgesehen. Und selbst wenn: Fick dich, Natur. Ich mache, was ich will.

Nieder mit dem „Wir“.

Nationalismus und Rassismus fangen übrigens nicht an bei „Wir sind besser als ihr“, sondern bei „Wir“. Es gibt kein „Wir“ ohne „Die“, es gibt keine Ingroup Love ohne einen Outgroup Hate. Wer „Wir“ sagt, stellt die Gruppenidentität über das Individuum und entmenschlicht damit nicht nur sich, sondern alle, die er zu diesem „Wir“ dazuzählt oder davon ausschließt. Wenn es nach mir ginge, wäre die Erste Person Plural schon längst verboten, aber auf mich hört ja mal wieder keiner.

Christenlogik an Ostern in a nutshell.

Gott: „Liebe Menschen! Ich werde euch all eure Sünden vergeben.“
Menschheit: „Geil, danke!“
Gott: „Damit das geschehen kann, schicke ich meinen Sohn auf die Erde…“
Menschheit: „Yeah!“
Gott: „… der dann grausam hingerichtet wird.“
Menschheit: „Wait, what?“
Gott: „Er leidet und stirbt stellvertretend für euch. Anstatt euch für eure Sünden zu quälen und zu töten, geschieht das meinem Sohn.“
Menschheit: „Aber… äh, warte, gäbe es da nicht eine andere Möglichkeit?“
Gott: „Glaubt mir, niemandem tut das mehr weh als mir selbst. Okay, doch, meinem Sohn vielleicht schon.“
Menschheit: „Aber könntest du deinen Sohn nicht einfach… nun ja, nicht töten?“
Gott: „Aber wie soll ich euch dann von den Sünden erlösen?“
Menschheit: „Alter, du bist allmächtig. Du kannst alles machen!“
Gott: „Glaubt mir, es ist wirklich der einzige Weg. Irgendjemand muss sterben. Das ist das Gesetz.“
Menschheit: „Aber DU machst die Gesetze! Also änder doch einfach dieses Gesetz, verdammte Axt!“
Gott: „So sehr liebe ich euch, dass ich meinen eigenen Sohn hingebe…“
Menschheit: „Dazu gibt es keinen vernünftigen Grund!“
Gott: „So viel Selbstlosigkeit! Meinen eigenen Sohn!“
Menschheit: „Mach es doch einfach nicht. Warum muss bei dir denn immer jemand sterben?“
Gott: „Ich wünschte, ich könnte das vermeiden! Aber die Sünde kann nur mit Blut vergolten werden!“
Menschheit: „Okay, okay, wir haben’s begriffen: Du bist einfach geil auf Blut. Machen wir doch einen Kompromiss: Deinem Sohnemann wird ein bisschen Blut abgezapft und dann erlöst du uns von den Sünden. Deal?“
Gott: „Zuerst wird er ausgepeitscht, bis sein Rücken eine matschige Masse aus zerfetztem Fleisch ist.“
Menschheit: „Okay, fuck. No kinkshaming, ein bisschen auspeitschen ist ja okay, aber…“
Gott: „Dann kommt noch ein bisschen Psychofolter mit einer schreienden Menschenmenge und eine Dornenkrone, die ihm den Kopf aufsticht…“
Menschheit: „… und dann ist aber auch gut. Genug Blut, ja?“
Gott: „… anschließend werden ihm Nägel durch Füße und Handgelenke getrieben.“
Menschheit: „Wat.“
Gott: „Und daraufhin hängt er mehrere Tage am Kreuz in der sengenden Sonne, bis seine Muskeln erschlaffen und er durch sein eigenes Körpergewicht zu ersticken droht. Sein letzter Gedanke im delirierenden Zustand wird sein, dass sein Vater ihn nie geliebt hat. Dann wird ein römischer Soldat ihm eine Lanze in den Bauch rammen.“
Menschheit: „Digger. Du weisst schon, dass das alles nicht nötig wäre, um uns von den Sünden zu erlösen. Du bist allmächtig, also könntest du das auch ohne Mord und Totschlag bewerkstelligen. Aber dir geht’s hier gar nicht um Erlösung, kann das sein?“
Gott: „Ich tue das nur, weil ich die Menschen so sehr liebe. Und gibt es einen ehrlicheren Weg, seine Liebe zu zeigen, als seinen eigenen Sohn öffentlich in einem blutigen Opferritual zu Tode zu foltern?“
Menschheit: „JUNGE WAS IST EIGENTLICH FALSCH BEI DIR“

facebook-Weihnachts-Bullshit-Bingo

Noch ist Weihnachten nicht vorbei, es ist also Zeit für mein patentiertes facebook-Weihnachts-Bullshit-Bingo! So einfach geht’s: Scrollt eure Timeline entlang und schaut nach, ob einer eurer Freunde einen Weihnachts-Bullshit von der Weihnachts-Bullshit-Bingo-Liste gepostet hat. Streicht bei jedem Treffer einen der Punkte von der Liste und trinkt darauf eine Tasse Glühwein. Wenn ihr alle Punkte von der Liste gestrichen habt, schreit laut „Bingo“ und kippt einen Schnaps nach. Und los!

Weihnachts-Bullshit-Bingo-Liste:
1. Inge, 35, hat ihren besinnlichen Tag und gemahnt die facebook-Gemeinde an „die wahren Werte von Weihnachten“, woraufhin irgendeine inkohärente Sülze mit Buzzwords wie „Familie“, „Fest der Liebe“ und „Besinnlichkeit“ folgt.
2. Jenny, 20, Abonnentin von Fashion-Haul-Youtubern, mutiert zur Professorin für angewandte Kapitalismuskritik und beschwert sich darüber, dass es an Weihnachten „ja nur noch um Konsum und Kommerz und so“ ginge.
3. Thorben, 19, seit drei Monaten Viking-Metal-Fan und stolzer Träger eines Thorshammer-Anhängers, wird zum investigativen Journalisten und findet heraus, dass Weihnachten „ja in Wirklichkeit ein heidnisches Fest“ sei und der Weihnachtsbaum „eigentlich Jultanne heisst!!!“ Nimm das, Christentum.
4. Julian, 29, hat noch nicht ganz begriffen, dass Musik auch ausserhalb des Radios existiert, wird aber immer an Weihnachten zum professionellen Musikkritiker und regt sich darüber auf, dass „Last Christmas“ das „allerschlimmste Lied von allen“ sei und dass es „so nervig“ wäre, dass man „dauernd dazu gezwungen“ werde, dieses furchtbare Stück Musik zu hören.
5. Klara, 25, Jugendgruppenleiterin bei der Freikirche, erinnert nochmal daran, woran es an Weihnachten wirklich, wirklich, also WIRKLICH geht: Nämlich um Jesu Geburt, derer sie mit verkitschten Bildchen und Versen aus der Frohe-Botschaft-Bibel gedenkt.
6. Ronnie, 31, Rebell, verkündet seine gegen den Strom gewandte Schwimmrichtung und postet Bilder von sich, wie er etwas supercooles und ganz und gar nicht weihnachtliches macht (surfen auf den Malediven oder so), um „dem ganzen Trubel“ zu entkommen. Tougher Typ.
7. Susie, 29, Katzenbesitzerin, postet Fotos und Videos von Katzen, die den Weihnachtsbaum demolieren, mit Geschenkpapier spielen, oder, ganz witzig, hahaha, als Geschenk verpackt werden.

Jesus und der Metzger um die Ecke™

Jesus lebt und er hat eine Metzgerei. Der Beweis sind Diskussionen über Massentierhaltung: Wer jemals mit einem Fleischliebhaber über die ethischen Probleme der Tierproduktion gesprochen hat, weiss: Der Gesprächspartner kauft sein Fleisch natürlich nicht im Supermarkt. Er greift nicht zu billigen Discounter-Produkten in Plastikhüllen, ja, beim puren Gedanken an Erzeugnisse aus den Megaschlachthöfen dreht sich ihm der Magen um. Fleisch kauft er nur beim Fachmann seines Vertrauens, beim menschgewordenen Gütesiegel, beim ökologisch bewussten Fels in der Brandung der industrialisierten Tierhaltung: Beim Metzger um die Ecke™. Wer hier kauft, weiss, was er bekommt: Fleisch von Tieren, die nicht einfach nur über grüne Weiden hoppeln, sondern dort sogar Kunstturnen veranstalten; von Tieren, die sich massieren lassen, während sie Gourmet-Futter aus ökologischem Anbau wiederkäuen und die nicht einfach nur totgestreichelt werden, nein, die sich vielmehr aus purer Dankbarkeit für ihr schönes Leben auf schonende Weise eigenhufig ins Jenseits befördern. Der Metzger um die Ecke™ kennt jedes Tier beim Vornamen, war bei jeder Ferkelgeburt persönlich als Hebamme mit dabei und inspiziert jedes Weizenkorn unter dem Mikroskop, bevor es im Tierfutter landet. Dass Fleischkonsumenten all das bis ins Detail wissen, legt einen Schluss nahe: Sie haben die Tierhöfe des Metzgers um die Ecke™ mit eigenen Augen gesehen. Dieser Teufelskerl hat nach seiner Arbeit an der Wursttheke also offenbar noch Zeit, seinen Kunden eine Privatführung durch die Ställe seiner Lieblinge zu geben. Kunden, die sich nicht sicher sind, ob die Haxe für den Sonntagsbraten – denn bei ihnen gibt es ihn noch, den guten, alten Sonntagsbraten, sie brauchen ja nicht jeden Tag Fleisch, versichern sie – auch wirklich aus einer ethisch vertretbaren Haltung stammt, fragen einfach: „Aber Herr Metzger um die Ecke™! Woher weiss ich denn, wie das Tier gelebt hat?“ und er antwortet mit seiner weichen, sonoren Altherrenstimme: „Kein Problem! Kommen Sie mit und sehen Sie selbst!“ und nimmt seine Kunden mit auf eine Entdeckungsreise durch die saftigen Auen, auf denen die Schweine dösen.

Nun ist eins verwunderlich: Die Zahl derer, die ihr Fleisch bei diesem sagenumwobenen Metzger um die Ecke™ kaufen, ist überwältigend. Jeder einzelne Konsument, der auf seinen Fleischkonsum angesprochen wird, wird binnen weniger Sätze schwören, sein Fleisch immer und ausschließlich nur bei diesem Supermetzger zu kaufen. Zwar essen diese Menschen auch öfters mal eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt oder einen Döner um fünf Uhr morgens nach dem Aus-dem-Club-raustorkeln, aber da sie dennoch ihre ewige Bindung an den Meistermetzger betonen, lässt das nur einen Schluss zu: Alle Bratwurstverkäufer, Dönerläden, Pizzalieferdienste und Burger-King-Filialen dieser Welt beziehen ihr Fleisch von diesem Metzger um die Ecke™. So oft bekennen sich Carnivoren feierlich als Stammkunden ihres Vertrauensfleischers, dass man sich wundern muss, woher all die Megamastanlagen kommen – und wie ein einzelner Metzger offenbar den Bedarf der gesamten Weltbevölkerung decken kann. Noch seltsamer ist es, dass dieser Metzger zwar um die Ecke wohnt – das aber offenbar für jeden seiner Kunden gilt, egal, woher der Kunde selbst stammt. Ob in Stuttgart oder in Hamburg, ob in Paris oder London, überall schwärmen Gourmets von diesem Metzger, dessen Filiale offenbar immer und überall um die Ecke ist. Wer ist immer überall gleichzeitig? Und wer kann ganz alleine tausende hungriger Bäuche satt machen? Natürlich kann es darauf nur eine Antwort geben: Jesus. Jesus, der auferstanden ist, um die Speisung der Fünftausend zu einer Speisung der Sieben Milliarden zu machen; Jesus, der an allen Orten gleichzeitig ist, um der Welt Frieden und Frikadellen zu schenken. Lasst ihm uns danken und ihn in unser Tischgebet einschließen, wenn es wieder heisst: Unser täglich Blutwurst gib uns heute.

Hört auf, Respekt zu haben.

Blablabla, man muss auch Nationalisten mit Respekt begegnen, blablabla, auch Pegida-Anhänger haben Respekt verdient, blablabla. Ich habe deshalb keinen Respekt vor solchen Leuten, weil sie nur in der ersten Person Plural sprechen. „Wir“ müssten uns gegen Überfremdung wehren, „wir“ müssten „unsere“ Kultur verteidigen, „unsere“ Werte bewahren, stolz auf „unsere“ Leistungen in der jahrhundertelangen Geschichte „unseres“ Volkes sein und „unsere“ Frauen schützen. Wer so spricht, hat aufgehört, sich als Individuum zu sehen, und wie soll ich Respekt vor jemandem haben, der noch nicht mal Respekt vor sich selbst als Individuum hat?

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 8

Damals, als Frei.Wild vom Echo ausgeladen wurden, hat Harald Martenstein die Band in der ZEIT verteidigt und gemeint, ihre Texte könnten doch genausogut von „irgend so einem bedrohten Indianerstamm im Amazonasgebiet“ stammen. Genau da liegt aber doch das Problem, oder besser gesagt die zwei Probleme: Erstens, dass die Band das Gefühl vermittelt, das deutsche Volk sei vom Aussterben oder von Vertreibung, Vernichtung oder kultureller Assimilation durch übermächtige fremde Rassen und Kulturen bedroht. Das zweite Problem ist der Indianerstamm selbst, sprich: das Volk. Es gibt auf diesem Planeten kaum etwas widerwärtigeres als das Volk. Das Volk ist ein dahinfantasierter monolithischer Block, der nur durch Abgrenzung zu anderen Völkern überhaupt erst existieren kann und dessen Angehörigen keine einzelnen Individuen sind, sondern eine heterogene Masse der Gleichförmigkeit, kurz: Das Volk trägt nicht die Gefahr des Faschismus in sich, sondern das Volk IST von Anfang an bereits Faschismus. Allerdings muss man Frei.Wild einen Punkt geben: Wenn sie ihr Volk als bedrohten Indianerstamm wahrnehmen, dann haben sie ja schon irgendwie recht, denn schließlich ist diese Kultur, aus der Frei.Wild stammen, diese zivilisationsferne Dorfgemeinschaft aus primitiven Bauernfamilien, die aus Angst vor Überfremdung nichts begatten, was nicht mindestens den gleichen Nachnamen wie man selbst trägt und bei denen sofort Panik ausbricht, wenn sich irgendeine Kuh aus dem hundert Kilometer entfernten Nachbarkaff in die eigenen Jagdgründe verirrt, ja nun auch nicht wirklich was anderes als ein Indianerstamm, und vom Aussterben bedroht sind sie ja auch, da man in solchen Kulturen traditionell so viel Angst vor dem ewigen Fegefeuer hat, dass man lieber gar keinen Sex praktiziert und wenn, dann so, dass auch auf jeden Fall die Geschlossenheit des Genpools gewährleistet bleibt.

Gedichtinterpretation, Level eine Million.

Wenn du ein Gedicht interpretierst, das sowieso schon ziemlich creepy ist und deine Interpretation einfach alles noch viel schlimmer macht:
Goethe wechselt im letzten Satz des „Erlkönigs“ plötzlich vom Präsens ins Präteritum, was einige Leser zurecht etwas weird finden. Alle Interpretationen, die den Wechsel der Zeitform behandeln, gehen davon aus, dass das Kind in der letzten Zeile stirbt und stellen sich die Frage, warum ausgerechnet der letzte, also der aktuellste Teil der Handlung, in der Vergangenheitsform berichtet wird. Aber vielleicht ist der Tod des Kindes ja gar nicht der aktuellste Teil. Vielleicht war das Kind ja wirklich schon tot, bevor der Vater losgeritten ist. Das würde bedeuten, dass der Vater die ganze Zeit über mit einer Leiche im Arm durch die Gegend geritten ist und sich im Wahn eingebildet hat, mit ihr zu sprechen. Oder vielleicht war er gar nicht im Wahn und das tote Kind hat wirklich mit ihm gesprochen.
Filmrechte liegen bei mir, okay.

Der steppende Wolf.

Wäre „Der Steppenwolf“ von Max Frisch geschrieben worden, hätte sich Harry Haller eine neue Identität zugelegt und wäre in die USA ausgereist, um dort auf Maskenbälle zu gehen und Jazz zu hören.

Wäre „Der Steppenwolf“ von Robert Louis Stevenson geschrieben worden, hätte Harry ein Serum erfunden, das ihn für einige Stunden in eine fremd aussehende, vergnügungssüchtige Person verwandelt hätte.

Wäre „Der Steppenwolf“ von H. P. Lovecraft geschrieben worden, Read More