Das Aussterben der Metalfestivals.

Summer Breeze:
Du befindest dich im Stau. Vor dir hängt eine Flagge mit der Aufschrift „Badeentchen sind Krieg!“ mit einem aufgemalten Corpsepaintbadeentchen aus einem Auto. Aus dem Auto hinter dir dröhnt lautstark J.B.O., manchmal abgelöst durch Mittelaltergedudel und Emogeplärre. Nach stundenlangem Staustehen kommst du endlich auf deinem Zeltplatz an, steigst aus dem Auto und stellst fest, dass deine Nachbarn links von dir Gothics in mittelalterlichen Gewändern und kiloweise Pampe im Gesicht sind, während sich rechts von dir ein paar Kurzhaarbanger mit Anti-Hiphop-Alliance-Shirts niederlassen, allesamt mit Biertrinkhelmen und lautstarkem „SLAAAYEEEER!! DUSCHEN IST KEIN MEDDL!“-Gebrüll. Du weisst sofort, dass diese Leute weder von Hiphop, noch von Metal, noch von Slayer Ahnung haben. Höchstens vom Duschen. Von Metal Ahnung zu haben tut hier aber eher weh, da du die folgenden Tage auf dem Campinggelände keinen Metal hören wirst. Während du durch die Zeltreihen zum Klo oder zum Festivalgelände schlenderst, wird dir aus dutzenden Riesen-Angeber-Soundanlagen deutlich öfter Lady Gaga, der Titelsong von „Wir Kinder von Bullerbü“, „Das rote Pferd“, die gesammelten Werke von DJ Ötzi oder der Pingu-Techno-Remix entgegendröhnen. Der Witz, auf Metalfestivals unmetallische Musik laufen zu lassen, ist nämlich sehr neu und darum auch sehr lustig. Um Metal zu hören, muss man sich schon vor die Bühne bewegen. Wobei man auch da nicht viel Metal geboten bekommt. Ein paar Gothic-Bands zum Schmusen, ein paar Mittelalter-Bands zum Schunkeln, ein paar Pagan-Bands zum Vollplastikmethörner heben und ein paar Deathcore-Bands zum Austausch über neue vegane Kochrezepte bilden das Line-Up. Wie jedes Jahr natürlich mit Subway to Sally und Amon Amarth als Headliner. Bei letzteren wird man durch zahlreiche Shirts belehrt, dass Odin viel cooler ist als Jesus. Oft auch durch Rückenaufdrucke, die man sehr gut lesen kann, weil hier zum Glück jeder kurze Haare hat. Beim Rückweg zum Zelt hopsen einem noch ein paar nackte Fettsäcke, ein paar Fettsäcke im Bikini, ein paar vollgemalte Fettsäcke, ein paar Fettsäcke im rosa Tütü und noch ein paar Fettsäcke im rosa Hasenkostüm über den Weg. Wieder beim Zeltplatz angelangt, säufst du dir die Agonoize-Dauerbeschallung von links und die Böhse Onkelz-Dauerbeschallung von rechts schön.
Zum Glück interessiert sich eh niemand für die Bands. Wir sind ja nur zum Saufen da.

Wacken:
Nachdem sich Wacken von jeder großen Band einen Exklusivgig für Summen erkauft hat, die kein anderes Metalfestival bezahlen kann, können sich die Veranstalter sicher sein, dass auch niemand ausser ihnen Publikumsmagneten im Line-Up hat. So zieht’s auch dich in den schönen Norden. Dein Gepäck musst du nicht mitnehmen, da du es per UPS zum Wacken Mail- and Parcel-Office schicken kannst – anfahren kannst du natürlich mit dem Metaltrain. Ist wie alles bei Wacken teuer, aber du kriegst ja auch was für dein Geld: Zirkuszelte, in denen Schlammcatchen, Freak-Shows, menschliche Kanonenkugeln, Comedyshows, Wrestlingshows, Wet-T-Shirt-Contests und Lapdance auf dem Programm stehen; ein eigenes Internetcafé, in dem du deinen facebook-Freunden mitteilen kannst, wie toll die schwebende Jägermeisterlounge ist, in der du dich besoffen hast; Handyladestationen, Telefonzellen und dein teuer bezahltes Privatklo! Nicht zu vergessen die Chillout-Lounge, die festivaleigenen Bankautomaten, die Festivalzeitung, der W:O:A-Soccercup für deine eigene Fußballmannschaft, Metal-Karaoke, Infostände und Kinderbetreuung. Leichter gemacht wird der Festivalalltag auch durch die Wacken Mobile Apps für iPhone und Android, Seelsorger und Schliessfachtrucks. Ein weiterer Höhepunkt ist aber natürlich das Wackinger Village: Ideal für alle Larp- und Rollenspielnerds, die sich hier mit Plastikschwertern austoben dürfen! Mit dabei sind natürlich Schaukämpfe, ein Mittelaltermarkt und Gaukler. Wer braucht da noch Musik? Der Platz vor den Bühnen ist sowieso so voll, dass man seine Lieblingsbands bestenfalls aus einem halben Kilometer Entfernung sehen kann. Wer es schafft, sich weiter vorzudrängeln, wird zerquetscht. Aus genügender Entfernung bekommst du höchstens noch einen Soundmatsch mit, den der gut vernehmbare Krach vom Soundcheck auf der zweiten Bühne auch nicht besser macht. Aber du musst dir ja nicht die Anstrengung eines Live-Gigs geben (zumal sich eh alle Bands überschneiden) – schließlich hast du ja die 3,4 x 8 m großen Videoleinwände, die dich über das Geschehen auf der Bühne gut informieren.
Kurz: Auf Wacken hat es alles. Ausser Metal. Aber wer braucht den schon, wenn er die Annehmlichkeiten eines Tripsdrill-Erlebnisparks für Erwachsene hat?

Ansonsten: Party.San für die ach so harten, die nur Deff und Blägg Meddl hören. Was an großen Festivals übrig bleibt, sind Bang Your Head und Rock Hard.

[27.08.2011]

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