Iss, was auf’m Teller is‘, auch wenn’s mal nich‘ Nutella is‘.

Erst mal: Nein, ich will mit diesem Blogeintrag niemanden von irgendwas überzeugen. Es ist mir enorm bums, was ihr esst. Fleisch schmeckt toll und ich kann’s verstehen, wenn man es gerne isst, ehrlich. Es besteht keine Notwendigkeit, darüber mit mir zu diskutieren. Esst, so viel ihr wollt, das ist okay für mich. Ich will euch nicht bekehren, wirklich nicht. Aber ich will auch nicht bekehrt werden.

Fazit nach ’nem groben Jahr als Vegetarier: Während meiner Fleischesserzeit habe ich mich immer über diese militanten Vegetarier aufgeregt, die immer und überall jeden aggressiv zum Vegetarismus bekehren wollen. Allerdings sind mir solche Menschen nie begegnet. Ich habe nur gewusst, dass es sie mit Sicherheit gibt. Manchmal habe ich tatsächlich erbitterte Diskussionen darüber geführt, dass Fleischessen natürlich und ethisch korrekt ist. Allerdings habe ich diese Diskussionen selber begonnen.
Seit ich Vegetarier bin, haben diese Diskussionen aber extrem zugenommen. Nur, dass ich mittlerweile auf der anderen Seite bin. Und nein, nicht, weil ich versuche, Menschen zu bekehren – sondern, weil die besten Freunde entsetzt und empört reagieren, sobald der Satz „Du, ich esse mittlerweile kein Fleisch mehr“ fällt.
Irgendwie finde ich es echt lustig: Man regt sich immer über die militanten Vegetarier auf. Aber kein einziges Mal wollte mich ein Vegetarier vom Vegetarismus überzeugen – aber mit sehr großer Regelmäßigkeit wollen mich Fleischesser vom Fleischessen überzeugen.

Da ich keine Diskussion nerviger finde als die Vegetarismus-Geschichte und sie trotzdem ständig führen muss, habe ich mittlerweile eine Hitliste der am häufigsten gebrauchten „Jetzt hör endlich mit dem Vegetarierblödsinn auf“-Argumente:

Auf Platz 4: „Aber du isst doch auch Pflanzen! Das sind doch auch Lebewesen!“
Stimmt. Lebewesen zu essen ist auch nicht falsch. Lebewesen unter unmenschlichen Bedingungen zu halten und ein Leben lang zu quälen, schon. Da heisst’s dann gerne „Aber du weisst ja nicht, ob Pflanzen auch Schmerzen empfinden?“ Ich weiss auch nicht, ob es Gott gibt. Muss ich deshalb an ihn glauben? Legt mir eine Studie vor, die eindeutig nachweist, dass sich die Kartoffel auf’m Feld eingesperrt fühlt und dank ihrem durch Zucht unnatürlich vergrößertem Gewicht körperliche Schmerzen empfindet. Sobald ich diese Studie vorliegen hab, werd ich gerne zum Frutarier.

Auf Platz 3: „Ohne Fleisch fehlen dir wichtige Nährstoffe!“
Eeeek, falsch. Fleisch als Muskelaufbaugarant dank seines hohen Eisen- und B-Vitamingehalts ist’n Mythos. Ein bisschen biologisches Rumgenerde: 100 g Schweineschnitzel enthalten einen Mikrogramm Vitamin B12, ein Frühstücksei dagegen 1,4 g. Unser Verdauungstrakt kann tierische Eiweisse ziemlich gut verwerten, da ihre Aminosäurenstrukturen unseren ähneln – Eier, Milchprodukte, Kartoffeln und Soja liefern aber Eiweisse, die sogar noch deutlich besser verwertbar sind als Fleisch.
Ausserdem: Leute, ich saufe, rauche und kiffe. Selbst wenn Vegetarismus ungesund wäre, glaubt ihr, das würd mich ’nen Scheiss jucken?

Auf Platz 2: „Fleisch wird sowieso produziert. Wenn wir’s nicht essen, wird es nur weggeschmissen!“
Wirtschaft für Anfänger: Der Käufer reguliert den Markt mit. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage sorgt dafür, dass bei sinkender Nachfrage auch das Angebot runtergefahren werden muss, wenn der Anbieter keinen Verlust machen will. Oder, in ganz einfachen Worten: Oma Ilse strickt Pullis. Die Wolle für einen Pulli kostet 10 Euro. Sie verkauft einen Pulli für 15 Euro. Wenn 10 Leute pro Tag einen Pulli wollen, strickt sie 10. Sie gibt dafür 100 Euro aus und bekommt 150. Damit hat sie 50 Euro Gewinn gemacht. Wenn am nächsten Tag aber nur noch 5 Leute einen Pulli wollen und sie trotzdem 10 strickt, gibt sie 100 Euro aus und nimmt nur noch 75 ein. Damit macht sie 25 Euro Verlust. Also strickt sie nur noch 5.
So einfach wie im Beispiel ist die komplexe Welt der Wirtschaft natürlich nicht. Trotzdem sind sinkende Verkaufszahlen ein Argument für sinkende Produktion.
Abgesehen davon klingt das Argument „Es wird eh produziert, also kann ich’s auch unterstützen“ nach „Die NPD wird sowieso gewählt, dann kann ich sie ja auch wählen.“

Auf Platz 1: „Fleisch essen ist natürlich!“
Oh ja. Der alte Kreislauf des Lebens: Der heldenhafte Jäger zieht aus, um Nahrung zu fangen, seine Familie zu ernähren und das Überleben zu sichern. Geschickt schleicht er sich durch die mystischen Jagdgründe des Aldi. Er entdeckt ein Rudel Putenbrüste in ihrem natürlichen Lebensraum: Der Kühltruhe. Sie scheinen zu schlafen, denn sie haben sich in ihr Nest aus Plastik zurückgezogen. Der Jäger schlägt zu. Doch nicht ohne Gefahr – er zahlt einen hohen Preis für diese mutige Aktion: 2,99 Euro. Tjaja, so sieht die Natur nun mal aus.
Wenn es darum geht, Fleisch zu essen, sind die hohen Gesetze der Natur gottgegebene Heiligtümer. Wenn es um Tierhaltung geht, wird schon mal ein Auge zugedrückt. Schweine, die sich ihr Leben lang dank Platzmangel nicht bewegen können und denen aufgrund der Zwangsmast unter ihrem Gewicht die Beine brechen, leben zwar nicht natürlich, aber mein Gott, es gibt doch wichtigeres als die Gesetze der Natur, was?

[10.02.13]

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