Versuch einer Rezension: Ghost – Infestissumam

Niemand schafft es, dermaßen gutgelaunte Feelgood-Mitsing-Hits über rituelle Satansmorde und die Weltherrschaftspläne okkulter Terrorzellen zu singen wie GHOST. Die eingängigen Gesangslinien der Beatles, die dröhnenden Gitarrenriffs von Black Sabbath, ein paar rock’n’rollige Hammondorgeln und viel satanische Propaganda, die in ohrwurmige Refrains verpackt ist – fertig sind die Sommerhits, die man hören sollte, wenn man bei der nächsten Grillparty christliche Jungfrauen röstet. Was immer noch grandios funktioniert, sind Image und Konzept der Band: Ein paar angeblich sehr bekannte, aber anonym bleibende Musiker hüllen sich in schwarze Roben und behaupten, sie wären von Satan mit der Gründung einer musikalischen Propagandaeinheit beauftragt worden – erklärt auch, warum die Musik so verdammt catchy ist: Wenn Satan neue Anhänger gewinnen will, müssen sie seine antichristlichen Botschaften ja auch verinnerlichen – am Besten, indem sie sie breit grinsend vor sich hinsingen, während sie mit offenem Cabrio über die Landstraßen düsen.

Kommen wir zur Musik: Die stellt definitiv eine Weiterentwicklung zum vorangegangenen Debüt „Opus Euponymus“ dar. War der Erstling noch roh, reduziert und trotz seiner großen stilistischen Kreativität noch leicht durchschaubar, trägt man bei „Infestissumam“ nun schon etwas dicker auf: Zwar klingt der neue Sänger Papa Emeritus II. nahezu wie sein Vorgänger, doch ist er in seinen gesanglichen Ausdrucksfähigkeiten ungleich variabler. Ein dezenter Opernschwulst, ein sardonischer Kinderstimmensingsang, choraler Bombast – ein Abwechslungsreichtum, der gut zum weiterentwickelten Stil der Band passt. Denn „Infestissumam“ traut sich in vielerlei Hinsicht mehr als sein Vorgänger. Etwa, wenn in „Secular Haze“ mit Drehleier, Dreivierteltakt und einem charakteristischen Snare-Spiel die Atmosphäre eines morbiden Jahrmarktes evoziert wird. Oder wenn „Guleh“ mit einem verträumt-lieblichen Klavier, poppigen Basslines und drohend geknurrten Worten in das von hymnischen Chören verzierte „Zombie Queen“ einleitet. Oder, wenn im unglaublich epischen „Year Zero“ gregorianische Chöre die Namen des Teufels aufzählen, um verstörend geflüsterte Strophen in leidenschaftliche Leadgitarren aufgehen zu lassen. „Monstrance Clock“ ist in seiner gemütlichen Ruhe, seiner melancholischen Fröhlichkeit und seinem wunderschönen Refrain ein gelungener Rausschmeisser, der ein Gefühl von Sehnsucht und Glückseligkeit hinterlässt. Das wird zwar durch die beiden Bonustracks etwas kaputt gemacht, aber da die auch ziemlich gut sind, verzeihe ich das mal.

Interessierten würde ich auf jeden Fall raten, sich die Special Edition zu holen, denn nur diese glänzt mit den wahrscheinlich besten Illustrationen, die ich jemals in einem (nicht von mir gestalteten) Booklet sehen durfte. Barocke Pracht trifft auf Surrealismus und die psychedelische Malerei der 70er, zahlreiche Konterkarierungen religiöser Motive geben viel Freiraum für Interpretation und auch die Anspielung auf das „Sabbath, bloody Sabbath“-Cover und diverse Anleihen bei Hieronymus Bosch sind sehenswert. Besonders beeindruckend ist aber die Tatsache, dass es dem (übrigens ebenfalls anonym gebliebenen) Künstler gelungen ist, die Strichführung barocker Kupferstiche exzellent zu imitieren – wer die Feinheit und die speziellen Herausforderungen der Linienführung kennt, dürfte die Besonderheit darin erkennen. Aber auch dem kunsthistorisch weniger beflissenen Betrachter dürfte die religiös aufgeladene Stimmung christlicher Barockkunst auffallen, die mit satanischen, okkulten, surrealistischen und psychedelischen Motiven gebrochen wird.

Kurz: Es wird Zeit, Satan auf die schönste Weise zu huldigen, die es gibt – Sonnenbrille aufziehen, Joint anzünden und breit grinsend mitsingen: „HAIL SATAN – ARCHANGELOOOOOOO! HAIL SATAN – WELCOME YEAR ZEEEEEEROOOOO!“

[08.04.2014]

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