Angriff der Homolobby – Der Sturm im Wasserglas

Im Nahen Osten breitet sich ein fanatisch-religiöses Terrorregime aus und produziert einen Flüchtlingsstrom von historischen Ausmaßen, in den USA strebt ein chauvinistischer, fremdenfeindlicher und verrückter Milliardär nach der Macht – doch in Baden-Württemberg konzentriert man sich auf die wirklich, wirklich bedeutenden Themen: Darauf, den Entwurf des neuen Bildungsplans zu bekämpfen. An Lagerfeuern erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand furchterregende Geschichten darüber, was die grün-roten Herren der Finsternis da so geplant haben: Die Homolobby wolle Kinder frühsexualisieren, einzelne Gruppen überbevorzugen und eine ganze Generation in sexuelle Verwirrung stürzen. Klingt spannend. Wer den Entwurf des neuen Bildungsplans mal gelesen hat, wird aber enttäuscht: Die Vorschläge zur Modernisierung des Schulunterrichts in Baden-Württemberg sind so dermaßen unspektakulär, dass man sich ernsthaft die Frage stellen muss, wofür oder wogegen die Teilnehmer der »Demo für Alle« in Stuttgart überhaupt regelmäßig demonstrieren.

Zuerst mal, liebe Konservative, können Sie entspannt aufatmen: Die Themen Sexualität und sexuelle Ausrichtung nehmen im Entwurf des neuen Bildungsplans keine übergeordnete Rolle ein. Genauer gesagt folgt er mehreren allgemeinen Leitperspektiven, von denen eine tatsächlich einmal »Akzeptanz sexueller Vielfalt« hieß. Das ist bewusst in der Vergangenheitsform formuliert, denn auch dieser Punkt wurde mittlerweile durch »Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)« ersetzt. Und nein, die Worte »Toleranz« und »Vielfalt« stehen auch hier nicht ausschließlich für Sexualität. Genau genommen heißt es hierzu:

»In der modernen Gesellschaft begegnen sich Menschen unterschiedlicher Staatsangehörigkeit, Nationalität, Ethnie, Religion oder Weltanschauung, unterschiedlichen Alters, psychischer, geistiger und physischer Disposition sowie geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung. Kennzeichnend sind Individualisierung und Pluralisierung von Lebensentwürfen.«

Geschlechtliche und sexuelle Orientierung werden also nur in einer von drei Leitperspektiven zum Thema gemacht – und selbst in dieser werden diese beiden Punkte an letzter Stelle nach neun weiteren, gleichwertigen Themen genannt. Und ganz ehrlich, liebe Konservative und christliche Fundamentalisten: Ist es nicht auch für Sie wünschenswert, dass die Akzeptanz von Weltanschauungen und Religionen thematisiert wird?

Um die Homo-Ehe abzulehnen, muss man wissen, was die Homo-Ehe ist

Weiterhin müssten manche Vorschläge zur Behandlung des Themas »sexuelle Ausrichtung« selbst bei homophoben Hardlinern auf Zustimmung stoßen: Wer eine ernsthafte Debatte über Homo-, Bi- und Transsexualität, eingetragene Lebenspartnerschaften oder die Homoehe anstrebt, benötigt dazu zuallererst ein grundlegendes Wissen über die genannten Themen, und zwar in biologischer, psychologischer, gesellschaftlicher, ethischer und juristischer Hinsicht. Nichts Anderes ist bei der Reform des Schulunterrichts geplant: Zum Beispiel sollen Schüler durch den Biologieunterricht ab der siebten und achten Klasse in der Lage sein, »unterschiedliche Formen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität wertfrei [zu] beschreiben«. Egal, ob man zur Akzeptanz anderer sexueller Ausrichtungen nun positiv oder negativ steht – um sich überhaupt eine Meinung über diese Themen zu bilden, sollte man doch zumindest mal wissen, um was es sich bei Homo- und Bisexualität überhaupt handelt, oder etwa nicht?

Gleiches gilt für die Behandlung im Gemeinschaftskundeunterricht in den Klassen acht bis zehn: Ziel sei es, dass Schüler unterschiedliche Formen des Zusammenlebens wie »Ehe, Eingetragene Lebenspartnerschaft, traditionelle Familie und Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen« definieren können. Wer das nicht kann, hat gar nicht die Fähigkeit, sich irgendeine Meinung über diese Themen zu bilden. Liebe Gegner des Bildungsplanes: Sind nicht auch Sie in der Lage, die genannten Formen des Zusammenlebens zu beschreiben? Und finden Sie es gefährlich, über dieses Wissen zu verfügen? Natürlich nicht. Denn um die Homo-Ehe abzulehnen, muss man zuerst einmal wissen, was die Homo-Ehe überhaupt ist. Und wer sollte für die Vermittlung solchen Wissens schon zuständig sein, wenn nicht unsere Schulen?

Neutralitätspflicht? Nur für Moslems, bitte!

Vielleicht ist es die Wertfreiheit, die manchen sauer aufstößt. Von der Norm abweichende sexuelle Orientierung sollen Schüler »wertfrei« beschreiben können. Nicht ablehnend. Nicht als Darstellung einer psychischen Erkrankung. Einfach wertfrei. Homo- oder Bisexualität würden dadurch zur Norm erklärt, wird aus dem rechten Lager geschrien. Und das von Menschen, die beim Gedanken, muslimische Lehrerinnen könnten ihre Neutralitätspflicht durch das Tragen eines Kopftuchs verletzen, einen Kreislaufkollaps bekommen. Lehrer müssten sich in ideologischen oder weltanschaulichen Fragen neutral verhalten, heißt es dann. Aber doch bitte nur, wenn es um ihren undeutschen Glauben geht. Homosexualität dürfen sie auch weiterhin krank finden und das den Kindern auch so vermitteln.

Oder vielleicht ist das Problem eher die sogenannte Frühsexualisierung. Grundschulkinder müssten lernen, was Pornos sind, müssten Oral- und Analsex beschreiben können und pantomimisch darstellen, wie man einen Deepthroat durchführt, munkelt man. Das ist selbstverständlich Quatsch. Auch der Entwurf des neuen Bildungsplans sieht keinen Sexualkundeunterricht vor der siebten Klasse vor. Das Thema der Toleranz und der Vielfalt soll laut des Plans zwar auch in der Grundschule stattfinden, bezieht sich hier aber nicht auf Sexualität, sondern auf Themen wie die Akzeptanz von Mitbürgern mit Migrationshintergrund oder Respekt vor anderen ethnischen Gruppen. Mag sein, dass es einige gibt, die behaupten, auch für Siebtklässler sei der Sexualkundeunterricht noch verfrüht. Diesen Menschen sei eine traurige Wahrheit gesagt: Auch Siebtklässler kennen youporn. Vielleicht ist es besser, wenn sie durch die Schule aufgeklärt werden anstatt durch Koprophilie-Filmchen.

Wird das Thema hochgekocht? Ja. Aber daran sind nicht die Homosexuellen schuld.

Aber warum soll denn überhaupt ein so großes Gewicht auf eine so kleine, verschwindend geringe, ja, nahezu vollkommen irrelevante Gruppe wie die LGBT-Gemeinde gelegt werden, fragen zahlreiche Kritiker. Eine Übervorteilung und Überbetonung sei das, ja, geradezu eine Diskriminierung »Normalsexueller«. Dazu sei erstens gesagt, dass eine solche Überbetonung ja gar nicht stattfindet. Wie eingangs erwähnt, ist die Akzeptanz gegenüber sexuellen Minderheiten nur einer von elf Unterpunkten innerhalb einer der drei Leitperspektiven des Bildungsplanentwurfs. Diese genannte Akzeptanz soll auch in Bezug auf zahlreiche andere Minderheiten wie Sinti und Roma, Juden, Muslime, Schwarze, Behinderte und etliche weitere thematisiert werden. Von einer Überbetonung der Homosexuellen kann hier also keine Rede sein. Zweitens werden Werte wie Toleranz oder die Akzeptanz von Minderheiten ja bereits in einem Schulfach gelehrt, das die Christenfraktion unter den Homophoben ansonsten ganz klasse findet: Im Religionsunterricht. Dass Jesus alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Nationalität oder Hautfarbe gleichermaßen liebe, schreiben sich selbst die Hardliner des Katholizismus auf die Fahnen. Warum sträuben sie sich dann so gegen den Gedanken, dass diese Werte auch in anderen Unterrichtsfächern vermittelt werden könnten? Drittens handelt es sich bei Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen tatsächlich um eine vergleichsweise kleine Bevölkerungsgruppe. Aber, oh Wunder, das haben Minderheiten so an sich: Dass sie in der Minderheit sind. Akzeptanz von Minderheiten lehren ist okay, aber bitte nur, wenn die Minderheit nicht so klein ist? Hier wird es langsam albern.

In einem Punkt, liebe Gegner des Bildungsplanes, stimme ich Ihnen aber zu: Ja, die Debatte über sexuelle Minderheiten wird viel zu sehr hochgekocht. Ich gebe es ja zu, Sie haben Recht: All die Regenbogenflaggen, all die Gay-Pride-Sticker, all die Talkrunden zum Thema Akzeptanz, all die CSD-Parties, das alles nervt. Und ja, es ist befremdlich, wenn einer kleinen Minderheit auf einmal eine so immense Aufmerksamkeit gewidmet wird. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Daran ist die LGBT-Szene nicht schuld. Auch nicht eine ominöse Homolobby. Auch nicht diese ätzend toleranten »Gutmenschen«. Nein. Keine dieser Gruppen war es, die sexuelle Orientierungen zu einem so großen Streitthema gemacht hat. Es waren die Homophoben. Gäbe es keine jahrhundertelange Ausgrenzung und Diskriminierung von Homosexuellen, keine Homo-Heilungstherapien, keine Gesetze gegen homosexuelle Handlungen, keine Ungleichbehandlung bei der Eheschließung – dann gäbe es auch keinerlei Notwendigkeit, Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten in den Bildungsplan zu integrieren. Das bedeutet für uns vor allem eines: Je mehr gegen Anderssexuelle agitiert wird, desto mehr wird dieses Thema in der Öffentlichkeit präsent sein. Wenn Sie in Zukunft also von Toleranz-Predigten verschont werden wollen, suchen Sie sich relevantere Themen als die Sexualpraktiken Ihres Nachbarn. Demonstrieren Sie doch mal gegen etwas Sinnvolles. Gegen syrische Terrorregimes oder verrückte amerikanische Milliardäre. Davon hätten wir doch alle was.