Musikkäufe des Jahres 2016.

Diamanda Galás – The Divine Punishment

Der 1986 veröffentlichte erste Teil von Galás »Masque of Red Death«-Albenzyklus ist ein verstörender Horrortrip voller Flüstern, Schreie, gesanglichen Stunt-Shows über vier Oktaven, atonalem Klaviergehämmer, Paukenschlägen und experimenteller Klangmalerei mit mannigfaltigen Geräuscheffekten. Ein Album über AIDS, religiösen Irrsinn, gesellschaftlichen Ausschluss und Selbsthass – Musik, die Angst macht.

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Sacred Reich – Ignorance & Surf Nicaragua Compilation

Der häufige linkspolitische Drall im Thrash Metal geht vor allem auf eine Band zurück: SACRED REICH. Die anarchischen Kampfansagen gegen Rassismus, Diskriminierung und die kriegerische Politik der Reagan-Ära haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Dieses edle Box-Set fasst das Debütalbum »Ignorance« von 1987 und die kultige »Surf Nicaragua«-EP von 1988 zusammen und garniert die beiden Werke mit Live-Aufnahmen, der kompletten »Draining you of Life«-Demo und einer DVD mit Interviews, einem frühen Promo-Video und einem Mitschnitt der kompletten Dynamo-Show von 1989 – kurz: ein prall gefülltes Paket für Thrash-Fanatiker und headbangende Polit-Rebellen.

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Ryskinder – משהו אחר קרה

Asaf Eden, Kopf des israelischen Duos RYSKINDER, bezeichnet seine Musik als Loop-based Garage Rock. Ein Ungetüm von einer Genrebezeichnung, das den Nagel überraschenderweise auf den Kopf trifft: Asaf nimmt Alltagsgeräusche auf, loopt sie, baut spontane Vocal-Ausbrüche in seine Beats ein und schafft mit Schellenkranz und hebräischen Lyrics die Grundlage für verspulte, effektbeladene Gitarrenspuren. Seltsam, fremd, kreativ und atmosphärisch.

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Johannes Brahms – Symphonie Nr. 1 c-Moll opus 68

Brahms erster symphonischer Anlauf muss ein harter Kampf gewesen sein: Über vierzehn Jahre lang komponierte und überarbeitete der Meister sein Werk, strich Passagen, arrangierte neu, immer im Bestreben, im Vergleich mit seinem großen Vorbild Ludwig van Beethoven bestehen zu können. Das Ergebnis klingt genau danach: Nach dem Versuch, Beethoven nachzueifern. Vor allem, wenn der Hörer versucht ist, auf das Hauptthema des vierten Satzes »Freude, schöner Götterfunken« zu singen, schleicht sich ein zweischneidiges Gefühl ein: Irgendwie wirkungsvoll, aber irgendwie auch nicht ganz eigenständig. Eine Zusammenfassung, die sich auf vieles in dieser Symphonie anwenden lässt: Die Beethovensche Idee »Von der Finsternis ins Licht« wird von den schleppenden Orgeltakten des ersten Satzes bis zum euphorischen Jubel des vierten Satzes vorbildlich durchexerziert, die Spannungsbögen, die wuchtige Untermalung der Themen, der gekonnte Wechsel zwischen zarter Verspieltheit und majestätischem Bombast – all das ist perfekt gemacht, aber eben auch genauso, wie es Beethoven gemacht hätte. Die mangelnde Individualität des Werkes mag ein Manko sein, angesichts der filigranen Melodien, der spannungsreichen Variationen und der wirksamen Kraft der Komposition ist das aber verzeihbar – manchmal steht Qualität eben doch über Individualität.

Jethro Tull – Broadsword and the Beast

Das 1982 veröffentlichte Album von Progressive-Rock-Legene Ian Anderson reisst mich weniger mit als das Vorzeigewerk »Aqualung« von 1971, das im Vorjahr Dauergast auf meinem Plattenspieler war; weniger Improvisation, weniger Überraschungen und weniger jazzige Sound-Experimente lassen die Scheibe etwas vorhersehbar wirken. Fantastische Melodien zwischer folkloristischer Träumerei und griffigem Hard Rock machen »Broadsword and the Beast« aber trotzdem zu einem lohnenswerten Hörerlebnis.

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Mercyful Fate – Nuns have no Fun

Bei diesem Bootleg handelt es sich eher um ein Sammlerstück als um eine Platte, die wirklich dazu gekauft wurde, um gehört zu werden. Das legendäre 1982er-Demo von King Diamonds genreprägender Satanscombo wurde hier um weitere frühe Rohaufnahmen ergänzt und auf rotes Vinyl gepresst. Einige Songs erhalten durch den dreckigen Klang der allerfrühesten Anfänge noch einen besonderen Charme, vieles wirkt aber auch nur wie eine unausgereifte Version späterer Klassiker. An der Wand macht sich die Scheibe aber trotzdem schön.

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Satan – Court in the Act

Zu den vielen Bands der NWoBHM, denen der große Durchbruch immer verwehrt blieb, zählen auch SATAN. Ihr Debütalbum »Court in the Act« von 1983 gilt unter Old-School-Fans heutzutage als Perle des Undergrounds, die ihrerzeit nie den verdienten Ruhm ernten konnte. Vertrackte Leadgitarrenmelodien, düstere Zwischenparts und ein Tänzeln auf dem schmalen Grat zwischen dreckigem Punk und epischem Heavy Metal machen dieses Album genausosehr zu einem Genuss wie das lose lyrische Konzept über Schuld, Sühne, Strafe und den Bruch mit gesellschaftlichen Erwartungen.

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Uriah Heep – Salisbury

Nicht nur wegen der »Leute, wir haben auch noch andere Songs«-Bandhymne »Lady in Black« zählt das 1971 veröffentlichte »Salisbury« zu den wichtigsten Werken der britischen Progressive-Rock-Legende. Zwischen den hart bretternden Riffs und den gesanglichen Tonleiterklimmzügen des Openers »Bird of Prey« und den verträumten Cleangitarren und folkloristischen Falsett-Gesangsmelodien von »The Garden« entfaltet sich ein atmosphärisches Spannungsfeld, das im sechzehnminütigen Titeltrack in Form der ersten großen Orchester-Komposition der Band einen Höhepunkt findet. Das pfeifende Stakkato der Flöten vermischt sich mit schwelgerischen Streicherarrangements, spanisch anmutenden Blechbläsern und leidenschaftlischen Gesangsmelodien zu einer Gesamtwirkung, die die spätere Marschrichtung von Uriah Heep entscheidend prägen sollte. Und ja, die schwarz gekleidete Lady mag im deutschen Radioprogramm zwar zur Genüge zu Grabe getragen worden sein, aber das Ineinandergreifen der vier Gitarren und die Entwicklung der getragenen Gesangslinien und schwermütigen Chöre ist immer wieder packend.

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Urfaust – Empty Space Meditation

Endlich: Jahre nach »Der freiwillige Bettler« öffnen sich wieder die rostigen Kerkertüren und aus dichten Marihuananebeln erhebt sich erneut ein schwarzes, psychoaktives Ungetüm des okkulten Grauens – die holländischen Black-Metal-Avantgardisten URFAUST sind zurück. »Empty Space Meditation« greift Stärken aus allen vorangegangenen Alben auf und geht viele weitere Schritte nach vorne. Die Produktion ist wieder dreckiger als auf dem Vorgänger, aber satter und differenzierter als auf den ersten beiden Alben; die doomigen Stoner-Rock-Einflüsse wurden etwas zurückgefahren und ein Hauch der früheren, einprägsamen Melodieführung zurückgewonnen. Mit Kapitel II fährt man den bisher stärksten Blastbeat-Einsatz der Bandgeschichte auf und bewegt sich stark in Richtung Suicidal Black Metal, während man in Kapitel VI die orientalischen Anleihen, die bisher in den aus der arabischen Musik entlehnten Tonleitern der Gesangslinien hörbar waren, mit exotischen Lauteninstrumenten noch weiter verstärkt. Die Silberprägung, der rauhe Karton und das surrealistische Cover-Artwork macht »Empty Space Meditation« endgültig zu einem weihrauchgeschwängerten Albtraum aus Tausenduneiner Nacht.

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Deep Purple – In Rock

Mit ihrem vierten Album fand die Band um Gitarrengott Ritchie Blackmore 1970 endgültig ihren eigenen, unverwechselbaren Sound. Allein schon die tösenden Gitarrenexplosionen des Openers »Speed King« ließen die Rockmusik-Szene der 70er erzittern – scharfe Kontraste zwischen Brachial-Riffing, minimalistischen Synthie-Improvisationen mit Klassik-Versatzstücken, groovendem Blues Rock und andächtigen Hammond-Orgel-Momenten sowie ausufernde Dialoge zwischen den Instrumenten machen »In Rock« zu einer musikalischen Büchse der Pandora, die bis heute fasziniert.

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag fünf

Heute ist der letzte der heiligen Lemmy-Feiertage. Damit jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem sich Lemmy verabschiedet hat, um im Jenseits eine Band mit Ronnie James Dio, Philthy Phil und Jeff Hanneman zu gründen. Darauf ein weiteres weises Lemmy-Zitat:

»Der Tod ist unvermeidlich, oder? […] Mir macht das keine Sorgen. Ich bin vorbereitet. Wenn ich abtreten muss, dann während ich das tue, was ich am besten kann. Sollte ich morgen sterben, ich könnte mich nicht beschweren. Es war eine gute Zeit.«

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag vier

Heute ist der vierte der heiligen Lemmy-Tage. Und wieder fordert die Tradition Jacky-Cola, Motörhead und ein weises Lemmy-Zitat:

»Und unsere schöne neue Welt entwickelt sich zu einem Albtraum. Mir scheint es, als wäre sie im Gegensatz zu früher – als ich noch jung war – weniger tolerant, erleuchtet und gebildet. Natürlich sind wir alle für das »Gute-alte-Zeiten«-Syndrom anfällig, aber das hier ist kein Beispiel dafür. Vererbter Hass, das heißt Hass, den einen die Eltern lehrten, ist nicht nur dumm, er ist destruktiv – warum sollte man Hass zu seiner einzigen Antriebskraft machen? Das erscheint mir wirklich verdammt dumm.«

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag drei

Heute ist der dritte der heiligen Lemmy-Tage. Deshalb gibt’s heute erneut Jacky-Cola, Motörhead und ein weises Lemmy-Zitat:

»Eine weitere Sache, die die Leute nicht verstehen, ist meine Sammlung von Naziutensilien. […] Ich mag es, dieses ganze Zeug um mich zu haben, weil es eine Mahnung an das ist, was geschah, und dass es Vergangenheit ist (zum größten Teil – das Gedankengut der Nazis ist immer noch präsent, wenn auch nur am Rande). Ich verstehe Leute nicht, die glauben, dass etwas verschwindet, wenn man es ignoriert. Das ist total falsch – wenn man es ignoriert, gewinnt es an Stärke. […] Read More

Die heiligen Lemmy-Tage – Tag zwei

Heute ist der zweite der heiligen Lemmy-Feiertage. Das bedeutet wieder Jacky-Cola, Motörhead und ein weises Zitat vom Warzengott höchstpersönlich:

»Der Grund, warum Rock’n’Roll so eine junge Sache ist, ist… offensichtlich, weil es mit jungen Leuten anfing. Aber dann wurden sie älter und ihre Einstellung veränderte sich. Sie waren mehr darauf aus, von der Basis akzeptiert zu werden. […] Die einzige Zeit, in der ich überhaupt Rebellion gesehen habe, waren die Fünfziger, Sechziger und frühen Siebziger. Den Rest können Sie sich sonstwohin stecken! Die Kids haben heutzutage Einstellungen wie die Eltern, die wir zu bekämpfen versuchten! Sie werden vermutlich einen Haufen verdammter Freaks aufziehen. Wir haben einen Haufen Immobilienmakler und beschissener Steuerberater aufgezogen. Gott weiß, wie wir das gemacht haben.«

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag eins

Heute beginnt die heiligste Zeit des Jahres: Die Lemmy-Feiertage. Sie beginnen am 24. Dezember, dem Tag, an dem Lemmy Kilmister geboren wurde, um der Welt seine Weisheit zu schenken und enden am 28. Dezember, dem Tag, an dem Lemmy in den Himmel auffuhr, um dort kräftig aufzuräumen. Traditionell werden die Lemmy-Feiertage begangen, indem man täglich einen oder mehrere Jacky-Cola trinkt, Motörhead hört und seinen Mitmenschen ein weises Zitat von Lemmy mit auf den Weg gibt. In diesem Sinne:

»Am Heiligabend 1945 erblickte ich als Ian Fraser Kilmister das Licht der Welt. Fünf Wochen zu früh. Ohne Fingernägel, ohne Augenbrauen und knallrot. Dafür hatte ich wunderbar goldenes Haar, das mir jedoch, sehr zum Leidwesen meiner schrulligen Mutter, fünf Tage später wieder ausfiel. Meine früheste Erinnerung ist, dass ich geschrieben habe – warum und wieso, weiß ich nicht so genau. Wahrscheinlich ein Tobsuchtsanfall. Oder aber ich habe schon mal geprobt. Ein Spätzünder war ich noch nie.«

Die aufgeräumte Welt.

»Sie stellen die Frage, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die solche Taten begehen. Sie versuchen – und das ist auch ganz natürlich – eine rationale Erklärung zu finden. Aber mit rationalen Herangehensweisen kommen Sie bei solchen Taten nicht weit. Die Menschen, die so handeln, handeln ja nicht aus logischen Gründen. Die sind einfach irre. Deswegen sind wir ja auch so schockiert, wenn so etwas passiert: Weil es unseren zivilisatorischen Gesetzmäßigkeiten nicht entspricht. Es ist ein Bruch in unserer aufgeräumten Welt, und dieser Bruch schockiert uns – und dass es uns schockiert, ist ein gutes Zeichen. Denn die Konditionierung auf Gewalt sinkt mit dem Grad des zivilisatorischen Prozesses. Gesellschaften, in denen dieser Prozess stark vorangeschritten ist, sind sehr geordnet; Menschen, die unsere zivilisatorischen Werte nicht teilen, verschwinden schnell aus unserem Blickfeld – die landen entweder im Gefängnis oder in der Klapse. Die werden aufgeräumt.Und deswegen sind wir es nicht mehr gewohnt, auf jemanden zu stoßen, der unsere grundlegenden Werte nicht teilt. Ich habe mal in einer psychiatrischen Anstalt gearbeitet, auch auf der geschlossenen Abteilung. Wenn Sie da zum ersten Mal auf Menschen treffen, die Ansichten äußern, die diesen grundlegenden Werten radikal widersprechen, dann ist das sehr verstörend. Und mit dieser Verstörung arbeitet Terrorismus, sei er nun links oder rechts motiviert – oder, was wir auch zunehmend erleben, religiös oder scheinbar religiös begründet wie beim islamistischen Terror. […] Sie werden, wenn Sie sich im Bereich des islamistischen Terrors umschauen, auf viele Taten stoßen, die nicht mehr vom Koran gedeckt werden. Aber gleichzeitig gibt der Koran viele Möglichkeiten, Extremismus zu begründen; er hat im Großen und Ganzen einen sehr viel aggressiveren Tonfall als die meisten anderen heiligen Schriften. Das hat unter Anderem historische Gründe; der Islam ist eine relativ junge Religion, wodurch er starke Konkurrenten hatte – und dadurch auch einen schwereren Stand auf dem Markt der versprochenen Heilsverzückungen. Dazu kommt auch, dass unsere westliche Gesellschaft durch die Aufklärung stark laizistisch geprägt ist. Wir haben in Europa eine starke Trennung zwischen Staat und Kirche, in manchen Ländern natürlich mehr als in anderen, aber zumindest stärker, als das in der islamischen Welt der Fall ist. Religion kann bei uns in einem historisch-kritischen Kontext betrachtet werden. Sie können Theologie studieren, ohne die geringsten religiösen Amibitonen zu haben – schlicht und einfach als Religionswissenschaftler. Das können Sie im Islam nicht. In unserer westlichen Welt gibt es auch eine institutionalisierte Kritik. Die Kirchen können einen Anhänger, der seine Religion auf eine Weise ausübt, die unseren zivilisatorischen Werten nicht entspricht, aus ihrem Kreis ausschließen. Dieses Fehlen einiger Errungenschaften unserer westlichen Welt – der Aufklärung, des Laizismus, der institutionalisierten Kritik – begünstigt die Entstehung von religiösem Extremismus im Islam. […] Natürlich ist die erste Reaktion auf eine solche Tat die, schockiert zu sein. Man kann in einem solchen Fall auch Angst haben. Diese Angst ist aber nicht rational. Wenn Sie sich sich die Statistiken ansehen, werden Sie erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland bei einem Terrorattentat zu sterben, heute sehr viel niedriger ist als früher. Das hilft den Opfern und den Angehörigen natürlich wenig. Aber es hilft gegen den Reflex, nach einfachen Lösungen zu suchen. Wenn wir angesichts einer solchen Tat schockiert und emotional überwältigt sind, neigen wir dazu, Rache, Abschottung und Gegengewalt zu verlangen. Aber damit entfernen wir uns von unseren zivilisatorischen Werten – und spielen dem Terrorismus in die Hände.«

Manchmal tut es ganz gut, den Professor einfach mal reden zu lassen und zuzuhören.

 

»Ich mach mir doch auch keine Karotte aus Hack!«

Wenn Raucher beschließen, mit dem Rauchen aufzuhören, haben sie in der Regel einen Grund. Und zwar nicht den, dass sie den Geschmack von Zigaretten plötzlich widerlich finden, sondern den, dass ihnen bewusst ist, dass rauchen tödlich sein kann. Wer mit dem Rauchen aufhört, verbietet sich aus logischen Gründen den Griff zur Zigarette, hat aber in der Regel weiterhin das starke innere Verlangen nach Nikotin. So weit, so unspektakulär.
Nehmen wir aber mal an, es würde eine Zigarette erfunden werden, die exakt so schmeckt, exakt so bedient wird und die exakt gleiche Wirkung wie eine normale Zigarette hat, den Körper aber nicht schädigt. Wahrscheinlich würde der frischgebackene Nichtraucher, der immer noch Lust aufs Rauchen hat, diese Alternative nutzen. Der Schritt wäre logisch: Die neue Zigarette würde alle positiven Punkte des Rauchens liefern – Geschmack, Wirkung, etc. – aber der negative Punkt – die tödliche Wirkung – würde wegfallen. Es gäbe also keinen Grund, diese Zigarette nicht zu rauchen. Würde man den Raucher dafür verurteilen? Ihn als inkonsequent, heuchlerisch und schwach bezeichnen, ihn für seine Ausflucht verspotten? Wahrscheinlich nicht. Wieso auch? Er hat den herkömmlichen Zigaretten ja nur aus gesundheitlichen Gründen abgeschworen. Fallen diese Gründe plötzlich weg, ist es vollkommen legitim, wieder weiter zu rauchen.

Diese Erkenntnisse sind alle nicht überraschend und werden wohl von keinem vernünftigen Menschen in Frage gestellt werden. Ersetzen wir das Problem des Rauchens aber durch eine andere kognitive Dissonanz, wird das Thema plötzlich zum Auslöser erbitterter Debatten: Während manche Menschen aus gesundheitlichen Gründen auf Zigaretten verzichten, verzichten andere aus moralischen Gründen auf Fleisch. Wenn Omnivoren berschließen, zukünftig kein Fleisch mehr zu essen, haben sie in der Regel einen Grund. Und zwar nicht den, dass sie den Geschmack von Fleisch plötzlich widerlich finden, sondern den, dass ihnen bewusst ist, dass für die Fleischproduktion Tiere getötet werden müssen. Wer mit dem Fleischessen aufhört, verbietet sich aus moralischen Gründen das Steak, hat aber oft weiterhin Appetit auf Fleischgeschmack. Auch diese Erkenntnis ist nicht wirklich spektakulär. Der Gedanke liegt also nahe, Dinge zu erfinden, die wie Fleisch schmecken und aussehen, für die aber keine Tiere sterben müssen. Der Schritt ist logisch: Vegane Fleischersatzprodukte erfüllen im Idealfall die positiven Punkte von Fleisch – Geschmack, Konsistenz, Geruch, Aussehen – aber der negative Punkt – das Tierleid – fällt weg. Es gibt also von moralischer Seite her keinen Grund für Vegetarier und Veganer, diese Produkte nicht zu essen. Schließlich haben Veggies dem Fleisch nicht aus geschmacklichen, sondern aus moralischen Gründen abgeschworen. Fallen diese Gründe bei einem Produkt weg, ist es also vollkommen legitim, es zu essen.

Eigentlich sollte man also annehmen können, dass das Thema für nicht viel Aufregung sorgt. Trotzdem platzen überzeugten Omnivoren bei Produktnamen wie „Vegetarischer Schinken“ oder „Gemüsesteak“ regelmäßig die Arterien. Die Emotionen in Kommentarspalten von Foodblogs und Lebensmittelherstellern kochen über, wenn von Tofuschnitzeln und Seitanwürstchen die Rede ist. Wer so etwas esse, sei inkonsequent, heuchlerisch und schwach, heisst es dann; wer auf Fleisch verzichte, dürfe auch nichts essen, was nach Fleisch schmecke. Anscheinend wird von Vegetariern und Veganern erwartet, dass sie sich in asketischer Selbstgeißelung ergehen und jeden Anflug von Genuss aus ihrem Leben verbannen. Dahinter steckt oft die Angst vor dem Verlust der Überlegenheit: Wer auf Fleisch verzichtet, ist ein wandelnder Vorwurf an das aus seiner Sicht moralisch verwerfliche Konsumverhalten seines Umfeldes – ein Vorwurf, der Menschen in eine automatische Verteidigungshaltung zwingt. Der möglichen moralischen Überlegenheit des Vegetariers und Veganers wird mit einer Überlegenheit des Genusses und der Lebenslust begegnet: Vielleicht ist dein Handeln moralisch besser, aber dafür schmeckt mein Essen besser als deins. Der Gedanke, dass diese Überlegenheit dadurch zerstört wird, dass man seinen moralischen Prinzipien treu bleiben und dennoch den guten Geschmack von Fleisch genießen kann, macht diesen Teilsieg im Kräftemessen zunichte – und riecht für den überzeugten Omnivoren nach Betrug: Fleisch künstlich nachmachen gilt nicht, das ist unfair, welche Möglichkeit bleibt einem echten Fleischesser denn dann noch, zu gewinnen? Dabei fällt auf, wie falsch die Fragestellung eigentlich ist: Bei Ernährungsformen geht es schließlich nicht ums Gewinnen. Es sollte zwischen Omnivoren, Vegetariern und Veganern sowieso nicht um einen gegenseitigen Kampf gehen, sondern darum, den eigenen Überzeugungen und dem eigenen Geschmack zu folgen. Und wenn sich der Geschmack von Tofuschnitzeln mit der eigenen Überzeugung vereinbaren lässt, spricht nichts dagegen.