»Aber die dürfen bei sich zuhause doch auch kein Kopftuch tragen!«

Wenig religiöse Symbole beschwören in Deutschland derart hitzige Debatten herauf wie der Hijab. Die Diskussion wird auf unterschiedlichen Teilbereichen des Problems ausgetragen: Sollten Lehrerinnen bei der Ausübung ihres Berufes Kopftücher tragen dürfen? Sollte es in staatlichen Einrichtungen ein Kopftuchverbot geben? Wenn ja, nur für Angestellte des Staates oder auch für aussenstehende Besucher der jeweiligen Institutionen? Wäre ein generelles Kopftuchverbot im gesamten öffentlichen Raum sinnvoll? Und wie geht man im Falle einer Einschränkung des Rechtes auf das Tragen eines Kopftuches mit den Symbolen anderer Religionen um?

Gegen die Verschleierung muslimischer Frauen gibt es dabei gute Argumente: Die Gefahr, dass Frauen ihr Kopftuch nicht aus religiöser Überzeugung, sondern auf den Druck ihres patriarchischen Umfeldes tragen und somit eine sexistische Unterdrückung ermöglicht wird. Oder die laizistische Überzeugung, dass Staat und Kirche komplett voneinander getrennt sein müssen, was staatliche Einrichtungen zu einer religionsfreien Zone machen müsste. Dennoch läuft ein Großteil aller Diskussionen auf eine Argumentation hinaus, die getrost als vollkommener Schwachsinn betrachtet werden kann: »In der Türkei sind Kopftücher auch verboten, also brauchen Türken hier auch gar kein Recht aufs Kopftuchtragen einzufordern.« Abgesehen davon, dass Kopftücher in der Türkei natürlich nicht generell verboten sind, sondern das Tragen bis 2010 nur in öffentlichen Einrichtungen untersagt war und abgesehen davon, dass hier Türken und Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund in einen Topf geworfen werden und abgesehen davon, dass diese Darstellung Türken mit Muslimen gleichsetzt und abgesehen davon, dass die Verfassung anderer Staaten auf die eigene Verfassung keine Auswirkungen haben sollten, steckt hinter dieser Argumentation noch eine äusserst bigotte Weltsicht: Hakt man nämlich weiter nach und fragt, ob das türkische Rechtssystem, das im Vergleich zu Deutschland ein stärkeres Gewicht auf den Laizismus als auf die Religionsfreiheit legt, ein Vorbild für Deutschland sein solle, wird der Diskussionspartner in der Regel bejahen – bis man die Frage stellt, ob in diesem Falle religiöse Symbole generell verboten werden sollten, ob also auch Nonnenornate, Priesterkrägen und Kruzifixe aus Schulen, Universitäten, Krankenhäusern und Gerichten verschwinden müssten. An diesem Punkt geht in den Menschen, die eben noch gefordert haben, in Deutschland müsse das Kopftuch genauso behandelt werden wie in der Türkei, eine Veränderung vor: Das sei ja etwas vollkommen anderes, schließlich sei das Christentum in Deutschland nunmal die vorherrschende Religion und wer hierher komme, müsse eben damit leben, dass in einer christlich geprägten Gesellschaft christliche Symbole getragen werden. Der Verzicht auf religiöse Symbolik wird also nur von religiösen Minderheiten gefordert, nicht von der vorherrschenden Religion. Dabei unterschlagen diejenigen, die das türkische Modell des Kopftuchverbotes eben noch als leuchtendes Beispiel glorifiziert haben, dass der Laizismus in der türkischen Verfassung für alle Religionen gilt – auch und gerade für den Islam, der in der Türkei genauso die vorherrschende Religion ist wie das Christentum in Deutschland.

Dass die türkische Verfassung säkulare Werte höher einstuft als liberale, ist nicht besser und nicht schlechter als die Ausrichtung der deutschen Verfassung. Es ist nur anders. Generell ist die Idee, religiöse Symbolik aus dem staatlichen Umfeld herauszuhalten, lobenswert und wäre auch in Deutschland ein denkbares Konzept. Dieses Konzept aber abzuändern und die Einschränkung des Rechtes der Religionsfreiheit nur für religiöse Minderheiten zu fordern, ist eine Perversion des türkischen Modells, das man als Argumentation für seine diskriminierende Weltsicht missbraucht.

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2 Kommentare

  1. errollbundelfeuerstein · Februar 24

    Ist das von Bundesland zu Bundesland verschieden? Hier in Baden-Württemberg gilt das Konzept des Laizismus an Schulen generell. Kreuze wurden schon in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Klagen von Eltern (nein, es waren keine Muslime, sondern Agnostiker) aus den Klassenzimmern entfernt, eine Kollegin, die einem geistlichen Orden angehört, muss ohne ihre Schwesterntracht an meiner staatlichen Schule unterrichten (wofür sie sich jedes Mal morgens in „neutrale Verkleidung“ begibt) UND meine türkischen Kolleginnen tragen kein Kopftuch – im Gegensatz zu einigen Schülerinnen: die Regelung gilt nicht für Klienten/Kunden/Schüler öffentlicher Einrichtungen, sondern nur für Staatsbedienstete, die sich in jeder Hinsicht neutral zu geben haben, auch politisch, im Übrigen. Soweit ich weiß, galt schon immer das Verbot des Tragens politischer Symbole (Buttons, Kleidung mit politischen Botschaften etc.) im dienstlichen Bereich. Auch wenn bekannt war, dass Kollege XY in dieser oder jener Partei war – in der Schule HATTE er keine Werbung zu machen oder irgendwelche tendenziellen Äußerungen zu treffen.
    Ausnahme: die Religionslehrer – und da wird die (gute) Sache inkonsequent. Fazit: entweder islamischen Reliunterricht einführen, paritätshalber, oder christlichen Reliunterricht nur noch in Sonntagsschulen stattfinden zu lassen.

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  2. Ja, das ist tatsächlich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich; Baden-Württemberg gehört zu den acht Bundesländern, in denen Kopftücher nicht erlaubt sind. In Bayern sind Kopftücher verboten, Kruzifixe in Klassenzimmern und Lehrerinnen im Nonnenornat erlaubt. Zum Thema Religionsunterricht fände ich es ja sehr gut, wenn es eher einen allgemeinen Religionsunterricht gäbe, also einen, der einen generellen Überblick über die Weltreligionen gibt und sie vor allem mehr in einem historischen und kulturellen und weniger in einem spirituellen Licht betrachtet.

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