Israelinvasion, Teil 1: Tel Aviv

Bierdürre oder Intifada?

Eigentlich ist meine Reise nach Israel seit Jahren ein Running Gag. Seit 2014 plane ich meinen Trip immer wieder aufs Neue, nur um ihn dann wieder verwerfen zu müssen. Mal muss ich spontan umziehen, mal wechsle ich meinen Job, mal beginne ich ein neues Studium, aber immer passiert etwas in meinem Leben, was eine längere Reise kurzfristig unmöglich macht. Als ich zum ersten Mal Flugtickets nach Tel Aviv buche (natürlich nicht stornierbar, da müsste man ja einen Aufpreis zahlen), bricht am folgenden Tag der Gaza-Krieg aus. So bleibt es dabei, dass ich drei Jahre lang nur immer mit meinen israelischen Freunden per facebook Kontakt halte, in der Jüdischen Allgemeinen die politische Situation verfolge, Bücher über die religiöse Geschichte des heiligen Landes wälze, mich mit einer israelischen Erasmus-Studentin zum deutsch-hebräischen Tandemlernen treffe und viel von meiner Reise träume. Als ich diesen Sommer dann erneut eine Reise buche, schließen meine Freunde schon Wetten ab, woran es diesmal scheitern wird: Wird die humanitäre Stromversorgungskrise im Gazastreifen einen neuen Raketenhagel auslösen? Wird der Streit um die Metalldetektoren am Tempelberg in eine neue Intifada münden? Wird der See Genezareth austrocken, die Brauwasserversorgung der Goldstar-Brauerei stoppen und damit eine landesweite Bierdürre auslösen?

Neuer Fetisch: Mädchen mit Maschinengewehren

Nichts davon geschieht. Mit Orphaned Land auf meinen Kopfhörern lande ich auf dem Ben-Gurion-Flughafen. Die Straßen Tel Avivs ergeben ein seltsames Bild: Rostige Blechhütten mit eingestürzten Dächern säumen die Schluchten zwischen gläsernen Wolkenkratzern, Banden von Straßenkatzen nagen am Müll, der die Seitengassen abseits der kalksteingetäfelten Prachtboulevards bedeckt. Der Unterschied zwischen arm und reich könnte größer kaum sein. Überall laufen Wehrdienstleistende in ihren olivgrünen Uniformen herum; Gruppen von achtzehnjährigen Mädchen, die mir knapp bis zu den Schultern reichen, kichern und schubsen sich gegenseitig und tragen dabei Maschinengewehre, mit denen man einen Elefanten in der Mitte durchsägen könnte. (Verdammt, wie soll man eigentlich keinen Uniformfetisch bekommen, wenn man täglich von hunderten wunderschönen Soldatinnen umgeben ist?)

Drei Kinder, drei Kriege

Mein erster Weg führt mich zu I., einer Couchsurfing-Gastgeberin. I. ist nicht viel älter als ich, hat aber vor kurzem ihr drittes Kind zur Welt gebracht. Mit ihr und ihrem Mann verbringe ich einen Abend auf der Dachterasse, auf der die junge Familie ein komplexes Bewässerungssystem für den kleinen Dachgarten eingerichtet hat. Der Wassermangel in Israel ist eine Schande, meint I. Viel könne durch die Öffnung des Staudammes im See Genezareth behoben werden, aber die politischen Probleme mit der jordanischen Regierung, die sich den See und den Jordan mit Israel teilt, machen diese Lösung unmöglich – wie so vieles in Israel wird auch dieses Problem nicht gelöst werden, weil jede Seite auf ihrem Recht beharrt. I. blickt resigniert in die Zukunft. Es sei schwer, noch an Frieden zu glauben, wenn ihr ältestes Kind schon drei Kriege miterlebt habe. Wir wechseln das Thema; mir wird erklärt, dass ich mir ein sehr romantisches Datum für meine Ankunft in Israel ausgewählt habe: Mit dem heutigen Vollmond beginnt der jüdische Monat Aw und damit Tu Beaw, das jüdische Äquivalent zum Valentinstag.

Israelisches Gras ballert wie eine Uzi

Am nächsten Tag breche ich zu D. auf. D. ist Mitglied einer liberalen Kommune, die ihren politischen Aktivismus mit Air B’n’B finanziert und leerstehende Zimmer ihrer WG ab und zu mit Couchsurfern wie mir füllt. Zuerst freue ich mich auf Gedankenaustausch mit anderen Liberalen, bis ich feststelle, dass D. nicht von Links-, sondern von Rechtsliberalismus spricht. Viel Gelegenheit für politische Gespräche habe ich sowieso nicht: Die WG steht die meiste Zeit über leer, es ist niemand da, als ich ankomme. D. schickt mir eine Nachricht mit dem Versteck des Wohnungsschlüssels und dem Hinweis, dass ich mich am Kühlschrank bedienen kann, soviel ich will, da alle Bewohner und Besucher der Kommune alles miteinander teilen. Da die Wohnung nicht auf mehrere Bewohner ausgelegt ist, werden einzelne Bereiche mit hochkant stehenden Sofas und Leintüchern voneinander abgetrennt; von der Dachterasse aus hat man einen imposanten Ausblick auf die Stadt und das Mittelmeer. Als ich am zweiten Tag biertrinkend auf der Terasse sitze, gesellt sich einer der Bewohner mit einem Joint dazu. Der Durchschnittspreis für Gras ist in Israel dreimal so hoch wie in Deutschland, aber trotzdem kifft nahezu jeder. Kiffen ist unter israelischen Jugendlichen sozial akzeptierter als Saufen, wird mir erklärt; vielleicht gebe es deswegen in den Clubs und Partymeilen nie Schlägereien. Die hohe Nachfrage treibe die Preise aber in die Höhe und die Qualität in den Keller; meist wird nur gestrecktes Hasch verkauft. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wirkt sich auch auf den THC-Gehalt aus: Israelisches Gras ballert wie eine Uzi.

Jaffa: Endlich auch mal was schönes hier

Die restliche Zeit verbringe ich meistens in Museen, am Strand oder in Jaffa, der Altstadt Tel Avivs. Jaffa ist eine Oase der Schönheit in der brutalen Modernität der Großstadt. Die arabische Architektur mit ihren Spitzbögen, Türmen und Gassen lenkt vom Lärm der Mittelmeermetropole angenehm ab. Insgesamt bleibt Tel Aviv aber nur ein Zwischenstop auf meinen Weg in die Tiefen des Landes.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s