Israelinvasion, Teil 2: Mizpe Ramon

Konfliktfrei im Wüstensand

Mein Weg führt mich in die Wüste: Mitten im Negev schmiegt sich das Dorf Mizpe Ramon an die Klippen des Machtesh Ramon, des größten Erosionskraters des Landes. Selbst vielen Israeli ist Mizpe Ramon unbekannt, aber wer das Dorf kennt, grinst sofort wissend, sobald der Name fällt: Niemand, der hier einmal war, vergisst die ungewöhnliche Magie des Ortes. Das Dorf ist ein Schmelztiegel der Kulturen und sozialen Gruppen; Orthodoxe, russische Einwanderer, Araber, Juden, Christen, Muslime, Unternehmer, Bauern, Start-Ups, Aussteiger, Künstler – alle leben Tür an Tür in der winzigen Ortschaft zusammen. Und das, ohne dass es Konflikte gibt – in Israel ein besonderes Phänomen. Vielleicht liegt das daran, dass man sich abends immer im Künstlerviertel trifft, um den Wüstensonnenuntergang zu genießen, in den offenen Ateliers und Straßenbars zusammen Negev-Bier zu trinken, spontane Jamsessions auf dem Gehweg zu starten oder mitten auf der Straße zu Raggaemusik zu tanzen.

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Kochen gegen Kulturreinheit

In ebenjenem Künstlerviertel arbeite ich als Freiwilliger in dem Projekt Me’ever. Was Me’ever so genau ist, lässt sich schwer erklären. Usprünglich handelte es sich um eine Tanzschule in einem alten Industriehangar; diese wurde irgendwann von dem Philosophiestudenten Dan und seinem Freund Yaniv übernommen und in etwas Neues umgeformt: Mit vielen Freunden, Familienmitgliedern und freiwilligen Helfern wurden auf dem riesigen Aussenareal Lehmhütten gebaut, Zeltplätze geschaffen und Wohnwägen aufgestellt, um den Ort in ein ökofreundliches Hostel zu verwandeln, das gleichzeitig als Austragungsort für Konzerte, Festivals, Kunstveranstaltungen, Tanzworkshops und Partys dient. Ein großer Teil der Arbeit wird von freiwilligen Helfern wie mir übernommen, die für ihre Arbeit eine Gratis-Unterkunft in der Volunteer-Lehmhhütte, Gratis-Essen und vergünstigte Getränke bekommen. Als ich ankomme, schließe ich mich sofort den Vorbereitungen für die nächste Veranstaltung an: Am Wochenende werden hunderte Touristen nach Mizpe Ramon pilgern, weil die Leonidennacht bevorsteht. Dann werden im gesamten Ort die Lichter ausgeschaltet, um den Blick auf die Milchstraße und die Sternschnuppen freizugeben. Das Hostel ist ausgebucht, wir versuchen, weitere Besucher mit Pizza, Bier, israelischen Schokoladenbällchen und Musik in den Industriehangar zu locken. Eine meiner ersten Aufgaben besteht darin, mit anderen Freiwilligen zehn Kilo der Schokoladenbällchen zu formen. Leider ist diese Süßigkeit in Israel so beliebt, dass der Me’ever-Crew nicht bewusst ist, dass die deutschen und italienischen Freiwilligen nicht wissen, wie ein Schokobällchen aussehen sollte – das Ergebnis ist, dass unsere Bällchen viermal so groß sind, wie sie sein sollten. Wir entscheiden uns, den israelischen Gästen die Monster-Kugeln als sensationelle Kreation zu verkaufen. Am Wochenende herrscht jede Nacht Hochbetrieb: Der Industriehangar quillt über vor Menschen, hunderte tanzen, trinken und feiern, wir freiwilligen Helfer kneten stundenlang am Stück Pizzateig, räumen Müll weg und versorgen die Gäste mit Alkohol und Essen. Unsere Arbeitsmoral wird gesteigert, indem wir im Halbstundentakt mit dem israelischen Anisschnaps Arak versorgt werden. Obwohl wir jede Nacht frühestens um drei Uhr ins Bett gehen und bis obenhin mit Goldstar und Arak betankt sind, stehen wir jeden Morgen frisch, hellwach und unverkatert um sieben Uhr auf. Vielleicht liegt das an den offenen Türen und Fenstern unserer Hütte, durch die die angenehm kühlen Abendwinde der Wüste wehen, vielleicht liegt es an der Sonne, die ab fünf Uhr warm in unser Zimmer scheint, aber auf jeden Fall gibt es irgendetwas, was in Me’ever jeden Kater vernichtet. Morgens kochen wir Frühstück für die Crew und mischen unsere kulturellen Einflüsse: Shakshuka mit deutschen Bratkartoffeln, schwäbische Pfannkuchen mit Hummus, Bruschetta mit der in Israel allgegenwärtigen Sesampaste Tchina – wer seine Kultur reinhalten will, kann das ja gerne machen, aber wir haben lieber Geschmacksexplosionen.

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Halluzinogene Wüstenwanderungen

Mein Körper reagiert auf Temperaturen ungewöhnlich. Je kälter es ist, desto apathischer werde ich; je wärmer es ist, desto mehr Energie habe ich. Ob ich ein Angehöriger der Reptiloiden bin, ist noch nicht erwiesen, sicher ist aber, dass ich ein wechselwarmes Tier bin. Dass mein Gehirn erst ab 30 Grad Aussentemperatur betriebsbereit ist, macht das Leben für mich in Deutschland teilweise sehr schwer, dennoch wurde ich immer davor gewarnt, im August nach Israel zu fliegen – und wenn ich tatsächlich so verrückt sein sollte, mir ausgerechnet diese Zeit für meinen touristischen Zionismus auszuwählen, solle ich doch um Gottes Willen die Wüste meiden. Hitzschläge sind eine der Haupttodesursachen im Heiligen Land und selbst einen Hitzefanatiker wie mich würde die Wüstensonne im August zur Mittagszeit an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit bringen, heißt es. Auch gebürtige Israeli halten der Hitze hier nicht mehr stand, weshalb der Betrieb in Me’ever zwischen 11 und 16 Uhr komplett ruht. Alle Mitarbeiter ziehen sich in die kühlen Lehmhütten zurück, stellen den Ventilator auf die maximale Stufe und dämmern verschwitzt im Halbschlaf vor sich hin. Alle Mitarbeiter? Nein, ein unbeugsamer Wahnsinniger packt jeden Mittag seinen Rucksack, um stundenlange Wanderungen an den felsigen Bergwänden des Ramon-Kraters zu unternehmen. Natürlich ist dieser Wandersüchtige ein Deutscher und natürlich gibt es nur einen, der bei 40 Grad erst so richtig körperlich aktiv wird … Ja, ich genieße meine lange Mittagspause. Um mich herum kraxeln Aibax, die in Mizpe Ramon allgegenwärtigen nubischen Bergziegen; die unendliche Weite der Wadis, Berge und Steilhänge weckt ein Gefühl von Ehrfurcht und je weiter ich in den Krater hinabsteige, desto stärker reflektieren die Felswände die brütende Hitze und versetzen mein hyperaktives Hirn in einen Trancezustand, in dem Bilder von den Versuchungen des fastenden Jesus in der Wüste aufsteigen. Die Wüste macht mich süchtig, jeden Tag verbringe ich so viel Zeit wie möglich in ihr, um zu wandern, Musik zu hören, theologische Texte zu lesen und in Meditationen Inspirationen für surrealistische Gemälde zu sammeln.

At Night by the lit desert moon

An meinem freien Tag erfülle ich mir einen lang gehegten Traum: Schon seit Jahren möchte ich die »Night of the Stormrider« von Iced Earth in der Wüste hören. Das Konzeptalbum erzählt die mystische Geschichte eines Protagonisten, der in der Wüste Visionen und Prophezeihungen empfängt, die fortan sein Schicksal bestimmen. Nachts auf der Klippe zu sitzen, umgeben von den tosenden und peitschenden Nachtwinden, hinab in den Krater zu blicken, mit der Milchstraße über sich – ein intensiveres Setting zum Musikhören kann es kaum geben.

Mit Kartoffeln und Zahnbelag gegen den Militärdienst

An manchen Tagen hören wir die Detonationen von Geschützen, das Dröhnen von Kampfjets und das Rattern und Maschinengewehren. Nein, der Hamas ist keine Invasion des Südens gelungen – hier finden nur Übungen in nahegelegenen Militärlagern statt. Regelmäßig machen Wehrdienstleistende in Me’ever Halt und wirken mit ihrer schweren Bewaffnung zwischen all den Hippies seltsam deplatziert. Die Israeli, die in Me’ever mitarbeiten, seufzen dann immer und erzählen von ihrem Militärdienst. Die drei Jahre, die sie beim Militär verbringen musste, waren die größte Zeitverschwendung ihres Lebens, meint Y. Unsere neue freiwillige Mitarbeiterin M. hat seit kurzem Anlass zum Feiern: Sie hat es just geschafft, um den Wiederauffrischungskurs herumzukommen, den ehemalige Wehrdienstleistende alle fünf Jahre absolvieren müssen, um bei Mangel an Soldaten wieder eingezogen werden zu können. Wie sie das geschafft hat? Sie hat sich am Telefon beschwert, dass ihr die schriftliche Aufforderung zu spät zugesandt wurde und sich nun der Termin für die Wiederauffrischung mit ihrem neuen Ausbildungsjahr überschneiden würde. Seither hat sie nichts mehr vom Militär gehört und hofft darauf, dass ihr Fall vergessen wurde. So viel Glück haben die Wenigsten. In Israel werden ständig neue Tricks entwickelt, um den Militärdienst zu umgehen. Manche drücken sich tagelang Kartoffeln auf den Körper, um die Haut zu bleichen und Hautirritationen zu simulieren; ein Bekannter von Y. hat sich mit eisgekühltem Deo die Beine eingefroren, um bei der Musterung taube Füße und Bewegungsprobleme zu haben. Als M. gemustert wurde, wurde sie von einem Mädchen gefragt, ob sie sich schon die Zähne geputzt habe. Als M. den Grund ihrer Frage wissen wollte, meinte das Mädchen, sie würde Zahnbelag sammeln, um ihn sich in die Augen zu schmieren und so eine Augenkrankheit vorzutäuschen. Manche Leute sinken echt tief, meint M. kopfschüttelnd. Klüger hat es J. gemacht: Der gilt offiziell als verrückt. Wochenlang hat er psychologische Studien gewälzt, um die Anzeichen psychischer Krankheiten herauszufinden, die zur Untauglichkeit für den Wehrdienst führen. Nach mehreren Monaten voller Treffen mit Gutachtern wurde ihm dann endlich attestiert, dass er für den Wehrdienst psychisch nicht geeignet ist.

Gespenster aus Gaza

G. setzt sich zu uns und sagt, wenn er ein Attest will, aus psychischen Gründen nicht an der Wiederauffrischung teilnehmen zu können, müsse er einfach nur zu einem Psychologen gehen und »Protective Edge« sagen – sein Wehrdienst fand zur Zeit der Militäroperation im Gazastreifen statt. Vor Ausbruch des Krieges hatte er im Militärdienst noch seinen Spaß: Er war in einer Spezialeinheit, deren Mitglieder Experten für Tarnung sind. Als eines Tages kein Mitglied seiner Truppe Lust auf die nächste Übung hatte, verkrochen sich einfach alle in einem getarnten Versteck. Ihr Ausbilder suchte das gesamte Gelände nach ihnen ab und konnte sie nicht finden. Diese Zeit war lustig, aber später wechselte er dann zu einer Einheit, die für die strategische Planung von Bombenangriffen und Sprengungen zuständig war. Da hatte der Gazakrieg bereits begonnen. Als Sprengmeister musste er nur selten direkt ins Kampfgebiet, aber wenn, war es verstörend. Einmal wurde seine Truppe von einem palästinensischen Scharfschützen unter Beschuss genommen, direkt neben ihm wurde ein Kamerad ins Bein getroffen. Ein anderes Mal hatte G. den Auftrag, ein Loch in ein Gebäude zu sprengen, das als Waffenlager der Hamas verwendet wurde. Er führte die Sprengung durch, ein perfektes, quadratisches Loch mitten in der Hauswand, durch das der Aufklärungstrupp bequem ins Haus spazieren konnte. G. ging mit und betrat das Erdgeschoss, das bis unters Dach mit Raketen und Munition gefüllt war. Über eine Treppe gelangte er ins obere Stockwerk, wo ihn ein ganz anderes Bild erwartete: Alte Polstermöbel, Familienfotos, verziertes Tee-und Kaffegeschirr aus Porzellan. Die Hamas hatte, ihrer »Human Shields«-Politik folgend, ihr Waffenlager im Haus eines Rentners untergebracht. Wenige Stunden später wurde das Haus gesprengt, G. führte die Sprengung durch. Am folgenden Tag gab der Kommandant von G.s Truppe das Kommando, das Feuer in der direkten Umgebung des Hauses für die nächsten Stunden einzustellen. G. verstand nicht, was der Grund dafür war. Kurz darauf sah er aus der Ferne einen alten Araber auf einem Esel heranreiten. Er kletterte auf dem Trümmerhaufen des gesprengten Haus herum und suchte in den Trümmern nach unzerstörten Gegenständen, die er in Taschen und Tüten packte. Als er nichts mehr fand, ritt er wieder zurück. Es war der Besitzer des Hauses, das G. am Tag zuvor gesprengt hatte. Der Anblick verfolgt ihn noch heute. Er habe früher viele Vorurteile gegen Araber gehabt, ohne sich seines eigenen latenten Rassismus bewusst zu sein, meint er. Nach seinem Einsatz in Gaza ist er in eine Gegend von Haifa gezogen, in der viele Araber leben. Mit den Menschen täglich Kontakt zu haben, arabische Freunde und Arbeitskollen zu finden, sei etwas, was seine Beziehung zu Arabern verändere. Es baue Ängste und Stereotype ab. Der typische tiefschwarze israelische Humor hilft dabei: Spätestens ab dem zweiten Bier liefern sich er und seine arabischen Freunde Gefechte mit Palästinenser- und Judenwitzen.

Trommelkreise und andere Schweinereien

Als ich erfahre, dass am kommenden Wochenende ein Festival in Me’ever stattfindet, verlängere ich meinen Aufenthalt in Mizpe Ramon. Die Veranstaltung hört auf den Namen Mamma Africa – ein Kultur- und Musikfestival mit Trommelkreisen, Tanzworkshops und Konzerten von Ethno-Rockbands. Tagelang schuften wir, um sonnengeschützte Tanzflächen und Chillout-Areas zu bauen, Bars zu zimmern, das Gelände mit Palmwedeln zu schmücken und neue Schlafplätze zu schaffen. Yaniv und J. bekommen Besuch von ihren Müttern, die trotz fortgeschrittenen Alters noch tatkräftig mit anpacken. Am Tag vor Festivalbeginn reist R. an, der mit seiner Band experimentelle Afro-Musik spielt und einen Trommelworkshop leitet. Er hat ein Semester lang in Berlin studiert und liebt es, in Anwesenheit der freiwilligen Helfer aus Deutschland immer wieder unsinnige deutsche Wörter einzustreuen – »Schweinerei« und »Alles scheisse« haben ein großes Ansteckungspotential, weshalb nach kurzer Zeit alle Mitarbeiter auf dem Festival diese Worte konsequent benutzen. R. leitet auch den Trommelworkshop und gibt am Abend vor Festivalbeginn eine Kostprobe – alle Teammitglieder stimmen sich mit einem Trommelkreis auf den nächsten Tag ein. 50 Bongos, die gemeinsam Rhythmen hämmern, geben genug Adrenalin für die anstrengenden nächsten Tage.

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Psychedelische Friedensarbeit

Das Festival entwickelt sich zum Großereignis: Das Hostel ist erneut ausgebucht, die Lehmhütten und Wohnwägen sind voll belegt und das gesamte Gelände sammelt sich mit Zelten, Matratzen und Hängematten. Im Aussenbereich tanzen Menschenmengen zu Raggae, in Chillout-Areas wird gekifft und Chai getrunken, im Industriehangar treten Bands auf. Ein Höhepunkt ist das Konzert von Yair Dalal, der als Begründer der israelischen Ethno-Musik gilt. Der 62jährige Friedensaktivist spielte schon bei der Friedensnobelpreisverleihung an Rabin, Peres und Arafat und tritt heute mit seinen Schülern auf, die Psychedelic Rock mit orientalischer Musik, Bauchtanz und afrikanischen Elementen verbinden. Trotz großer Besucherzahlen verlaufen die Tage für die freiwilligen Helfer aber ruhig – die Hauptarbeit liegt bei den Festivalveranstaltern. So bleibt viel Zeit, um zu tanzen, Workshops zu belegen und einen Arak nach dem anderen zu trinken.

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