Israelinvasion, Teil 10: Kapernaum

Busfahrpläne auf Servietten

Hat jemand mal die »Besteigung des Säntis« gelesen? In dieser verflucht lustigen Kurzgeschichte erzählt Mark Twain von seinen Versuchen, bei einem Abstecher in der Schweiz den Sonnenaufgang auf dem Säntis zu sehen. Es bleibt bei Versuchen, denn wirklich zum ersehnten Ort zu gelangen misslingt ihm auf immer absurdere Weise. So in etwa fühlt es sich an, als ich versuche, an den Ort zu gelangen, an dem Jesus eine Weile gelebt haben soll, nachdem die Bewohner seiner Heimatstadt Nazareth etwas ungehalten über seine Selbstausrufung als Messias in der örtlichen Synagoge waren und ihn auf einem nahegelegenen Berghügel zu lynchen versuchten: Kfer Nahum, in Deutschland meist als Kapernaum bekannt. Schon die Anfahrt gestaltet sich als schwierig, denn da weder Nazareth noch Kapernaum viel besuchte Orte sind und die israelischen Busverbindungen sowieso auf einer Serviette geplant wurden, beträgt meine Reisezeit von Nazareth bis zum 30 Kilometer entfernten Kfer Nahum laut google maps zwei, laut der bitteren Realität aber vier Stunden inklusive fünffachen Umsteigens und mehreren verpassten, verspäteten oder nicht erscheinenden Bussen – der letzte Bus, der mich endlich an die Haltestelle Kfer Nahum bringen soll, wird von einem begriffsstutzigen Busfahrer gefahren, der nicht begreift, dass ich aussteigen will, weshalb ich an Kfer Nahum vorbei bis zur mehrere Kilometer entfernten nächsten Bushaltestelle fahre und mit einem weiteren Bus wieder zurückgurken muss. Von dort aus geht es noch ein gutes Stück zu Fuß weiter, bis ich endlich eine Kirche und eine kleine Klosteranalage sehe, aber … Aber irgendwas stimmt da doch nicht. Sollte hier nicht auch die Ruine einer Synagoge stehen? Und überhaupt, warum steht denn da »Brotvermehrungskirche«? Ich frage nach, wo sich das Haus des Heiligen Petrus befindet und stelle fest, dass ich noch einen halben Kilometer weiter gehen muss, um nach Kfer Nahum zu kommen. Immerhin ist der Weg schön: Ich wandere einen Teil des Jesus Trails entlang, auf dem Pilger auf den Pfaden Jesu wandeln können. Dieser Abschnitt verläuft am Ufer des Sees Genezareth und bietet einen großartigen Ausblick auf Berge, Olivenhaine und den See. Endlich erblicke ich vor mir eine weitere Kirche, und ja, auf einem Schild steht tatsächlich irgendwas von einem Heiligen Petrus. Ich verbringe eine Weile dort, plansche etwas im Wasser, aber stelle wieder fest, dass irgendwas nicht stimmt. Da drin in der Kirche ist mal wieder einer von vielen Steinen, die Pilger gerne küssen, aber müsste da nicht die Ruine von Petrus‘ Haus sein? Und wo ist diese verfluchte Synagoge? Ich frage nach und erfahre, dass ich schon wieder im falschen Ort bin. Kfer Nahum liegt einen weiteren halben Kilometer weiter. Also wieder zurück auf den Jesus Trail und weiter am Seeufer entlang. Endlich entdecke ich in der Ferne Gebäude auf einer kleinen Landzunge – geschafft: Ich habe Kfer Nahum gefunden.

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Gehen Sie weiter! Es gibt hier nichts zu sehen!

Die futuristische achteckige Kirche, in deren Zentrum der Besucher hinab auf die Überreste einer Kirche aus dem 1. Jahrhundert blicken kann, in der Petrus und die ersten Judenchristen von der Auferstehung Jesu sprachen, ist architektonisch beeindruckend und hat einen Seeblick wie in einem Fünf-Sterne-Hotel, bietet aber nicht viel zu entdecken. Die nahegelegene Ruine einer Synagoge mit ihrer römischen Gestaltung und korinthischen Säulen ist schön, hat sich aber auch schnell erschöpft; die Ruinen des antiken Fischerdorfes Kfer Nahum wären interessant, wenn man sie betreten könnte. Mit anderen Worten: Nach fünf Stunden Anreise habe ich nach einer halben Stunde genug gesehen. Nicht weiter schlimm, denn ich beginne bereits, mich vor der Rückfahrt zu gruseln: Ich hoffe, noch vor Mitternacht wieder zurück in meinem Hostel in Nazareth zu sein. Zum Glück kommen mir drei Dinge zugute, die ich gelernt habe: Erstens, dass Israeli liebend gerne Anhalter mitnehmen. Zweitens, dass Araber geradezu besessen davon sind, Menschen in ihrem Auto herumzukutschieren. Man muss nur irgendwelche Passanten in Nazareth nach dem Weg fragen und sie werden sofort darauf bestehen, einen mit zu ihrem Auto zu nehmen und persönlich an den gewünschten Ort zu chauffieren. Drittens, dass man in Israel Autos nicht mit erhobenem Daumen anhalten sollte, wenn man nicht für eine Prostituierte gehalten werden möchte. Ich befolge alle Regeln und habe Erfolg: Der erste vorbeifahrende Autofahrer bringt mich zurück nach Nazareth.

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Bloß nicht nach Kinneret

Eigentlich wollte ich auch noch nach Kinneret, jener antiken Festung, nach der der See Genezareth im Hebräischen benannt ist. Als ich feststelle, dass die Busverbindungen nach Kfer Nahum im Vergleich zu jenen nach Kinneret einem luxuriösen Direktflug mit dem Privatjet gleichen, nehme ich von dieser Idee Abstand und bade lieber einen Tag lang am Strand in Tiberias. Übers Wasser laufen klappt leider noch nicht so gut, schwimmen macht aber auch Spaß.

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