Israelinvasion, Teil 10: Tel Aviv, die Zweite

Urlaub fürs Gehirn

»Saufen.«
»Was?«
»Ja. Saufen. Du wolltest wissen, was ich in Tel Aviv mache. Alter, ich hab jetzt einen Monat Kultur hinter mir. Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf diesem Planeten, der innerhalb von vier Wochen mehr Kirchen, Kapellen, Museen, heilige Orte, küssbare Steine und antike Ruinen gesehen hat als ich. Und mein Flug startet im Partymekka des Nahen Ostens. Ich finde, mein Hirn hat eine Auszeit verdient. Also werd ich meine letzten Tage nutzen, um mir in den Clubs so richtig hart die Kante zu geben.«

Auf dem Bronzepferd in die Eskalation

Es soll niemand sagen, ich hätte keine klaren Vorstellungen davon, auf welche Weise ich meine Reise zu beenden gedenke. Mein Hostel scheint für derartige Pläne auch gut geeignet zu sein: Über und über mit Graffities besprüht, voller Kunstinstallationen, von Hunden und Katzen bevölkert, im Innenhof mit einem wild dekorierten Hippiebus ausgestattet – hier ist der richtige Ort, um Saufkumpanen zu treffen. S., einer der vielen deutschen Touristen, die ich wie überall in Israel auch hier treffe, kann auf eine stolze israelische Familiengeschichte zurückblicken: Sein Großvater war israelischer Widerstandskämpfer während der Zeit des Britischen Mandats und saß mehrere Monate in einem britischen Gefängnis in Haifa. Eigentlich wanderten seine Eltern wieder nach Deutschland aus, weil sie nicht wollten, dass ihr Kind in einem Land aufwächst, das von antisemitischen Kriegstreibern umzingelt ist. Jetzt träumt er davon, doch eines Tages nach Israel zu ziehen. Vorerst aber möchte er für ein Jahr als Freiwilliger auf einer Alpacafarm arbeiten – ausgerechnet in Mizpe Ramon. Als ich ihm berichte, ebenfalls einen Freiwilligendienst in dem Wüstenstädtchen hinter mir zu haben, stellen wir fest, dass wir uns dort bereits gesehen haben müssen – er war auf dem Mamma Africa Festival im Me’ever, auf dem ich ebenfalls gearbeitet habe. Mit in unserer neuen Clique hängt A., der in Israel geboren und aufgewachsen, im Kindesalter aber mit seiner Familie nach Kanada gezogen ist. Es zieht in immer wieder in sein Geburtsland, aber um zu vermeiden, aufgrund seiner Abstammung zum Militärdienst eingezogen zu werden, kann er nie allzu lange bleiben. Die nächsten Tage bestehen aus dem, was passiert, wenn man mit einem deutsch-israelischen Eskalationskommando unterwegs ist: Wir stolpern durch die Kneipen, bestellen in einer Kneipe aufgrund unserer lausigen Hebräischkenntnisse versehens fünfmal mehr Bier als geplant, lernen beim Verschenken des überschüssigen Alkohols Israeli kennen, die unsere sechsköpfige Truppe in ihrem winzigen Auto zur Partymeile mitnehmen, wanken nach Mitternachtssnack und mehr Bier durchs Rothschildboulevard, ich reite betrunken auf der Reiterstatue vor der Gründungshalle, wir schwimmen im Meer und spielen nächtelange Jamsessions unter dem Sternenhimmel.

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Nicht alle Araber beten zu Cthulhu

Wie konnte ich nur auf die absurde Idee kommen, einen Rückflug zu buchen, der um 4:50 Uhr morgens startet – im vollen Bewusstsein über die Tatsache, dass man drei Stunden vor Abflug am Terminal stehen muss, um genug Zeit für die strengen israelischen Sicherheitskontrollen zu haben? So stehe ich also um 1:50 am Flughafen und muss zuerst eine Befragung über mich ergehen lassen. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Wenn eine israelische Sicherheitsbeamte euch jemals fragt, ob ihr irgendwelche Freunde in Israel besucht habt, antwortet Nein. Falls ihr versehens Ja sagen solltet, werden sie euch nach Namen fragen. Sollte eine eurer Freunde einen arabischen Namen haben, nennt ihn um Gottes Willen NICHT. Erfindet einen anderen Namen. Shlomo Mandelbrot vielleicht. Oder Yehuda Ben Zion. Irgendwas, aber nichts arabisches, herrgott. Als ich den Namen nenne, prüft die Beamtin noch kurz, ob ihr Verdacht richtig liegt und ich antworte naiverweise wahrheitsgemäß: Ja, meine Freundin spricht arabisch, ja, sie wohnt in Nazareth. Dann legt die Beamtin los: Woher kenne ich die Freundin? Wie lange war sie in Deutschland? Was studierte sie und was studierte ich? Wie hielten wir in der Zeit, in der sie zurück in Israel war, Kontakt und welche Messenger oder Plattformen nutzten wir dafür? Wie oft habe ich sie in Nazareth getroffen und für jeweils wie lange? Wo wohnte sie genau? War ich jemals bei ihr zuhause? Habe ich bei ihr übernachtet? Habe ich ihre Familienmitglieder getroffen? Kenne ich die Namen ihrer Eltern? Kenne ich den Namen ihres ersten Haustieres? Was ist ihr Lieblingstier? Was ist ihre Lieblingsfarbe? Welchen Film mag sie lieber: »Jud Süß« oder die Werke von Leni Riefenstahl? Wenn sie einen Patronus-Zauber beschwört, um Dementoren zu bekämpfen, welche Form nimmt er dann an? Wenn sie sich entscheiden könnte, ob sie lieber Batman oder ein Einhorn wäre, würde sie dann versuchen, Einhorn-Man zu sein oder wäre sie dann lieber eine Regenbögen furzende Fledermaus? Und hat sie jemals irgendwas davon erwähnt, dass sie auf den Tag wartet, an dem die Sterne wieder günstig stehen, um den ausserdimensionalen Tentakelgott Cthulhu aus seinem äonenlangen Schlaf zu erwecken, damit er die bedeutungslosen Erdlinge vom Antlitz dieses Planeten tilgen und eine immerwährende Herrschaft des Wahnsinns und des Grauens errichten könne, wie es in den blasphemischen Prophezeihungen im Al-Azif des verrückten Arabers Abdul Al-Hazred beschrieben wurde?

Sexy: Fremde Hände in meiner schmutzigen Unterwäsche

Ich beantworte alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, dennoch braucht die Beamtin noch eine kurze Rücksprache mit ihren Kollegen, ob ich passieren darf. Ich werde zur Gepäckannahme gelotst, doch mir wird gesagt, dass das Gepäck, das ich aufgebe, »da hinten« zur Kontrolle bringen solle. Ich begebe mich nach »da hinten« und lasse mein Gepäck eine Stunde lang durchwühlen. Die Taschen jeder meiner mitgebrachten Hosen werden geleert, meine Zigarettenfilterpackungen geöffnet, mein Brillenetui nach Geheimverstecken abgeklopft; ich muss unter den Körperscanner, doch der arbeitet den Beamten offenbar nicht genau genug oder vielleicht wollen sie einfach meinen sexy Körper betasten, aber zumindest werde ich anschließend nochmal manuell abgesucht … Schließlich sagt man mir, dass ich weder meine Weinflasche, noch meine handgemachte Marmelade aus Nazareth mitnehmen darf. Erst jetzt begreife ich, dass die Beamten all mein Gepäck für Handgepäck halten und ich frage sie, wo ich hinmüsste, wenn ich meine Tasche aufgeben wolle. Die Beamten schütteln den Kopf: Wenn ich mein Gepäck aufgeben wolle, müsse ich noch durch die separate Fluggepäckkontrolle. Mein Flieger geht in anderthalb Stunden, das schaffe ich nicht mehr. Ich bekomme die Sondererlaubnis, ein Gepäckstück mehr in den Flieger zu nehmen, der Wein und die Marmelade bleiben aber da und beglücken fortan genussfreudige Sicherheitsbeamte. Im Flieger selbst gibt es die bekannten Probleme mit ultraorthodoxen Juden, die nicht neben einer Frau sitzen können – an alle, die sich darüber aufregen, dass solche fanatischen Schweine gefälligst zuhause bleiben können, wenn sie ansonsten den Abflug verzögern müssen: So was geht ziemlich schnell, wenn man den Leuten einfach anbietet, die Plätze mit ihnen zu tauschen. Mag ja sein, dass die ideologischen Hintergründe dieser Reinheitsregeln ziemlicher Käse sind, aber wenn man aus irgendeiner identitären »Wir gegen die«-Haltung heraus einen Sitzplatztausch gar nicht erst anbietet, darf man sich halt auch nicht beschweren, wenn sich dann der Flug verzögert.

Warum deutsche Zollbeamte nichts zu melden haben

In Deutschland komme ich endlich um elf Uhr vormittags an. Vollkommen übernächtigt wanke ich in Richtung Ausgang, bis mir ein Zollbeamter den Weg versperrt. Abfällig mustert er meine nur noch von Fäden zusammengehaltenen Chucks und meine mit Metal-Patches übersäte Kutte.

»Niiiiiicht so langsam, Freundchen! Jetzt sagen Sie mir erstmal, wo Sie denn auf einmal herkommen.«
»Öh … Von meinem Flieger?«
»Haha, Sie sind mir ja ein ganz Witziger. Was ist denn da in Ihrer Tasche?«
»Nun ja … Mein Gepäck.«
»Aha, und in dem Gepäck ist auch garantiert nichts illegales?«

Ich greife in meine Tasche, hole meinen Reisepass heraus und zeige ihm das Blatt mit dem israelischen Visum.

»Alter, ich komm gerade aus Tel Aviv und hab die israelischen Sicherheitskontrollen hinter mir. Selbst, wenn ich irgendwelchen illegalen Kram mit dabei hätte – wenn die in Israel nichts gefunden haben, wirst du erst recht nichts finden, glaubst du nicht auch?!«

Der Zollbeamte blickt in meinen Reisepass und murmelt dann etwas zu seinem Kollegen.

»Ja, okay. Sie können passieren.«

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