Die Schwierigkeit der banalen Erkenntnis

Dass immer mehr Menschen ihr Vertrauen in die Wissenschaften verlieren und immer mehr Politiker Programme ablehnen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, ist ja nun nichts Neues. Da wird dann gerne argumentiert mit „Auch Wissenschaftler können sich irren“, „Welche Lobby steckt denn hinter der Studie?“, „Vielleicht lügen uns die Wissenschaftler einfach nur an“ und „Die Wissenschaft kann auch nicht alles erklären“. Dabei ist die Diskussion um die Wissenschaft doch aber der vollkommen falsche Ansatzpunkt. Man muss bei einer Debatte ja meistens gar nicht wissenschaftlich erklären, wie etwas vonstatten geht. Es reicht meistens, wenn man eine Sache beobachten und dann sehen kann, ob sie funktioniert oder ob sie nicht funktioniert. Ich hab ja selbst keine Ahnung von Wissenschaft. Obwohl ich aus einer Chemiker-Familie stamme, weiss ich nicht, warum Benzin brennt. Das hat irgendwas mit Kohlenstoff und Sauerstoff zu tun und mit Molekülen und Temperatur und Dingen, die irgendwie reagieren, aber so genau weiss ich das echt nicht, da sollte man also lieber meine Schwester fragen. Aber eins weiss ich: Wenn ich ein Streichholz an ein paar Tropfen Benzin halte, dann fangen die Tropfen an zu brennen. Keine Ahnung, warum sie das tun, aber sie tun es halt. Wenn ich also eine Diskussion mit einem Menschen führen würde, der mir weismachen wollte, dass Benzin nicht brennt und er argumentieren würde, dass man der Wissenschaft doch nicht trauen könne, dann müsste ich ihn ja gar nicht wissenschaftlich widerlegen. Ich könnte einfach ein paar Tropfen Benzin anzünden und damit beweisen, dass ich Recht habe. Was aktuell passiert und was unter dem Begriff „postfaktisch“ zusammengefasst wird, ist ja nicht einfach nur, dass Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnen, sondern auch Dinge ablehnen, die man ganz einfach und ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse nachprüfen kann. Flat-Earther glauben, dass die Erde flach sei. Ich kann den ganzen Kram mit Schwerkraft und Planetenbahnen und so ja auch nicht erklären, aber wenn man in ein Flugzeug steigt und lange genug in eine Richtung fliegt, kommt man irgendwann wieder an dem Punkt an, an dem man gestartet ist, also muss da wohl irgendwas rund sein. Homöopathen glauben, dass man gesund wird, wenn man Zuckerkügelchen isst. Ich hab keine Ahnung davon, wie der menschliche Körper funktioniert und was welche Wirkstoffe mit welchen Botenstoffen anstellen. Aber ich weiss, dass kranke Personen irgendwie nicht schneller gesund werden, wenn sie homöopathische Medikamente nehmen, also funktionieren die offenbar nicht. Impfgegner behaupten, dass Impfungen als Schutz gegen gefährliche Krankheiten nicht notwendig seien. Ich weiss nicht, wie unser Immunsystem funktioniert und was Impfungen damit zu tun haben, aber ich weiss, dass bestimmte Krankheiten irgendwie verschwunden sind, nachdem man flächendeckend dagegen geimpft hat, also scheint das ja ganz gut zu funktionieren. Lichtnahrungs-Jünger behaupten, man müsse keine feste oder flüssige Nahrung aufnehmen, sondern könne auch rein durch die Energie des Lichtes überleben. Ich weiss nicht wirklich viel über Verdauung, Stoffwechsel, Energiezufuhr und Ernährung, aber in den letzten paar tausend Jahren wurde sehr oft das Phänomen beobachtet, dass Menschen sterben, wenn sie nix essen, also reicht Licht alleine wohl doch nicht aus. Genderwissenschaften-Gegner sagen, dass es nur die biologischen und keine sozialen Geschlechter gäbe. Ich weiss ja echt nicht, wie das mit den Chromosomen und shit so funktioniert, aber wenn ich Menschen frage, ob sie Stärke, Heldenmut und Holzhacken jetzt eher männlich oder eher weiblich finden, dann antworten die meistens, dass sie das alles männlich finden, also gibt es wohl wirklich ein paar Attribute, die gesellschaftlich einem Geschlecht zugeordnet werden, obwohl sie gar nichts mit Pimmeln und Brüsten zu tun haben, und das ist ja schon alles, was der Begriff „soziales Geschlecht“ grundlegend aussagt. Verschwörungstheoretiker glauben, dass alle Mainstreammedien von einer zionistischen Lobby gekauft wären und deshalb Israel nicht kritisieren dürften. Ich kenn mich in der Welt der Lobbyisten echt nicht aus und ich war auch noch nie auf einer Vorstandssitzung der deutschen Presseagentur, ich hab also fachlich wirklich keine Ahnung. Aber wenn ich die Zeitung aufschlage, dann wird da ziemlich oft Israel kritisiert, also sind die Medien wohl doch nicht gekauft. Und, um endlich zum Punkt zu kommen: Ich weiss nicht, wie Nerven und Schmerzrezeptoren funktionieren. Wirklich, ich hab null Ahnung. Aber wenn ich einer Katze auf den Schwanz trete, dann schreit die. Also tut ihr wohl was weh. Und ich verzweifle echt daran, dass man solche unglaublich banalen Dinge wirklich aussprechen muss. Denn egal, wie viel oder wie wenig Ahnung die Leute von Wissenschaft haben, man sollte doch jedem geistig normal entwickelten Menschen zumindest zutrauen können, Dinge zu beobachten und dann logische Schlüsse draus zu ziehen.

http://www.independent.co.uk/voices/brexit-government-vote-animal-sentience-cant-feel-pain-eu-withdrawal-bill-anti-science-tory-mps-a8065161.html

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Zu Mittag gibt’s Kartoffelbrei.

Ein Linken-Politiker rät erfolgreich zur Absage einer Preisverleihung, weil der Preisträger hauptsächlich durch antisemitische Verschwörungstheorien bekannt ist. Generelle Reaktion in den Kommentarspalten: „HILFE HILFE MEINUNGSFREIHEIT IST BEDROHT HILFE HILFE DEMOKRATIE IN GEFAHR HILFE HILFE“

Ein Mitglied des Zentralrats der Juden schreibt, dass es nicht so ganz super ist, wenn eine Airline auf deutschem Boden einem Fluggast aufgrund seiner israelischen Staatsangehörigkeit den Transport verweigert. Generelle Reaktion in den Kommentarspalten: „GRRRR GRRRR KINDERMÖRDER ISRAEL GRRRR GRRRR ZENTRALRAT DER JUDEN IST SCHLIMMER ALS HITLER GRRRR GRRRR“

Ich bin ja echt kein Antideutscher, aber kann mir jemand Filme empfehlen, in denen Deutsche sterben? Frage für einen Freund.