Keuschheitsgürtel statt Kopftuch?

Die Begründung für die muslimische Verschleierung ist ja an sich gar nicht mal so falsch: Männer haben ihre Libido oft nicht im Zaum, deshalb sollte man Maßnahmen dagegen ergreifen, dass sie sich auf alles stürzen, was balzfähig aussieht. Die Frage ist, warum die Konsequenz aus dieser Erkenntnis die Frauen treffen muss – also diejenigen, die in der Problemstellung die Opfer sind. Sinnvoller wäre es doch, wenn Männer Scheuklappen oder Keuschheitsgürtel tragen müssten und Frauen dafür in Hotpants auf die Straße gehen könnten, ohne Angst vor Belästigungen oder Übergriffen samenstaugeplagter Spinner zu haben.

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Israelinvasion, Teil 10: Tel Aviv, die Zweite

Urlaub fürs Gehirn

»Saufen.«
»Was?«
»Ja. Saufen. Du wolltest wissen, was ich in Tel Aviv mache. Alter, ich hab jetzt einen Monat Kultur hinter mir. Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf diesem Planeten, der innerhalb von vier Wochen mehr Kirchen, Kapellen, Museen, heilige Orte, küssbare Steine und antike Ruinen gesehen hat als ich. Und mein Flug startet im Partymekka des Nahen Ostens. Ich finde, mein Hirn hat eine Auszeit verdient. Also werd ich meine letzten Tage nutzen, um mir in den Clubs so richtig hart die Kante zu geben.«

Auf dem Bronzepferd in die Eskalation

Es soll niemand sagen, ich hätte keine klaren Vorstellungen davon, auf welche Weise ich meine Reise zu beenden gedenke. Mein Hostel scheint für derartige Pläne auch gut geeignet zu sein: Über und über mit Graffities besprüht, voller Kunstinstallationen, von Hunden und Katzen bevölkert, im Innenhof mit einem wild dekorierten Hippiebus ausgestattet – hier ist der richtige Ort, um Saufkumpanen zu treffen. S., einer der vielen deutschen Touristen, die ich wie überall in Israel auch hier treffe, kann auf eine stolze israelische Familiengeschichte zurückblicken: Sein Großvater war israelischer Widerstandskämpfer während der Zeit des Britischen Mandats und saß mehrere Monate in einem britischen Gefängnis in Haifa. Eigentlich wanderten seine Eltern wieder nach Deutschland aus, weil sie nicht wollten, dass ihr Kind in einem Land aufwächst, das von antisemitischen Kriegstreibern umzingelt ist. Jetzt träumt er davon, doch eines Tages nach Israel zu ziehen. Vorerst aber möchte er für ein Jahr als Freiwilliger auf einer Alpacafarm arbeiten – ausgerechnet in Mizpe Ramon. Als ich ihm berichte, ebenfalls einen Freiwilligendienst in dem Wüstenstädtchen hinter mir zu haben, stellen wir fest, dass wir uns dort bereits gesehen haben müssen – er war auf dem Mamma Africa Festival im Me’ever, auf dem ich ebenfalls gearbeitet habe. Mit in unserer neuen Clique hängt A., der in Israel geboren und aufgewachsen, im Kindesalter aber mit seiner Familie nach Kanada gezogen ist. Es zieht in immer wieder in sein Geburtsland, aber um zu vermeiden, aufgrund seiner Abstammung zum Militärdienst eingezogen zu werden, kann er nie allzu lange bleiben. Die nächsten Tage bestehen aus dem, was passiert, wenn man mit einem deutsch-israelischen Eskalationskommando unterwegs ist: Wir stolpern durch die Kneipen, bestellen in einer Kneipe aufgrund unserer lausigen Hebräischkenntnisse versehens fünfmal mehr Bier als geplant, lernen beim Verschenken des überschüssigen Alkohols Israeli kennen, die unsere sechsköpfige Truppe in ihrem winzigen Auto zur Partymeile mitnehmen, wanken nach Mitternachtssnack und mehr Bier durchs Rothschildboulevard, ich reite betrunken auf der Reiterstatue vor der Gründungshalle, wir schwimmen im Meer und spielen nächtelange Jamsessions unter dem Sternenhimmel.

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Nicht alle Araber beten zu Cthulhu

Wie konnte ich nur auf die absurde Idee kommen, einen Rückflug zu buchen, der um 4:50 Uhr morgens startet – im vollen Bewusstsein über die Tatsache, dass man drei Stunden vor Abflug am Terminal stehen muss, um genug Zeit für die strengen israelischen Sicherheitskontrollen zu haben? So stehe ich also um 1:50 am Flughafen und muss zuerst eine Befragung über mich ergehen lassen. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Wenn eine israelische Sicherheitsbeamte euch jemals fragt, ob ihr irgendwelche Freunde in Israel besucht habt, antwortet Nein. Falls ihr versehens Ja sagen solltet, werden sie euch nach Namen fragen. Sollte eine eurer Freunde einen arabischen Namen haben, nennt ihn um Gottes Willen NICHT. Erfindet einen anderen Namen. Shlomo Mandelbrot vielleicht. Oder Yehuda Ben Zion. Irgendwas, aber nichts arabisches, herrgott. Als ich den Namen nenne, prüft die Beamtin noch kurz, ob ihr Verdacht richtig liegt und ich antworte naiverweise wahrheitsgemäß: Ja, meine Freundin spricht arabisch, ja, sie wohnt in Nazareth. Dann legt die Beamtin los: Woher kenne ich die Freundin? Wie lange war sie in Deutschland? Was studierte sie und was studierte ich? Wie hielten wir in der Zeit, in der sie zurück in Israel war, Kontakt und welche Messenger oder Plattformen nutzten wir dafür? Wie oft habe ich sie in Nazareth getroffen und für jeweils wie lange? Wo wohnte sie genau? War ich jemals bei ihr zuhause? Habe ich bei ihr übernachtet? Habe ich ihre Familienmitglieder getroffen? Kenne ich die Namen ihrer Eltern? Kenne ich den Namen ihres ersten Haustieres? Was ist ihr Lieblingstier? Was ist ihre Lieblingsfarbe? Welchen Film mag sie lieber: »Jud Süß« oder die Werke von Leni Riefenstahl? Wenn sie einen Patronus-Zauber beschwört, um Dementoren zu bekämpfen, welche Form nimmt er dann an? Wenn sie sich entscheiden könnte, ob sie lieber Batman oder ein Einhorn wäre, würde sie dann versuchen, Einhorn-Man zu sein oder wäre sie dann lieber eine Regenbögen furzende Fledermaus? Und hat sie jemals irgendwas davon erwähnt, dass sie auf den Tag wartet, an dem die Sterne wieder günstig stehen, um den ausserdimensionalen Tentakelgott Cthulhu aus seinem äonenlangen Schlaf zu erwecken, damit er die bedeutungslosen Erdlinge vom Antlitz dieses Planeten tilgen und eine immerwährende Herrschaft des Wahnsinns und des Grauens errichten könne, wie es in den blasphemischen Prophezeihungen im Al-Azif des verrückten Arabers Abdul Al-Hazred beschrieben wurde?

Sexy: Fremde Hände in meiner schmutzigen Unterwäsche

Ich beantworte alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, dennoch braucht die Beamtin noch eine kurze Rücksprache mit ihren Kollegen, ob ich passieren darf. Ich werde zur Gepäckannahme gelotst, doch mir wird gesagt, dass das Gepäck, das ich aufgebe, »da hinten« zur Kontrolle bringen solle. Ich begebe mich nach »da hinten« und lasse mein Gepäck eine Stunde lang durchwühlen. Die Taschen jeder meiner mitgebrachten Hosen werden geleert, meine Zigarettenfilterpackungen geöffnet, mein Brillenetui nach Geheimverstecken abgeklopft; ich muss unter den Körperscanner, doch der arbeitet den Beamten offenbar nicht genau genug oder vielleicht wollen sie einfach meinen sexy Körper betasten, aber zumindest werde ich anschließend nochmal manuell abgesucht … Schließlich sagt man mir, dass ich weder meine Weinflasche, noch meine handgemachte Marmelade aus Nazareth mitnehmen darf. Erst jetzt begreife ich, dass die Beamten all mein Gepäck für Handgepäck halten und ich frage sie, wo ich hinmüsste, wenn ich meine Tasche aufgeben wolle. Die Beamten schütteln den Kopf: Wenn ich mein Gepäck aufgeben wolle, müsse ich noch durch die separate Fluggepäckkontrolle. Mein Flieger geht in anderthalb Stunden, das schaffe ich nicht mehr. Ich bekomme die Sondererlaubnis, ein Gepäckstück mehr in den Flieger zu nehmen, der Wein und die Marmelade bleiben aber da und beglücken fortan genussfreudige Sicherheitsbeamte. Im Flieger selbst gibt es die bekannten Probleme mit ultraorthodoxen Juden, die nicht neben einer Frau sitzen können – an alle, die sich darüber aufregen, dass solche fanatischen Schweine gefälligst zuhause bleiben können, wenn sie ansonsten den Abflug verzögern müssen: So was geht ziemlich schnell, wenn man den Leuten einfach anbietet, die Plätze mit ihnen zu tauschen. Mag ja sein, dass die ideologischen Hintergründe dieser Reinheitsregeln ziemlicher Käse sind, aber wenn man aus irgendeiner identitären »Wir gegen die«-Haltung heraus einen Sitzplatztausch gar nicht erst anbietet, darf man sich halt auch nicht beschweren, wenn sich dann der Flug verzögert.

Warum deutsche Zollbeamte nichts zu melden haben

In Deutschland komme ich endlich um elf Uhr vormittags an. Vollkommen übernächtigt wanke ich in Richtung Ausgang, bis mir ein Zollbeamter den Weg versperrt. Abfällig mustert er meine nur noch von Fäden zusammengehaltenen Chucks und meine mit Metal-Patches übersäte Kutte.

»Niiiiiicht so langsam, Freundchen! Jetzt sagen Sie mir erstmal, wo Sie denn auf einmal herkommen.«
»Öh … Von meinem Flieger?«
»Haha, Sie sind mir ja ein ganz Witziger. Was ist denn da in Ihrer Tasche?«
»Nun ja … Mein Gepäck.«
»Aha, und in dem Gepäck ist auch garantiert nichts illegales?«

Ich greife in meine Tasche, hole meinen Reisepass heraus und zeige ihm das Blatt mit dem israelischen Visum.

»Alter, ich komm gerade aus Tel Aviv und hab die israelischen Sicherheitskontrollen hinter mir. Selbst, wenn ich irgendwelchen illegalen Kram mit dabei hätte – wenn die in Israel nichts gefunden haben, wirst du erst recht nichts finden, glaubst du nicht auch?!«

Der Zollbeamte blickt in meinen Reisepass und murmelt dann etwas zu seinem Kollegen.

»Ja, okay. Sie können passieren.«

Israelinvasion, Teil 10: Kapernaum

Busfahrpläne auf Servietten

Hat jemand mal die »Besteigung des Säntis« gelesen? In dieser verflucht lustigen Kurzgeschichte erzählt Mark Twain von seinen Versuchen, bei einem Abstecher in der Schweiz den Sonnenaufgang auf dem Säntis zu sehen. Es bleibt bei Versuchen, denn wirklich zum ersehnten Ort zu gelangen misslingt ihm auf immer absurdere Weise. So in etwa fühlt es sich an, als ich versuche, an den Ort zu gelangen, an dem Jesus eine Weile gelebt haben soll, nachdem die Bewohner seiner Heimatstadt Nazareth etwas ungehalten über seine Selbstausrufung als Messias in der örtlichen Synagoge waren und ihn auf einem nahegelegenen Berghügel zu lynchen versuchten: Kfer Nahum, in Deutschland meist als Kapernaum bekannt. Schon die Anfahrt gestaltet sich als schwierig, denn da weder Nazareth noch Kapernaum viel besuchte Orte sind und die israelischen Busverbindungen sowieso auf einer Serviette geplant wurden, beträgt meine Reisezeit von Nazareth bis zum 30 Kilometer entfernten Kfer Nahum laut google maps zwei, laut der bitteren Realität aber vier Stunden inklusive fünffachen Umsteigens und mehreren verpassten, verspäteten oder nicht erscheinenden Bussen – der letzte Bus, der mich endlich an die Haltestelle Kfer Nahum bringen soll, wird von einem begriffsstutzigen Busfahrer gefahren, der nicht begreift, dass ich aussteigen will, weshalb ich an Kfer Nahum vorbei bis zur mehrere Kilometer entfernten nächsten Bushaltestelle fahre und mit einem weiteren Bus wieder zurückgurken muss. Von dort aus geht es noch ein gutes Stück zu Fuß weiter, bis ich endlich eine Kirche und eine kleine Klosteranalage sehe, aber … Aber irgendwas stimmt da doch nicht. Sollte hier nicht auch die Ruine einer Synagoge stehen? Und überhaupt, warum steht denn da »Brotvermehrungskirche«? Ich frage nach, wo sich das Haus des Heiligen Petrus befindet und stelle fest, dass ich noch einen halben Kilometer weiter gehen muss, um nach Kfer Nahum zu kommen. Immerhin ist der Weg schön: Ich wandere einen Teil des Jesus Trails entlang, auf dem Pilger auf den Pfaden Jesu wandeln können. Dieser Abschnitt verläuft am Ufer des Sees Genezareth und bietet einen großartigen Ausblick auf Berge, Olivenhaine und den See. Endlich erblicke ich vor mir eine weitere Kirche, und ja, auf einem Schild steht tatsächlich irgendwas von einem Heiligen Petrus. Ich verbringe eine Weile dort, plansche etwas im Wasser, aber stelle wieder fest, dass irgendwas nicht stimmt. Da drin in der Kirche ist mal wieder einer von vielen Steinen, die Pilger gerne küssen, aber müsste da nicht die Ruine von Petrus‘ Haus sein? Und wo ist diese verfluchte Synagoge? Ich frage nach und erfahre, dass ich schon wieder im falschen Ort bin. Kfer Nahum liegt einen weiteren halben Kilometer weiter. Also wieder zurück auf den Jesus Trail und weiter am Seeufer entlang. Endlich entdecke ich in der Ferne Gebäude auf einer kleinen Landzunge – geschafft: Ich habe Kfer Nahum gefunden.

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Gehen Sie weiter! Es gibt hier nichts zu sehen!

Die futuristische achteckige Kirche, in deren Zentrum der Besucher hinab auf die Überreste einer Kirche aus dem 1. Jahrhundert blicken kann, in der Petrus und die ersten Judenchristen von der Auferstehung Jesu sprachen, ist architektonisch beeindruckend und hat einen Seeblick wie in einem Fünf-Sterne-Hotel, bietet aber nicht viel zu entdecken. Die nahegelegene Ruine einer Synagoge mit ihrer römischen Gestaltung und korinthischen Säulen ist schön, hat sich aber auch schnell erschöpft; die Ruinen des antiken Fischerdorfes Kfer Nahum wären interessant, wenn man sie betreten könnte. Mit anderen Worten: Nach fünf Stunden Anreise habe ich nach einer halben Stunde genug gesehen. Nicht weiter schlimm, denn ich beginne bereits, mich vor der Rückfahrt zu gruseln: Ich hoffe, noch vor Mitternacht wieder zurück in meinem Hostel in Nazareth zu sein. Zum Glück kommen mir drei Dinge zugute, die ich gelernt habe: Erstens, dass Israeli liebend gerne Anhalter mitnehmen. Zweitens, dass Araber geradezu besessen davon sind, Menschen in ihrem Auto herumzukutschieren. Man muss nur irgendwelche Passanten in Nazareth nach dem Weg fragen und sie werden sofort darauf bestehen, einen mit zu ihrem Auto zu nehmen und persönlich an den gewünschten Ort zu chauffieren. Drittens, dass man in Israel Autos nicht mit erhobenem Daumen anhalten sollte, wenn man nicht für eine Prostituierte gehalten werden möchte. Ich befolge alle Regeln und habe Erfolg: Der erste vorbeifahrende Autofahrer bringt mich zurück nach Nazareth.

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Bloß nicht nach Kinneret

Eigentlich wollte ich auch noch nach Kinneret, jener antiken Festung, nach der der See Genezareth im Hebräischen benannt ist. Als ich feststelle, dass die Busverbindungen nach Kfer Nahum im Vergleich zu jenen nach Kinneret einem luxuriösen Direktflug mit dem Privatjet gleichen, nehme ich von dieser Idee Abstand und bade lieber einen Tag lang am Strand in Tiberias. Übers Wasser laufen klappt leider noch nicht so gut, schwimmen macht aber auch Spaß.

Israelinvasion, Teil 9: Armageddon

Weltuntergangs-Tourismus

»Du willst nach Armageddon? Ist Armageddon nicht der Weltuntergang? Wie soll das gehen? Wie will man denn ein zukünftiges biblisches Ereignis besuchen?« Die Reaktion aller Menschen, denen ich von meinem Ausflugsziel erzähle, ist immer wieder die gleiche. Das liegt daran, dass der moderne Gebrauch des Wortes »Armageddon« irreführend ist: Nein, Armageddon ist kein mystischer Tag am Ende der Menschheit, sondern ein ganz realer Ort, der immer noch existiert und der eine eigene Bushaltestelle, ein Besucherzentrum und einen ganz unmystischen Souvenirshop hat. Armageddon ist eine Stadtfestung auf einem Hügel in der Jezreel-Ebene, die schon seit 3000 Jahren wichtige Handelsrouten zwischen Ost und West beschützte und zur Verteidigung der Juden gegen Beduinen, Philister und andere Feinde diente. Tausende Jahre lang wurden hier immer wieder neue bedeutende Schlachten geschlagen, siebzehnmal wurde die Stadt zerstört und wieder aufgebaut, Saul, David und Salomon herrschten hier, eine der ersten und größten Kavallerien des Nahen Ostens befand sich hier, die strategisch wertvollen zweirädrigen Kampfwägen der Antike fanden hier Einzug nach Israel und selbst im Ersten Weltkrieg wurde hier noch gekämpft. Kurz: Armageddon ist einer der wichtigsten Kriegsschauplätze Israels. Das war wohl auch für den Verfasser der Offenbarung des Johannes der Anlass, die Festung als den Ort zu nennen, an dem am Tag des Jüngsten Gerichts die finale Entscheidungsschlacht zwischen den Heerscharen Gottes und den Ausgeburten der Hölle ausgetragen und das Schicksal der Menschheit besiegelt werden soll. Der Verfasser nennt den Ort hier Armageddon, was sich von seinem hebräischen Namen Har Megiddo – Berg von Megiddo – ableitet. Heute ist der Ort besser unter seinem modernen Namen Tel Megiddo bekannt. Wer den Ort besuchen will, sollte sich nicht von google maps leiten lassen, da google nur den Tel Megiddo National Park kennt, dessen Eingang drei Kilometer entfernt liegt. Den gleichen Fehler mache ich und da man sich im Norden Israels noch weniger auf Busse verlassen kann als im Rest des Landes, beschließe ich, einfach zu Fuß zum großen apokalyptischen Schlachtplatz zu wandern. Auf dem Weg blicke ich im Osten nach Gilead, jenem Land, in dem viele Geschichten des Alten Testaments spielen – Fans von Stephen King kennen den Namen wohl eher aus der Oktologie »Der Dunkle Turm«, in der Gilead die Heimat des Revolvermannes Roland Deschain ist. Gruselig: Als ich zum ersten Mal Richtung Gilead blicke, sehe ich kurz darauf vor mir auf dem Boden etwas goldenes blinken. Ich bücke mich und hebe einen kleinen, metallischen Gegenstand auf: Die Patronenhülse einer Luger 9 mm. Die Waffe von Jake aus dem Dunklen Turm ist zwar keine Luger, sondern eine Ruger, aber immerhin nahe dran. Ach ja, wo wir schon bei gruseligen Dingen sind: Habe ich schon erwähnt, dass mich in Israel die ständige Angst begleitet, auf eine Kamelspinne zu treffen? Auf dem Weg nach Armageddon wird dieser Alptraum wahr. Zum Glück handelt es sich noch um ein Baby – sie misst höchstens sechs Zentimeter –, aber das reicht schon, um mich nie wieder schlafen zu lassen.

Archäologie mit Metal-Soundtrack

Armageddon selbst ist tatsächlich sehr beeindruckend. Wegweiser führen den Besucher didaktisch sehr gut vom Stadttor zu den Ställen, zum Palast, zum Tempel und zu späteren Siedlungen und helfen, die einzelnen Orte halbwegs den verschiedenen zeitlichen Epochen zuzuordnen, in denen diese Stadt zerstört und wieder aufgebaut wurde. Einer der ältesten Altäre Israels ist noch hervorragend erhalten, um ihn herum liegen Schichten von Trümmern früherer Siedlungen, Stadtmauern und Paläste. Der Blick über die Jezreel-Ebene, nach Syrien, Jordanien und Gilead ist fantastisch. Die Zisterne mit ihrem unterirdischen Gang ist cool, kann aber natürlich bei weitem nicht mit den wassergefüllten Tunnelsystemen in Jerusalem mithalten. Insgesamt ist es ein ziemlich cooles Gefühl, auf den Mauern Armageddons zu sitzen, apokalyptische Metal-Musik zu hören und sich dabei vorzustellen, wie sich Erzengel und höllische Kreaturen eines Tages hier abschlachten werden.

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Israelinvasion, Teil 8: Nazareth

Nazareth, die verfluchte Stadt

»Ich fahre nicht nach Nazareth! Das hier ist kein Bus nach Nazareth! Suchen Sie sich einen anderen Bus, wenn Sie da hinwollen!« Der Busfahrer ist überraschend aufgebracht, als ich ein Ticket nach Nazareth kaufen will. Das irritiert mich doppelt: Ich kann schließlich Hebräisch lesen und sehe ganz eindeutig, dass die Anzeigetafel auf dem Bus „Nazrat“ sagt. Der Busfahrer schüttelt den Kopf und schließt die Tür vor meiner Nase. Seltsam. Auch beim nächsten Bus wieder das gleiche Spiel: Auf der Busanzeige steht irgendwas mit Nazrat, aber der Busfahrer schüttelt heftig den Kopf, wirkt geradezu empört, als ich ihn frage, ob er nach Nazareth fährt. Ich fühle mich wie in einem alten Horrorfilm, in dem die Dorfbewohner dem Protagonisten ausreden wollen, das Schloss des Grafen zu besuchen. Ich werde unruhig: Die Sonne steht schon tief, der Shabat naht und damit das Ende des öffentlichen Personennahverkehrs. Ich nenne verzweifelt die Bushaltestelle, zu der ich in Nazareth will. Plötzlich hellt sich das Gesicht des Busfahrers auf und er nickt. Verwirrt steige ich ein. Dummerweise verpasse ich meine Bushaltestelle und muss eine später aussteigen, die aber zum Glück nur 500 Meter von der anderen entfernt liegt. Ich rufe meinen Couchsurfing-Gastgeber an und sage ihm den Namen der Bushaltestelle, an der er mich abholen soll. Aus dem Telefon höre ich ein Stöhnen: Verdammt, das sei nicht Nazareth! Das sei Nazareth-Illit! Ich befände mich in der falschen Stadt, meint er. Nazareth-Illit? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Ich schaue auf Google Maps nach, aber mein Standort befindet sich mitten in Nazareth. Mein Gastgeber sagt, ich solle bleiben, wo ich bin, er käme mit dem Auto, um mich abzuholen. Fünf Minuten später steige ich bei ihm ein. Er fährt die Strecke, die der Bus gefahren ist, zurück, wir kommen auch an der Haltestelle vorbei, an der ich eigentlich hätte aussteigen sollen.

Er: »Siehst du? Diese Haltestelle ist Nazareth. Der Ort, an dem du eben warst, ist Nazareth-Illit.«
Ich: »Ach so, Illit ist also ein Stadtteil?«
Er: »Nein. Es ist eine eigene Stadt. Etwas ganz, ganz anderes.«
Ich: »Aber die beiden Haltestellen sind doch nur 500 Meter voneinander entfernt und dazwischen sehe ich keine Lücke in der Stadt.«
Er: »Trotzdem. Die in Illit gehören nicht zu uns.«
Ich: »Meinte deswegen der Busfahrer, dass er nicht nach Nazareth fährt?«
Er: »Natürlich. Er fährt ja auch nach Nazareth-Illit, nicht nach Nazareth.«
Ich: »Aber er ist doch durch Nazareth durchgefahren. Er hätte ja hier an der Bushaltestelle gehalten, an der wir eben vorbei gekommen sind.«
Er: »Er hätte dort gehalten, ja. Aber das macht ihn nicht zum einem Bus nach Nazareth. Er gehört zu einem Busunternehmen, das nach Nazareth-Illit fährt.«

Nichts wie raus aus Nazareth

Später erklären mir mein Gastgeber T. und seine Frau W. den Grund für die strikte Trennung zwischen Nazareth und Nazareth-Illit: Nazareth war eine der wenigen Städte, die nach der Staatsgründung Israels und dem anschließenden Unabhängigkeitskrieg komplett in der Hand arabischer Bewohner blieb – da diese die israelische Staatsbürgerschaft annahmen, verloren sie zwar weitestgehend ihre Ländereien, durften aber ihre Häuser und Wohnungen weiter behalten. Das hinderte die Israeli natürlich nicht daran, nach Nazareth zu ziehen – die wenigsten zogen allerdings in den Stadtkern, sondern errichteten ihre eigene Siedlung auf einem angrenzenden Hügel. Diese Siedlung ist zwar heute fast komplett mit Nazareth zusammengewachsen, gilt aber immer noch als eigene Stadt – als Nazareth-Illit. T. und W. sind Araber und sehen den Zuzug jüdischer Siedler als Angriff auf ihre Stadt: Jüdische Israeli bekämen Bauplätze und Baugenehmigungen geradezu geschenkt, wohingegen im arabischen Teil der Stadt immer weiter in die Höhe gebaut würde, weil Araber um ihre Bauplätze jahrelang kämpfen müssten. Er selbst habe ein Stück Land geerbt, aber erst nach zwölf Jahren eine Baugenehmigung erhalten. Zwölf Jahre! Er träume seit Jahren schon davon, nach Deutschland auszuwandern, dort könne man sich durch harte Arbeit wenigstens eine Lebensgrundlage schaffen. Anders als hier in Nazareth, wo die Löhne für Araber auf Dumpingniveau und Wohnungspreise rekordverdächtig seien. Eigentlich hasst er Nazareth. Die Regierung habe kein Interesse daran, das Potential der Stadt als Touristenmagnet zu nutzen. Die Arbeitslosenquote sei hoch, die Straßen zugemüllt. Das jahrzehntelange Drogenproblem habe die Stadt langsam wieder im Griff und mittlerweile kämen wieder mehr Touristen, aber die meisten Läden hätten trotzdem immer noch geschlossen. Dazu käme die hohe Quote an Gewaltverbrechen: Nirgendwo in Israel töten sich so viele Menschen gegenseitig auf der Straße. Aber es seien keine Kämpfe zwischen Juden und Arabern, nein, die Araber töteten sich untereinander! Auch hieran seien die Israeli schuld: Das Militär verkaufe illegal Waffen an Araber und die Polizei unternehme nichts dagegen, weil es sie nicht jucke, wenn die arabischen Gemeinden im Chaos versänken. Die Konflikte unter den Arabern würden durch die Regierung sogar noch befeuert, indem das Militär arabische Christen anzuwerben versuche – um Zwietracht zwischen Muslimen und Christen zu säen. Nein, Nazareth wolle er so schnell wie möglich hinter sich lassen. Ab nach Deutschland.

Einen Schnaps auf Mohammed!

Wie gesagt: Die Gastfreundlichkeit im Nahen Osten ist für uns Deutsche immer wieder verwirrend. Heute beginnt das Opferfest Mubarak, der höchste Feiertag der Muslime. Verwandte von T. und W. feiern bei sich zuhause ein großes Fest mit Familie und Verwandten und ich – der Couchsurfer, den niemand je zuvor gesehen hat – bin wie selbstverständlich eingeladen. Man stelle sich vor, man würde in Deutschland zur Weihnachtsfeier im Familienkreis einen palästinensischen Couchsurfer mitbringen. Undenkbar. Ich gehöre aber sofort zur Familie, werde mit arabischen Salaten verwöhnt, tanze mit der Familie zu arabischer Musik und, das ist das Beste: Ich werde mit literweise Arak der höchsten Qualitätsstufe abgefüllt. Ja, richtig – nur, weil wir gerade den höchsten muslimischen Feiertag begehen, heisst das noch lange nicht, dass nicht gesoffen wird. Die meisten Menschen hier sind zwar muslimisch aufgewachsen, halten es mit der Religion aber eher locker. So, wie wir in Deutschland Weihnachten feiern, ohne uns sonderlich für Jesu Geburt zu interessieren, ist auch hier Mubarak einfach nur ein schöner Anlass, um gemeinsam zu grillen. Ein großer Teil der Gäste ist sowieso christlich – in Nazareth sind Christen und Muslime so durchmischt, dass es vollkommen üblich ist, sich gegenseitig zu religiösen Festen einzuladen. Bei aller Gastfreundlichkeit schimmert ab und zu aber ein seltsames Gefühl durch: Ich höre Sätze wie »Wir wollen zeigen, dass wir Araber nicht alle so sind, wie wir in den Medien dargestellt werden. Das sind Lügen. Jüdische Lügen.« Ich erwidere, dass die deutschen Medien eher propalästinensisch als proisraelisch eingestellt sind, aber mein Gesprächspartner winkt ab. »Die lügen trotzdem. Die zeigen nicht, wie wir wirklich sind. Die sind alle gekauft von den reichen Juden. Die Macht liegt bei denen, die Geld haben, und das Geld haben immer die Juden.« Mir wird übel. Ich will keine politischen Diskussionen starten, dafür sind meine Gastgeber zu freundlich. Ich entscheide mich, ein paar versöhnliche Dinge einzustreuen: Zum Glück seien ja nicht alle Israeli gleich und einige meiner israelischen Freunde engagierten sich sogar für die arabischen Parteien im Knesset. Vielleicht gäbe es also noch Hoffnung für einen Austausch, solange man es nicht rigoros ablehne, aufeinander zuzugehen. Mein Gegenüber zieht an seiner Zigarette und wankt unsicher mit dem Kopf. Vielleicht, meint er und schweigt.

Der chinesische Jesus und die Heisshunger-auf-Essiggurken-Kirche

Am nächsten Tag treffe ich N., meine Freundin aus Nazareth. N. war meine deutsch-hebräische Tandempartnerin in Deutschland und arbeitet in Nazareth als historische Touristenführerin. Natürlich gibt sie mir eine kostenlose Privatführung. Wichtigste Anlaufstelle ist die Verkündigungskirche. Der brutalistische Betonbau aus den späten Sechzigern beeindruckt durch schiefe Winkel, die verwirrende Perspektiven und optische Täuschungen erzeugen. Das Gebäude wurde auf den Ruinen einer anderen Kirche erbaut, die wiederum auf den Ruinen mehrerer anderer Kirchen erbaut wurde. Zerstört wurden diese aber nicht von christenfeindlichen Eroberern, sondern von Christen selbst: Jede christliche Gruppierung wollte hier ihre eigene Duftmarke setzen, weshalb immer wieder Kirchen früherer Jesusjünger weichen mussten. Interessant sind hier auch die Maria-mit-Jesuskind-Mosaiken: Ähnlich der Mosaiken in der Basilika der Todesangst in Jerusalem wurden auch hier Kunstwerke von verschiedenen christlichen Gemeinden auf der ganzen Welt gespendet. Das Motiv ist immer mehr oder weniger das gleiche – die Jungfrau Maria, mal mit, mal ohne Jesuskind –, ungewöhnlich ist aber die Darstellung: Jedes Land zeigt die Mutter Gottes in der traditionellen Kunst seiner Kultur. Es gibt eine chinesische Maria, eine taiwanesische, eine japanische – so kreativ können Heiligenbilder sein. Im Herzen der Verkündigungskirche gibt es ausnahmsweise keinen Stein, den Pilger küssen dürfen, dafür aber eine tatsächliche Steinhütte aus dem ersten Jahrhundert, die im ältesten bekannten Stadtteil von Nazareth stand und von Christen als Haus Marias verehrt wird. Einige Tage später nehme ich hier an der sonntäglichen Lichterprozession teil, bei der hunderte Christen mit Kerzen in den Händen einer Marienstatue folgen, die zu Gesängen durch die Stadt getragen wird. Die Verkündigungskirche wird übrigens nicht von allen Christen als der Ort verehrt, an dem der Erzengel Gabriel Maria klarmachen musste, dass sie bald sehr oft Heisshunger auf Essiggurken verspüren würde. Die Griechisch-Orthodoxen Christen nehmen es sehr genau und weisen darauf hin, dass die Verkündigung nicht in Marias eigenen vier Wänden, sondern am nahegelegenen Brunnen stattfand. Deshalb haben sie ihre eigene Kirche, die über einem antiken Brunnen steht. In der Nähe der Verkündigungskirche (der lateinischen, nicht der griechischen) befindet sich die Synagogenkirche, die angeblich auf den Überresten einer alten Nazarener Synagoge erbaut ist, in der, sofern sie hier wirklich stand, der junge Jesus vermutlich Hebräisch gelernt und die Bibel studiert hat. Ein besonderes Highlight für N. ist eine sehr junge Ausgrabung, bei der die Überreste eines alten Bauernhauses aus dem 1. Jahrhundert freigelegt wurde: Dieses befindet sich nämlich exakt an der Stelle des Spielplatzes von N.s alter Grundschule. Dass sich unter dem Schulhof ein bedeutendes antikes Artefakt befand, fand die Schulleitung versehens bei Umbauarbeiten heraus. N. war schon Geschichtsstudentin, als sie erfuhr, dass sie als Kind jahrelang wenige Meter über einem der bedeutendsten historischen Artefakte ihrer Heimatstadt gespielt hatte.

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Israelinvasion, Teil 7: Masada / Totes Meer

Freitod durch Kriegerehre

Ruinen am Toten Meer, die Zweite – nach Qumran geht es zu einem der geschichtsträchtigsten Orte Israels. Auf einem steilen Berggipfel 400 Meter über dem Toten Meer liegt Masada, der Festungspalast von König Herodes. Das Ereignis, durch das Masada heute als nationales Symbol für den israelischen Widerstand gegen antizionistische Mächte gilt, ereignete sich allerdings erst Jahrzehnte nach Herodes‘ Tod: Im jüdischen Aufstand gegen Rom, der 66 nach Christus begann, nahm eine Gruppe Sikarier – ein besonders militanter Arm der zelotischen Widerstandsbewegung – die Festung ein und nutzte sie als letztes Bollwerk gegen die römischen Eroberer. Nachdem Vespasian und sein Sohn Titus im Auftrag Kaiser Neros Galiläa, Samaria und Judäa in einem selbst für römische Verhältnisse ausserordentlich blutigen Feldzug wieder unter römische Kontrolle gebracht hatten, blieb Masada lange Zeit das letzte jüdische Bollwerk gegen die Eroberer. 73 nach Christus witterte der Flavius Silva, der neue Statthalter Judäas, seine Chance, dem Kaiser seine politische Stärke unter Beweis zu stellen und begann mit der Belagerung Masadas. Lange Zeit schien die herodianische Festung durch die steilen Felswände und die gut gefüllten Lagerräume absolut uneinnehmbar – bis die Römer eine Taktik anwendeten, die an Größenwahn grenzt: Sie schütteten eine riesige Rampe aus Stein und Erde auf, die bis zum Gipfel des Plateaus von Masada reichte. Als die Niederlage der jüdischen Verteidiger unabwendbar schien, begingen die 960 zelotischen Krieger einen Massenselbstmord – lieber tot als in den Händen des Feindes. Bis heute erinnert der Schwur »Masada darf nie wieder fallen« im Eid der israelischen Soldaten an den erbitterten Kampf der Juden gegen ihre Eroberer.

Hitzetod durch Wanderlust

Ein beliebter Reisetip ist es, noch vor Anbruch des Tages nach Masada anzureisen, um in der Dämmerung das Felsplateau zu erklimmen und den Sonnenaufgang in der Wüste von den Zinnen der Festung aus zu erleben. Meine Begleiterin und ich brauchen leider zu viel Schönheitsschlaf, um so früh aufzustehen, deswegen müssen wir leider auf den Sonnenaufgang verzichten. Auch das Hochwandern bleibt uns verwehrt: Ab 8 Uhr morgens bleibt der Schlangenpfad, der einzige Fußweg zur Festung, aus Sicherheitsgründen gesperrt – schon zu vielen leichtsinnigen Touristen ist der beschwerliche Aufstieg ohne Schatten bei Temperaturen von bis zu 50 Grad zum Verhängnis geworden. Eine Rampe wie die römischen Belagerer müssen wir uns zum Glück aber keine bauen, stattdessen geht es mit der tiefstgelegenen Seilbahn der Welt nach oben. Der Ausblick auf die felsigen Plateaus, die steil abfallen und sich zu einem feinen System aus Wadis verästeln, um in eine sandige Ebene aus Dünen überzugehen, die an das Tote Meer grenzt, auf dem die Vormittagssonne glitzert, im Hintergrund die im Dunst verschwindenden Berge Jordaniens – durchaus ein würdiger Ausblick für einen Königspalast. Dass Herodes auch in architektonischen Dingen Geschmack hatte, zeigen die in stufenförmigen Terassen angelegten und von korinthischen Säulen gesäumten Rundhallen am Nordende, die Mosaiken in den Baderäumen oder das durch unterirdische Öfen beheizbare Schwimmbad. Wehrtürme, Lagerhallen, Pferdeställe, eine Synagoge und eine später errichtetete byzantinische Kirche sind großartig erhalten.

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Wassertod durch Salzhöhlen

Später geht es erneut ans Tote Meer, diesmal aber glücklicherweise ohne nicht erscheinende Busse und Hitchhiking im Nirgendwo – dafür aber mit einem Sinkhole, auf das wir mitten an einem ausgewiesenen Strand treffen und glücklicherweise dadurch bemerken, dass an der Wasseroberfläche Schwefelblasen blubbern. Kleiner Tip für Reisende: Wenn ihr keinen Wassertod im Toten Meer sterben wollt, dann schwimmt nicht auf irgendwelche nach fauligen Eiern riechenden Blubberblasen zu und tretet schon gar nicht in deren direkter Nähe auf den Boden. Ehrlich, tut’s einfach nicht.

Israelinvasion, Teil 6: Qumran / Totes Meer

Wüstenkloster mit Seeblick

Mein nächster Kurztrip führt mich nach Qumran. Die antike Siedlung am Nordwestufer des Toten Meeres ist seit den späten vierziger Jahren unter Theologen unter Historikern eine Sensation – in den Höhlen in der Nähe der Ruinen fanden Beduinen durch einen Zufall hunderte hervorragend erhaltene Schriftrollen aus der Zeit Jesu, darunter neben vielen sektiererischen Texten auch die frühesten erhaltenen Abschriften alttestamentarischer Bücher. Qumran war nach Einschätzung vieler Historiker wahrscheinlich die antike jüdische Urform eines Klosters, in dem sich die apokalyptische Sekte der Essener in rituellen Waschungen, Predigten und der Abschrift religiöser Texte übte. Als 66 nach Christus die jüdischen Aufstände gegen Rom begannen, ahnten die Essener, dass die römische Invasion und damit auch das Ende ihrer Gemeinde drohte und versteckten all ihre Schriften in einer Höhle, um sie für die Nachwelt zu bewahren. Die Einschätzung ihrer Zukunft traf zu: Nur zwei Jahre später wurde Essenersekte von den Römern vernichtet. Ob es sich bei Qumran wirklich um das Essenerkloster handelt, ist mittlerweile sehr strittig, im örtlichen Museum hält man an dieser Darstellung der Geschichte aber fest. Und eigentlich ist es auch egal, ob die historische Wahrheit nun weniger spektakulär aussieht, denn auch ohne bibelschreibende Wüstenmönche lohnt sich der Streifzug durch die Ruinen mit Ausblick auf das Tote Meer. Fans der Schriftrollenfunde können zumindest von Weitem die legendären Höhlen in den umliegenden Wadis sehen.

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Geisterstädte im Wüstensand

Später ziehe ich weiter ans Tote Meer. Die nächste Bushaltestelle liegt mitten im Nirgendwo; früher war hier mal ein Badestrand, aber da sich das Tote Meer durch Austrocknung jedes Jahr um mehrere Meter zurückzieht, wandern mit ihm auch die Strände – so schnell, dass die Bushaltestellen nicht hinterherwandern können. Von der Bushaltestelle aus muss ich also mehrere Kilometer zum Strand wandern – vorbei an aufgegebenen Häusern, Strandhütten und leerstehenden Hostels, die hier einst Anlaufstelle für Badegäste waren. Jetzt versinken diese Geisterstädte im Wüstensand. Der Weg bis zum Strand ist mörderisch: Die Temperatur beträgt 45 Grad, die staubtrockene, salzige Luft brennt beim Einatmen in den Atemwegen. Ich muss zu einem ausgewiesenen Strand, der nur hier bin ich sicher vor den berüchtigten Sinkholes – Hohlräume, die im Toten Meer durch Auswaschungen entstehen und die, wenn sie einbrechen, unvorsichtige Badegäste in die Tiefe reissen.

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Salzige Psychedelika

Ich habe vom Toten Meer ehrlich gesagt nie viel erwartet – okay, man geht nicht unter, ist bestimmt ganz witzig, aber wie toll kann das schon sein? Wenn man aber das glühend heisse Wasser betritt, das sich als schmieriger Ölfilm auf die Haut legt, wenn jede Wunde zu brennen beginnt, sobald es mit dem Salz in Berührung gerät, wenn man immer tiefer ins Wasser vordringt, bis sich plötzlich die Füße zum ersten Mal vom Boden lösen und man wie ein Pingpongball an die Wasseroberfläche gedrückt wird, ist das tatsächlich ein ziemlich unvergessliches Gefühl. Besonders intensiv ist es, einfach alle Muskeln vollkommen zu entspannen und schwerelos im Wasser zu liegen. Es ist ein Zustand, den das Gehirn erstmal verarbeiten muss: Wenn der Körper nicht die geringste Bewegung ausführt, kein Muskel irgendeine Spannung hat, kein Bodenkontakt besteht und man trotzdem waagerecht und gemütlich wie in einem weichen Bett liegt, ist das verwirrend. Gepaart mit dem heissen Wasser und der brütenden Sonne ergibt sich eine psychedelische Trance, in der man eine ganze Weile verbringen kann.

Planlos durch die Wüstennacht

Ich bleibe noch bis zum Sonnenuntergang am Strand, höre israelische Musik und warte, bis in Jordanien am gegenüberliegenden Ufer die Lichter der Hafenstädte angehen, bis ich aufbreche und wieder an den Geisterstädten vorbei Richtung Bushaltestelle laufe. Als ich ankomme, ist es stockdunkel. Unter den Sternen warte ich auf meinen Bus. Und warte. Und warte. Vielleicht sollte an dieser Stelle gesagt werden, dass Busse in Israel eigenen Gesetzen gehorchen: Richtige Fahrpläne hängen nirgendwo aus, da sowieso kein Bus nach Plan kommt und da sie, nun ja, manchmal auch einfach nicht kommen. Ich stehe allein an einer einsamen Straße in der Wüste, und um mich herum heulen die ersten Kojoten. Scheisse.

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Ich, die versehentliche Prostituierte mit schlechten Hebräischkenntnissen

Ich beschließe, etwas zu machen, was in Israel sehr üblich ist: Ich fahre per Anhalter. Tatsächlich kommen auf dieser Straße immer wieder ein paar Autos vorbei, aber keines hält an. Später lerne ich, dass das einen Grund hat: In Israel werden Autos nicht mit erhobenem Daumen, sondern mit ausgestrecktem Zeigefinger angehalten. Ein erhobener Daumen am Straßenrand wird auch verstanden – aber eben nicht als Zeichen für Anhalter, sondern, für, ähm, sexuelle Dienstleistungen. (Daraus, dass ich offenbar für eine männliche Prostituierte gehalten wurde, aber kein Auto anhielt, schließe ich, dass wohl alle Fahrer dachten, dass sie sich so einen heissen Burschen wie mich nicht leisten könnten. Das wird es sein, ja.) Glücklicherweise hält schließlich ein Taxi an der Bushaltestelle. Ich frage, was eine Fahrt nach Jerusalem kostet – läppische hundert Shekel; diesen Preis kann ich aufbringen. Nachdem ich eingestiegen bin, erkenne ich, dass die Menschen im Taxi – der Taxifahrer und zwei seiner Kumpels – aber ausser dem Satz »How much to Jerusalem?« und einigen Zahlwörtern kein einziges Wort Englisch beherrschen. Es ist an der Zeit, meine Basiskenntnisse in Hebräisch auszupacken. Dass ich zu einem Bankautomat will, kann ich ihnen gerade noch begreiflich machen (»Ani roze … äh … tichni ad … ähm …. kaspumat?«), wohin genau in Jerusalem ich will, ist aber eine harte Nuss. »Old City«, »Jaffa Gate«, »Damascus Gate« – keines der Worte kennen meine Fahrer. Schließlich werfen sie mich an einer Bushaltestelle in der Nähe von Yad Vashem raus.

Israelinvasion, Teil 5: Bethlehem

Touristen, die auf Mauern starren

»Willkommen in Palästina!« ruft der Deutsch-Palästinenser, den meine Freunde und ich im Hostel kennengelernt haben. Ich blicke aus dem Fenster des Busses. »Hä? Sind wir schon auf der anderen Seite der Mauer?«, frage ich irritiert. »Nein«, antwortet er. »Aber das gesamte Land hier ist Palästina.« Als unser neuer Bekannter am Vortag erfahren hat, dass wir einen Tagesausflug nach Bethlehem planen, bestand er darauf, uns eine politische Führung durch »sein Land« zu geben. Auf der Fahrt deutet er zwei mal aus dem fenster auf jüdische Siedlungen. »Seht ihr das? Gestohlenes Land. Alles gestohlenes Land. Der gesamte Staat ist gestohlenes Land.« Als wir den Checkpoint durchqueren, wiederholt er mantraartig die Sätze »Fühlt es. Fühlt die Besatzung. Fühlt ihr, wie sich die Besatzung anfühlt? Das ist Besatzung. Fühlt sie.« Wir wandern die Trennmauer zwischen Israel und den palästinensichen Gebieten entlang und betrachten die Graffities, mit denen die Bewohner der palästinensischen Gebiete ihre Meinung über die Besatzung ausdrücken. Die Terroristin Leila Khaled wird mit einem acht Meter hohen Porträt geehrt, direkt daneben wird Donald Trump, der durch seine proisraelische Politik bei den Arabern in Ungnade gefallen ist, mit einer Kippa dargestellt – nicht ein politisches Symbol dient hier als Zeichen für das Böse, sondern ein religiöses. Der Jude ist der Feind. Wir sehen viele Gemälde der Street-Art-Legende Banksy, der für seinen propalästinensischen Kurs bekannt ist und hier das Wall-Hotel errichtet hat – ein Hotel mit Blick auf die Mauer, als Anklage gegen die Besatzungspolitik. Banksy ist nicht der Einzige, der mit der Mauer gutes Geld verdient: Entlang der Mauer verkaufen Tourishops Wall-Postkarten, Wall-T-Shirts und Wall-Poster, es gibt ein Wall-Restaurant, antiisraelische Souvenirs sind überall erhältlich.

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Die Hamas will nur spielen und Jesus war vor den Juden da

Die Stadt selbst hat nicht viel zu bieten: Die Geburtskirche ist schön, wird aber gerade renoviert (Überraschung: auch hier küssen Pilger Steine), die Milchgrottenkirche, die gebaut wurde, weil Maria hier beim Säugen des Jesuskindes einen Tropfen Milch verschüttete (Ja, wegen so was bauen Christen Kirchen!) ist auch nett, aber etwas arg modern. (Der Milchtropfen landete seinerzeit übrigens auf einem Stein und drei Mal dürft ihr raten, was Pilger mit diesem Stein machen.) Beim Abstecher in eine Moschee wird unser selbsternannter palästinensischer Tourguide langsam richtig unangenehm: Die Hamas habe den Gazakrieg nicht begonnen, alles habe nur angefangen, weil die IDF ein Kind erschossen habe, und wer zuerst schieße, dürfe sich auch nicht wundern, wenn zurück geschossen würde. Der Jud ist also mal wieder schuld am Kriege. Und überhaupt sei es gar nicht wahr, was die Medien über die Hamas schrieben; die Satzung, in der zum Judenmord aufgerufen würde, sei nur ein Übersetzungsfehler. Später beeindruckt er uns mit seinem Geschichtswissen:

Er: »Dass Bethlehem eine arabische Stadt ist, kann man ja schon am Namen erkennen; Bethlehem kommt nämlich aus dem Arabischen und bedeutet ›Haus des Fleisches‹.«
Ich: »Könnte aber auch aus dem Hebräischen stammen. ›Bejt Lechem‹ bedeutet ›Haus des Brotes‹. Wäre auch recht logisch, schließlich wurde diese Stadt von Juden gegründet. Bevor die Araber hier waren.«
Er: »Das stimmt überhaupt nicht, die Stadt ist viel älter als Israel, die wurde schon von Arabern bewohnt, bevor die Juden hier ankamen!«
Ich: »Ich rede nicht von den Juden, die den Staat Israel gegründet haben. Sondern von den antiken Juden. Glaub mir, die Stadt wurde vor der Besiedelung durch die Araber gegründet.«
Er: »Aber wenn wir von der Gründungszeit der Stadt ausgehen, dann war Bethlehem sowieso vor allen anderen da. Vor den Juden, vor den Arabern. Die Stadt stand schließlich schon zu Lebzeiten Jesu!«
Ich: »Äh, also um genau zu sein, waren die Juden auch schon vor Je- … Ach, vergiss es.«

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Judenhass ist doch kein Antisemitismus!

Auf der Heimfahrt wird es dann noch kurz richtig eklig: Unser Begleiter meint, dass er kein Antisemit sein könne, da er ja arabisch und somit selber semitisch sei. Hier kann ich wirklich nicht mehr an mich halten und schnauze ihn mit einer kurzen Aufklärung darüber an, warum die Bedeutung eines Wortes in der Regel seines Gebrauchs liege und dass »Neger« ja schließlich auch als Beleidigung gelte, obwohl es etymologisch betrachtet gar nicht so beleidigend sei. Als ich ihm erkläre, dass die Behauptung, Judenfeindlichkeit könne gar nicht antisemitisch sein, bereits selber ein antisemitischer Narrativ sei, schweigen wir uns für den Rest der Fahrt nur noch an.