Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 5

Es gibt da diese „Sounds of Silence“-Coverversion von Disturbed. Das Original von Simon and Garfunkel hört sich irgendwie nach introvertiertem Sinnieren über die Unvermittelbarkeit der Gedanken und Gefühle in der Isolation der Großstadt an. Oder so. Die Disturbed-Version dagegen klingt so, als hätte sich Hans Zimmer als dicke, schwarze Soulsängerin verkleidet und würde in Begleitung eines 500-Mann-Orchesters vor lauter Selbstverliebtheit wild vor dem Spiegel masturbierend diesen Text über den Klang der Stille mit fanatischem Inbrunst und überschlagendem Vibrato brüllen, bis seine Lungen zu zerbersten drohen und auch der allerletzte deutsche Gefühlskrüppel gerafft hat, dass der Song auch wirklich, wirklich, WIRKLICH sehr dramatisch ist.

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„Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Jedesmal, wenn darüber berichtet wird, dass irgendwo mal wieder ein ehemaliger Auschwitz-Mitarbeiter vor Gericht steht, kreischen Kommentarspaltenkartoffeln wieder panisch Dinge wie „Hilfehilfe jetzt wirft man uns Deutschen schon wieder den Holocaust vor, jetzt lasst den armen Mann doch frei, kann doch nicht sein, dass wir Deutsche schon wieder für was büßen müssen, was lange vorbei ist, wir haben uns doch jetzt oft genug entschuldigt!“ Die Tatsache, dass sich Deutsche so sehr mit NS-Verbrechern identifizieren, dass sie deren Verurteilung als Angriff gegen sich selbst wahrnehmen, lässt halt schon sehr tief blicken.

Wenn deine Standards vielfältiger sind als dein Geschlechterbild.

Fundi-Christen, wenn sie über geschlechtsangleichende Operationen bei Transsexuellen reden: „Jeder Mensch muss so bleiben, wie Gott ihn geschaffen hat! Da darf man nix dran verändern! Böse Operationen, grrrr!“
Fundi-Christen, wenn sie über geschlechtsangleichende Operationen bei Intersexuellen reden: „Also Zwitter sind halt ein Fehler in der Natur, das muss man dringend korrigieren, Operationen sind super, yeah!“

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 4

Metalcore ist der BWL-Justus unter den Musikrichtungen. Diese Aussage könnte man zwar schon so stehen lassen, aber zum besseren Verständnis soll sie doch noch eingehender erklärt werden. Erstens ist Metalcore genauso schmierig und aalglatt, wie es der BWL-Justus nunmal sein soll. Zweitens ist der BWL-Justus ein Meme, also ein Phänomen, das darauf basiert, das immergleiche Muster mit so wenigen Variationen wie möglich immer wieder zu wiederholen, funktioniert also genauso wie das Songwriting von Metalcore. Und drittens ist der BWL-Justus nicht nur irgendein Meme, sondern eines, das schon seit geraumer Zeit tot ist, aber trotzdem noch weiter fortgeführt wird, was ja bei Metalcore nicht anders ist.

Medienkritische Lifehacks.

Geheimtip zum Erkennen unseriöser Nachrichtenportale: Wenn ein Nachrichtenportal oder ein „Journalist“ 90 % seiner Zeit damit verbringt, Dinge zu sagen wie „Wir sind die Einzigen, die sich noch trauen, ihre Meinung zu sagen!“, „Wir beugen uns nicht dem Diktat der Mainstreammedien!“ oder „Wir sind noch wahrhaft unabhängige Presse, die sich nicht den Mund verbieten lässt!“, dann sind auch die restlichen Inhalte Murks.

Beweisstücke: KenFM, Rubikon, Compact, Martin LeJeune, Daniele Ganser, NachDenkSeiten.

Queerdenkerei.

Musikalische Fragen an die LGBTQIAXYZ-Szene, die bisher niemand gestellt hat:
1. Wenn ich einen Song über Transgender schreibe, darf ich dann Cis-Tonleitern verwenden?
2. Apropos: Dur und Moll werden in der Musiktheorie als „Notengeschlechter“ bezeichnet. Sollten Musiker diese starren Geschlechterbilder nicht überwinden? Und welche Rolle spielt es dabei, Noten zu transponieren?
3. Warum ist „Ace of Spades“ von Motörhead eigentlich keine Hymne der Asexuellen-Szene?
4. Apropos: Geht es in „Aces high“ von Iron Maiden um bekiffte Asexuelle?
5. Es gibt da ein sehr romantisches Lied namens „Unchain my Heart“, das von einem offen homosexuellen Musiker geschrieben wurde, der 2010 bei der Bergen Gay Gala zum Schwulen des Jahres gewählt wurde. Aber immer, wenn ich mir den Song auf Queer-Partys gewünscht habe, haben mich die DJs verwirrt angeschaut und gemeint, dass sie noch nie von einer Band namens Gorgoroth gehört hätten. Ist das ein Zeichen dafür, dass ich in Zukunft immer den DJ-Posten auf solchen Veranstaltungen übernehmen sollte? (Das war eine rhetorische Frage und die Antwort lautet ja.)
6. Apropos: Würden Queer-Partys besser werden, wenn ausschließlich Musik von queeren Musikern gespielt werden würde und wenn ja, sollte man vielleicht durchgehend ausschließlich Judas Priest laufen lassen? (Auch das war eine rhetorische Frage und auch hier lautet die Antwort ja.)

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 3

Es gibt nur eine Entschuldigung dafür, die Songtexte von SDP lustig zu finden: Man ist irgendwann 2009 in ein Koma gefallen und glaubt beim Aufwachen, Schüler-VZ würde noch existieren und alle Schüler-VZ-Gruppen mit unglaublich lustigen Namen wie „Ich trinke Bier nur an Tagen, die mit G enden. Und Mittwochs.“, „Wo war ich in der Nacht von Freitag auf Montag?“, „Ich glühe härter vor, als du säufst“, „Ich tanz aus der Reihe“ oder „Suche Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal“ wären immer noch neu und aktuell. Wenn man unter 14 ist, in Pforzheim wohnt, gerade in seine rebellische Phase kommt und der Illusion erlegen ist, es wäre irgendetwas anderes als unfassbar peinlich, Sprüche-Shirts von EMP zu tragen, dann ist es zwar verständlich, wenn man auch SDP witzig findet, aber man wird für dieses Vergehen auch nur deshalb nicht in der Enz ertränkt, weil man unter 14 halt noch nicht strafmündig ist.

Zehn antikapitalistische Punkte für Ravenclaw.

Ich glaube, die Einteilung politischer Strömungen in links, rechts, progressiv, konservativ, liberal und autoritär sollte ersetzt werden durch Hogwarts-Häuser aus Harry Potter. Man kann jegliche Positionen zu jedem beliebigen politischen Thema in Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin einteilen. Nehmen wir als Beispiel mal Kapitalismuskritik. Gryffindor-Kapitalismuskritiker wären diejenigen, die irgendein Guerilla-Kommando gründen würden, um im Robin-Hood-Style das Geld der Großkonzerne zu plündern und es an die arme Bevölkerung zu verteilen. Das sind diejenigen, die mit hehren Zielen eine Revolution starten und am Ende feststellen, dass es das Blutbad vielleicht doch nicht wert war. Solche Che Guevaras, Castros, Lenins, Stalins und RAFler. Ravenclaw-Kapitalismuskritiker sind solche, die Politik und Philosophie studiert haben, alle Werke über Marxismus, Kommunismus, Marktwirtschaft und Gesellschaftstheorie auswendig kennen, ein Buch darüber schreiben, wie man durch die Umverteilung von Besitz langfristig eine neue Gesellschaftsform installieren könnte und dann in der Politik landen und mit etwas Glück vielleicht irgendwann mal irgendwo irgendeine klitzekleine Gesetzesänderung durchbringen, durch die Kinder von Geringverdienern etwas mehr Chancen auf gute Bildung haben oder so. Solche Gysis, Marx‘ oder Engels‘. Hufflepuff-Kapitalismuskritiker sind diejenigen, die sich irgendwelchen sozialen NGOs anschließen und wochenlang bei Regen in der Fußgängerzone stehen und Flyer mit Spendenaufrufen verteilen oder Petitionen starten oder sich als Entwicklungshelfer in Dritte-Welt-Ländern engagieren. Solche Joan Baez‘ oder Andy Bichlbaums. Slytherin-Kapitalismuskritiker sind diejenigen, die ganz genau wissen, welche hakennasigen Strippenzieher die Welt in ihren gierigen Griffeln halten. Solche, die dann zum Boykott der bösen Kapitalisten aufrufen und damit gut Geld verdienen. Solche Gedeons, Jebsens oder Roger Waters‘. Ja, doch, ich glaube, das System könnte sich durchsetzen.

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 2

Dass die Böhsen Onkelz und Helene Fischer zum selben Genre gehören, dürfte offensichtlich sein. Klar, ihre musikalischen Ausdrucksformen unterscheiden sich etwas – die Onkelz haben etwas mehr Gitarren und etwas mehr Gegröhle, Helene Fischer hat mehr Schunkel-Beats und Zuckerguss – aber im Großen und Ganzen unterscheiden sich beide Künstler nicht wesentlich voneinander: Beide teilen sich eine Zielgruppe (besoffene Dorfkinder im Bierzelt auf dem Volksfest), beide werden hauptsächlich zu den gleichen Anlässen gespielt (Doubletime im Bierzelt auf dem Volksfest) und bei beiden zielt die Musik auf das gleiche Ergebnis ab (besoffene Dorfkinder zur Doubletime im Bierzelt auf dem Volksfest zum Weitersaufen anfeuern). Dennoch wäre es nicht fair, die Böhsen Onkelz auf eine Stufe mit Helene Fischer zu setzen. Denn es gibt da einen großen qualitativen Unterschied: Helene Fischer ist natürlich besser als die Onkelz – einfach, weil sie die besseren Texte hat. Klar, die Fischer-Lyrics sind hohler als das Erdenmodell von Dr. Axel Stoll, aber das wollen sie ja auch sein – und es ist ja nun nichts Verwerfliches dabei, dumme Texte zu schreiben, wenn man wirklich Spaß an Texten hat, die blöd sind und auch blöd sein wollen. Die Onkelz dagegen leiden am Xavier-Naidoo-Syndrom: Ihre Texte sind genauso stumpf wie die von Helene Fischer, aber sie versuchen auf Teufel komm raus irgendwie nach superdeepem „Ich hab so viel durchgemacht und geb dir jetzt mit meiner krassen Lebenserfahrung weise Lebensratschläge“-Shit zu klingen. Raus kommen dabei Kalendersprüche, die höchstens dann erträglich wären, wenn sie wenigstens gar nicht erst so tun würden, als hätten sie irgendeinen relevanten Inhalt, aber eine Band, die ihr widerwärtiges Deutschtum raushängen lässt wie besoffene Dorfkinder ihren Pimmel nach dem In-die-Ecke-pinkeln, hat natürlich auch gar keine andere Wahl, als sich in ihrem deutschen Deepnessfetisch zu suhlen.

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 1

Was mich an Ed Sheeran wundert, ist, dass wir seine Musik überhaupt wahrnehmen können. Normalerweise filtert die menschliche Wahrnehmung alle irrelevanten Sinneseindrücke und Umgebungsgeräusche raus, und was könnte irrelevanter sein als Ed Sheeran? Seine Musik ist ja noch nicht mal schlecht, denn wenn sie schlecht wäre, dann müsste sie irgendetwas eigenes haben, irgendwelche Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte, aber sie ist so unfassbar stromlinienförmig, nichtssagend und angepasst, dass sie einfach an allen Widerständen und am Gehirn des Hörers vorbeirauscht wie ein laues Sommerlüftchen. Die akkordgewordenen Stock-Photo-Collagen, die dieses Kinderschokolade-Werbegesicht da regelmäßig ins Mikro hineinschwiegersohnt, sollten ja eigentlich als Soundtrack für überladene Fantasy-Bombast-Schinken vollkommen ungeeignet sein, aber sie schaffen es tatsächlich, so belanglos zu sein, dass man sie unter ALLES drunterlegen kann, ohne, dass sie stören. Hobbit-Filme? Stört nicht. Liebesfilme? Stört nicht. Sitcom-Intro? Stört nicht. Sparkassen-Werbung? Stört nicht. Katzen-Videos? Stört nicht. Ist wie stilles Wasser, das kann man zu jedem Essen trinken. Geschmacklich uninteressant, aber genau deswegen universell einsetzbar. Vielleicht ist das ja ein Zeichen dafür, dass wir seine Musik doch nicht ganz wahrnehmen, zumindest nicht bewusst. Seine Songs sind so ein Hintergrundgeräusch, das Sounddesigner manchmal unter eine Szene legen, damit nicht alles so klinisch und leer wirkt, aber das man erst wirklich bemerkt, wenn es plötzlich weg ist. Na ja, wenn Ed Sheeran plötzlich weg wäre, würde ich zumindest nichts bemerken.