Zehn antikapitalistische Punkte für Ravenclaw.

Ich glaube, die Einteilung politischer Strömungen in links, rechts, progressiv, konservativ, liberal und autoritär sollte ersetzt werden durch Hogwarts-Häuser aus Harry Potter. Man kann jegliche Positionen zu jedem beliebigen politischen Thema in Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin einteilen. Nehmen wir als Beispiel mal Kapitalismuskritik. Gryffindor-Kapitalismuskritiker wären diejenigen, die irgendein Guerilla-Kommando gründen würden, um im Robin-Hood-Style das Geld der Großkonzerne zu plündern und es an die arme Bevölkerung zu verteilen. Das sind diejenigen, die mit hehren Zielen eine Revolution starten und am Ende feststellen, dass es das Blutbad vielleicht doch nicht wert war. Solche Che Guevaras, Castros, Lenins, Stalins und RAFler. Ravenclaw-Kapitalismuskritiker sind solche, die Politik und Philosophie studiert haben, alle Werke über Marxismus, Kommunismus, Marktwirtschaft und Gesellschaftstheorie auswendig kennen, ein Buch darüber schreiben, wie man durch die Umverteilung von Besitz langfristig eine neue Gesellschaftsform installieren könnte und dann in der Politik landen und mit etwas Glück vielleicht irgendwann mal irgendwo irgendeine klitzekleine Gesetzesänderung durchbringen, durch die Kinder von Geringverdienern etwas mehr Chancen auf gute Bildung haben oder so. Solche Gysis, Marx‘ oder Engels‘. Hufflepuff-Kapitalismuskritiker sind diejenigen, die sich irgendwelchen sozialen NGOs anschließen und wochenlang bei Regen in der Fußgängerzone stehen und Flyer mit Spendenaufrufen verteilen oder Petitionen starten oder sich als Entwicklungshelfer in Dritte-Welt-Ländern engagieren. Solche Joan Baez‘ oder Andy Bichlbaums. Slytherin-Kapitalismuskritiker sind diejenigen, die ganz genau wissen, welche hakennasigen Strippenzieher die Welt in ihren gierigen Griffeln halten. Solche, die dann zum Boykott der bösen Kapitalisten aufrufen und damit gut Geld verdienen. Solche Gedeons, Jebsens oder Roger Waters‘. Ja, doch, ich glaube, das System könnte sich durchsetzen.

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Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 2

Dass die Böhsen Onkelz und Helene Fischer zum selben Genre gehören, dürfte offensichtlich sein. Klar, ihre musikalischen Ausdrucksformen unterscheiden sich etwas – die Onkelz haben etwas mehr Gitarren und etwas mehr Gegröhle, Helene Fischer hat mehr Schunkel-Beats und Zuckerguss – aber im Großen und Ganzen unterscheiden sich beide Künstler nicht wesentlich voneinander: Beide teilen sich eine Zielgruppe (besoffene Dorfkinder im Bierzelt auf dem Volksfest), beide werden hauptsächlich zu den gleichen Anlässen gespielt (Doubletime im Bierzelt auf dem Volksfest) und bei beiden zielt die Musik auf das gleiche Ergebnis ab (besoffene Dorfkinder zur Doubletime im Bierzelt auf dem Volksfest zum Weitersaufen anfeuern). Dennoch wäre es nicht fair, die Böhsen Onkelz auf eine Stufe mit Helene Fischer zu setzen. Denn es gibt da einen großen qualitativen Unterschied: Helene Fischer ist natürlich besser als die Onkelz – einfach, weil sie die besseren Texte hat. Klar, die Fischer-Lyrics sind hohler als das Erdenmodell von Dr. Axel Stoll, aber das wollen sie ja auch sein – und es ist ja nun nichts Verwerfliches dabei, dumme Texte zu schreiben, wenn man wirklich Spaß an Texten hat, die blöd sind und auch blöd sein wollen. Die Onkelz dagegen leiden am Xavier-Naidoo-Syndrom: Ihre Texte sind genauso stumpf wie die von Helene Fischer, aber sie versuchen auf Teufel komm raus irgendwie nach superdeepem „Ich hab so viel durchgemacht und geb dir jetzt mit meiner krassen Lebenserfahrung weise Lebensratschläge“-Shit zu klingen. Raus kommen dabei Kalendersprüche, die höchstens dann erträglich wären, wenn sie wenigstens gar nicht erst so tun würden, als hätten sie irgendeinen relevanten Inhalt, aber eine Band, die ihr widerwärtiges Deutschtum raushängen lässt wie besoffene Dorfkinder ihren Pimmel nach dem In-die-Ecke-pinkeln, hat natürlich auch gar keine andere Wahl, als sich in ihrem deutschen Deepnessfetisch zu suhlen.

Menschenverachtende Musikkritiken, Folge 1

Was mich an Ed Sheeran wundert, ist, dass wir seine Musik überhaupt wahrnehmen können. Normalerweise filtert die menschliche Wahrnehmung alle irrelevanten Sinneseindrücke und Umgebungsgeräusche raus, und was könnte irrelevanter sein als Ed Sheeran? Seine Musik ist ja noch nicht mal schlecht, denn wenn sie schlecht wäre, dann müsste sie irgendetwas eigenes haben, irgendwelche Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte, aber sie ist so unfassbar stromlinienförmig, nichtssagend und angepasst, dass sie einfach an allen Widerständen und am Gehirn des Hörers vorbeirauscht wie ein laues Sommerlüftchen. Die akkordgewordenen Stock-Photo-Collagen, die dieses Kinderschokolade-Werbegesicht da regelmäßig ins Mikro hineinschwiegersohnt, sollten ja eigentlich als Soundtrack für überladene Fantasy-Bombast-Schinken vollkommen ungeeignet sein, aber sie schaffen es tatsächlich, so belanglos zu sein, dass man sie unter ALLES drunterlegen kann, ohne, dass sie stören. Hobbit-Filme? Stört nicht. Liebesfilme? Stört nicht. Sitcom-Intro? Stört nicht. Sparkassen-Werbung? Stört nicht. Katzen-Videos? Stört nicht. Ist wie stilles Wasser, das kann man zu jedem Essen trinken. Geschmacklich uninteressant, aber genau deswegen universell einsetzbar. Vielleicht ist das ja ein Zeichen dafür, dass wir seine Musik doch nicht ganz wahrnehmen, zumindest nicht bewusst. Seine Songs sind so ein Hintergrundgeräusch, das Sounddesigner manchmal unter eine Szene legen, damit nicht alles so klinisch und leer wirkt, aber das man erst wirklich bemerkt, wenn es plötzlich weg ist. Na ja, wenn Ed Sheeran plötzlich weg wäre, würde ich zumindest nichts bemerken.

Die Schwierigkeit der banalen Erkenntnis

Dass immer mehr Menschen ihr Vertrauen in die Wissenschaften verlieren und immer mehr Politiker Programme ablehnen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, ist ja nun nichts Neues. Da wird dann gerne argumentiert mit „Auch Wissenschaftler können sich irren“, „Welche Lobby steckt denn hinter der Studie?“, „Vielleicht lügen uns die Wissenschaftler einfach nur an“ und „Die Wissenschaft kann auch nicht alles erklären“. Dabei ist die Diskussion um die Wissenschaft doch aber der vollkommen falsche Ansatzpunkt. Man muss bei einer Debatte ja meistens gar nicht wissenschaftlich erklären, wie etwas vonstatten geht. Es reicht meistens, wenn man eine Sache beobachten und dann sehen kann, ob sie funktioniert oder ob sie nicht funktioniert. Ich hab ja selbst keine Ahnung von Wissenschaft. Obwohl ich aus einer Chemiker-Familie stamme, weiss ich nicht, warum Benzin brennt. Das hat irgendwas mit Kohlenstoff und Sauerstoff zu tun und mit Molekülen und Temperatur und Dingen, die irgendwie reagieren, aber so genau weiss ich das echt nicht, da sollte man also lieber meine Schwester fragen. Aber eins weiss ich: Wenn ich ein Streichholz an ein paar Tropfen Benzin halte, dann fangen die Tropfen an zu brennen. Keine Ahnung, warum sie das tun, aber sie tun es halt. Wenn ich also eine Diskussion mit einem Menschen führen würde, der mir weismachen wollte, dass Benzin nicht brennt und er argumentieren würde, dass man der Wissenschaft doch nicht trauen könne, dann müsste ich ihn ja gar nicht wissenschaftlich widerlegen. Ich könnte einfach ein paar Tropfen Benzin anzünden und damit beweisen, dass ich Recht habe. Was aktuell passiert und was unter dem Begriff „postfaktisch“ zusammengefasst wird, ist ja nicht einfach nur, dass Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnen, sondern auch Dinge ablehnen, die man ganz einfach und ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse nachprüfen kann. Flat-Earther glauben, dass die Erde flach sei. Ich kann den ganzen Kram mit Schwerkraft und Planetenbahnen und so ja auch nicht erklären, aber wenn man in ein Flugzeug steigt und lange genug in eine Richtung fliegt, kommt man irgendwann wieder an dem Punkt an, an dem man gestartet ist, also muss da wohl irgendwas rund sein. Homöopathen glauben, dass man gesund wird, wenn man Zuckerkügelchen isst. Ich hab keine Ahnung davon, wie der menschliche Körper funktioniert und was welche Wirkstoffe mit welchen Botenstoffen anstellen. Aber ich weiss, dass kranke Personen irgendwie nicht schneller gesund werden, wenn sie homöopathische Medikamente nehmen, also funktionieren die offenbar nicht. Impfgegner behaupten, dass Impfungen als Schutz gegen gefährliche Krankheiten nicht notwendig seien. Ich weiss nicht, wie unser Immunsystem funktioniert und was Impfungen damit zu tun haben, aber ich weiss, dass bestimmte Krankheiten irgendwie verschwunden sind, nachdem man flächendeckend dagegen geimpft hat, also scheint das ja ganz gut zu funktionieren. Lichtnahrungs-Jünger behaupten, man müsse keine feste oder flüssige Nahrung aufnehmen, sondern könne auch rein durch die Energie des Lichtes überleben. Ich weiss nicht wirklich viel über Verdauung, Stoffwechsel, Energiezufuhr und Ernährung, aber in den letzten paar tausend Jahren wurde sehr oft das Phänomen beobachtet, dass Menschen sterben, wenn sie nix essen, also reicht Licht alleine wohl doch nicht aus. Genderwissenschaften-Gegner sagen, dass es nur die biologischen und keine sozialen Geschlechter gäbe. Ich weiss ja echt nicht, wie das mit den Chromosomen und shit so funktioniert, aber wenn ich Menschen frage, ob sie Stärke, Heldenmut und Holzhacken jetzt eher männlich oder eher weiblich finden, dann antworten die meistens, dass sie das alles männlich finden, also gibt es wohl wirklich ein paar Attribute, die gesellschaftlich einem Geschlecht zugeordnet werden, obwohl sie gar nichts mit Pimmeln und Brüsten zu tun haben, und das ist ja schon alles, was der Begriff „soziales Geschlecht“ grundlegend aussagt. Verschwörungstheoretiker glauben, dass alle Mainstreammedien von einer zionistischen Lobby gekauft wären und deshalb Israel nicht kritisieren dürften. Ich kenn mich in der Welt der Lobbyisten echt nicht aus und ich war auch noch nie auf einer Vorstandssitzung der deutschen Presseagentur, ich hab also fachlich wirklich keine Ahnung. Aber wenn ich die Zeitung aufschlage, dann wird da ziemlich oft Israel kritisiert, also sind die Medien wohl doch nicht gekauft. Und, um endlich zum Punkt zu kommen: Ich weiss nicht, wie Nerven und Schmerzrezeptoren funktionieren. Wirklich, ich hab null Ahnung. Aber wenn ich einer Katze auf den Schwanz trete, dann schreit die. Also tut ihr wohl was weh. Und ich verzweifle echt daran, dass man solche unglaublich banalen Dinge wirklich aussprechen muss. Denn egal, wie viel oder wie wenig Ahnung die Leute von Wissenschaft haben, man sollte doch jedem geistig normal entwickelten Menschen zumindest zutrauen können, Dinge zu beobachten und dann logische Schlüsse draus zu ziehen.

http://www.independent.co.uk/voices/brexit-government-vote-animal-sentience-cant-feel-pain-eu-withdrawal-bill-anti-science-tory-mps-a8065161.html

Zu Mittag gibt’s Kartoffelbrei.

Ein Linken-Politiker rät erfolgreich zur Absage einer Preisverleihung, weil der Preisträger hauptsächlich durch antisemitische Verschwörungstheorien bekannt ist. Generelle Reaktion in den Kommentarspalten: „HILFE HILFE MEINUNGSFREIHEIT IST BEDROHT HILFE HILFE DEMOKRATIE IN GEFAHR HILFE HILFE“

Ein Mitglied des Zentralrats der Juden schreibt, dass es nicht so ganz super ist, wenn eine Airline auf deutschem Boden einem Fluggast aufgrund seiner israelischen Staatsangehörigkeit den Transport verweigert. Generelle Reaktion in den Kommentarspalten: „GRRRR GRRRR KINDERMÖRDER ISRAEL GRRRR GRRRR ZENTRALRAT DER JUDEN IST SCHLIMMER ALS HITLER GRRRR GRRRR“

Ich bin ja echt kein Antideutscher, aber kann mir jemand Filme empfehlen, in denen Deutsche sterben? Frage für einen Freund.

Keuschheitsgürtel statt Kopftuch?

Die Begründung für die muslimische Verschleierung ist ja an sich gar nicht mal so falsch: Männer haben ihre Libido oft nicht im Zaum, deshalb sollte man Maßnahmen dagegen ergreifen, dass sie sich auf alles stürzen, was balzfähig aussieht. Die Frage ist, warum die Konsequenz aus dieser Erkenntnis die Frauen treffen muss – also diejenigen, die in der Problemstellung die Opfer sind. Sinnvoller wäre es doch, wenn Männer Scheuklappen oder Keuschheitsgürtel tragen müssten und Frauen dafür in Hotpants auf die Straße gehen könnten, ohne Angst vor Belästigungen oder Übergriffen samenstaugeplagter Spinner zu haben.

Israelinvasion, Teil 10: Tel Aviv, die Zweite

Urlaub fürs Gehirn

»Saufen.«
»Was?«
»Ja. Saufen. Du wolltest wissen, was ich in Tel Aviv mache. Alter, ich hab jetzt einen Monat Kultur hinter mir. Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf diesem Planeten, der innerhalb von vier Wochen mehr Kirchen, Kapellen, Museen, heilige Orte, küssbare Steine und antike Ruinen gesehen hat als ich. Und mein Flug startet im Partymekka des Nahen Ostens. Ich finde, mein Hirn hat eine Auszeit verdient. Also werd ich meine letzten Tage nutzen, um mir in den Clubs so richtig hart die Kante zu geben.«

Auf dem Bronzepferd in die Eskalation

Es soll niemand sagen, ich hätte keine klaren Vorstellungen davon, auf welche Weise ich meine Reise zu beenden gedenke. Mein Hostel scheint für derartige Pläne auch gut geeignet zu sein: Über und über mit Graffities besprüht, voller Kunstinstallationen, von Hunden und Katzen bevölkert, im Innenhof mit einem wild dekorierten Hippiebus ausgestattet – hier ist der richtige Ort, um Saufkumpanen zu treffen. S., einer der vielen deutschen Touristen, die ich wie überall in Israel auch hier treffe, kann auf eine stolze israelische Familiengeschichte zurückblicken: Sein Großvater war israelischer Widerstandskämpfer während der Zeit des Britischen Mandats und saß mehrere Monate in einem britischen Gefängnis in Haifa. Eigentlich wanderten seine Eltern wieder nach Deutschland aus, weil sie nicht wollten, dass ihr Kind in einem Land aufwächst, das von antisemitischen Kriegstreibern umzingelt ist. Jetzt träumt er davon, doch eines Tages nach Israel zu ziehen. Vorerst aber möchte er für ein Jahr als Freiwilliger auf einer Alpacafarm arbeiten – ausgerechnet in Mizpe Ramon. Als ich ihm berichte, ebenfalls einen Freiwilligendienst in dem Wüstenstädtchen hinter mir zu haben, stellen wir fest, dass wir uns dort bereits gesehen haben müssen – er war auf dem Mamma Africa Festival im Me’ever, auf dem ich ebenfalls gearbeitet habe. Mit in unserer neuen Clique hängt A., der in Israel geboren und aufgewachsen, im Kindesalter aber mit seiner Familie nach Kanada gezogen ist. Es zieht in immer wieder in sein Geburtsland, aber um zu vermeiden, aufgrund seiner Abstammung zum Militärdienst eingezogen zu werden, kann er nie allzu lange bleiben. Die nächsten Tage bestehen aus dem, was passiert, wenn man mit einem deutsch-israelischen Eskalationskommando unterwegs ist: Wir stolpern durch die Kneipen, bestellen in einer Kneipe aufgrund unserer lausigen Hebräischkenntnisse versehens fünfmal mehr Bier als geplant, lernen beim Verschenken des überschüssigen Alkohols Israeli kennen, die unsere sechsköpfige Truppe in ihrem winzigen Auto zur Partymeile mitnehmen, wanken nach Mitternachtssnack und mehr Bier durchs Rothschildboulevard, ich reite betrunken auf der Reiterstatue vor der Gründungshalle, wir schwimmen im Meer und spielen nächtelange Jamsessions unter dem Sternenhimmel.

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Nicht alle Araber beten zu Cthulhu

Wie konnte ich nur auf die absurde Idee kommen, einen Rückflug zu buchen, der um 4:50 Uhr morgens startet – im vollen Bewusstsein über die Tatsache, dass man drei Stunden vor Abflug am Terminal stehen muss, um genug Zeit für die strengen israelischen Sicherheitskontrollen zu haben? So stehe ich also um 1:50 am Flughafen und muss zuerst eine Befragung über mich ergehen lassen. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Wenn eine israelische Sicherheitsbeamte euch jemals fragt, ob ihr irgendwelche Freunde in Israel besucht habt, antwortet Nein. Falls ihr versehens Ja sagen solltet, werden sie euch nach Namen fragen. Sollte eine eurer Freunde einen arabischen Namen haben, nennt ihn um Gottes Willen NICHT. Erfindet einen anderen Namen. Shlomo Mandelbrot vielleicht. Oder Yehuda Ben Zion. Irgendwas, aber nichts arabisches, herrgott. Als ich den Namen nenne, prüft die Beamtin noch kurz, ob ihr Verdacht richtig liegt und ich antworte naiverweise wahrheitsgemäß: Ja, meine Freundin spricht arabisch, ja, sie wohnt in Nazareth. Dann legt die Beamtin los: Woher kenne ich die Freundin? Wie lange war sie in Deutschland? Was studierte sie und was studierte ich? Wie hielten wir in der Zeit, in der sie zurück in Israel war, Kontakt und welche Messenger oder Plattformen nutzten wir dafür? Wie oft habe ich sie in Nazareth getroffen und für jeweils wie lange? Wo wohnte sie genau? War ich jemals bei ihr zuhause? Habe ich bei ihr übernachtet? Habe ich ihre Familienmitglieder getroffen? Kenne ich die Namen ihrer Eltern? Kenne ich den Namen ihres ersten Haustieres? Was ist ihr Lieblingstier? Was ist ihre Lieblingsfarbe? Welchen Film mag sie lieber: »Jud Süß« oder die Werke von Leni Riefenstahl? Wenn sie einen Patronus-Zauber beschwört, um Dementoren zu bekämpfen, welche Form nimmt er dann an? Wenn sie sich entscheiden könnte, ob sie lieber Batman oder ein Einhorn wäre, würde sie dann versuchen, Einhorn-Man zu sein oder wäre sie dann lieber eine Regenbögen furzende Fledermaus? Und hat sie jemals irgendwas davon erwähnt, dass sie auf den Tag wartet, an dem die Sterne wieder günstig stehen, um den ausserdimensionalen Tentakelgott Cthulhu aus seinem äonenlangen Schlaf zu erwecken, damit er die bedeutungslosen Erdlinge vom Antlitz dieses Planeten tilgen und eine immerwährende Herrschaft des Wahnsinns und des Grauens errichten könne, wie es in den blasphemischen Prophezeihungen im Al-Azif des verrückten Arabers Abdul Al-Hazred beschrieben wurde?

Sexy: Fremde Hände in meiner schmutzigen Unterwäsche

Ich beantworte alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, dennoch braucht die Beamtin noch eine kurze Rücksprache mit ihren Kollegen, ob ich passieren darf. Ich werde zur Gepäckannahme gelotst, doch mir wird gesagt, dass das Gepäck, das ich aufgebe, »da hinten« zur Kontrolle bringen solle. Ich begebe mich nach »da hinten« und lasse mein Gepäck eine Stunde lang durchwühlen. Die Taschen jeder meiner mitgebrachten Hosen werden geleert, meine Zigarettenfilterpackungen geöffnet, mein Brillenetui nach Geheimverstecken abgeklopft; ich muss unter den Körperscanner, doch der arbeitet den Beamten offenbar nicht genau genug oder vielleicht wollen sie einfach meinen sexy Körper betasten, aber zumindest werde ich anschließend nochmal manuell abgesucht … Schließlich sagt man mir, dass ich weder meine Weinflasche, noch meine handgemachte Marmelade aus Nazareth mitnehmen darf. Erst jetzt begreife ich, dass die Beamten all mein Gepäck für Handgepäck halten und ich frage sie, wo ich hinmüsste, wenn ich meine Tasche aufgeben wolle. Die Beamten schütteln den Kopf: Wenn ich mein Gepäck aufgeben wolle, müsse ich noch durch die separate Fluggepäckkontrolle. Mein Flieger geht in anderthalb Stunden, das schaffe ich nicht mehr. Ich bekomme die Sondererlaubnis, ein Gepäckstück mehr in den Flieger zu nehmen, der Wein und die Marmelade bleiben aber da und beglücken fortan genussfreudige Sicherheitsbeamte. Im Flieger selbst gibt es die bekannten Probleme mit ultraorthodoxen Juden, die nicht neben einer Frau sitzen können – an alle, die sich darüber aufregen, dass solche fanatischen Schweine gefälligst zuhause bleiben können, wenn sie ansonsten den Abflug verzögern müssen: So was geht ziemlich schnell, wenn man den Leuten einfach anbietet, die Plätze mit ihnen zu tauschen. Mag ja sein, dass die ideologischen Hintergründe dieser Reinheitsregeln ziemlicher Käse sind, aber wenn man aus irgendeiner identitären »Wir gegen die«-Haltung heraus einen Sitzplatztausch gar nicht erst anbietet, darf man sich halt auch nicht beschweren, wenn sich dann der Flug verzögert.

Warum deutsche Zollbeamte nichts zu melden haben

In Deutschland komme ich endlich um elf Uhr vormittags an. Vollkommen übernächtigt wanke ich in Richtung Ausgang, bis mir ein Zollbeamter den Weg versperrt. Abfällig mustert er meine nur noch von Fäden zusammengehaltenen Chucks und meine mit Metal-Patches übersäte Kutte.

»Niiiiiicht so langsam, Freundchen! Jetzt sagen Sie mir erstmal, wo Sie denn auf einmal herkommen.«
»Öh … Von meinem Flieger?«
»Haha, Sie sind mir ja ein ganz Witziger. Was ist denn da in Ihrer Tasche?«
»Nun ja … Mein Gepäck.«
»Aha, und in dem Gepäck ist auch garantiert nichts illegales?«

Ich greife in meine Tasche, hole meinen Reisepass heraus und zeige ihm das Blatt mit dem israelischen Visum.

»Alter, ich komm gerade aus Tel Aviv und hab die israelischen Sicherheitskontrollen hinter mir. Selbst, wenn ich irgendwelchen illegalen Kram mit dabei hätte – wenn die in Israel nichts gefunden haben, wirst du erst recht nichts finden, glaubst du nicht auch?!«

Der Zollbeamte blickt in meinen Reisepass und murmelt dann etwas zu seinem Kollegen.

»Ja, okay. Sie können passieren.«

Israelinvasion, Teil 10: Kapernaum

Busfahrpläne auf Servietten

Hat jemand mal die »Besteigung des Säntis« gelesen? In dieser verflucht lustigen Kurzgeschichte erzählt Mark Twain von seinen Versuchen, bei einem Abstecher in der Schweiz den Sonnenaufgang auf dem Säntis zu sehen. Es bleibt bei Versuchen, denn wirklich zum ersehnten Ort zu gelangen misslingt ihm auf immer absurdere Weise. So in etwa fühlt es sich an, als ich versuche, an den Ort zu gelangen, an dem Jesus eine Weile gelebt haben soll, nachdem die Bewohner seiner Heimatstadt Nazareth etwas ungehalten über seine Selbstausrufung als Messias in der örtlichen Synagoge waren und ihn auf einem nahegelegenen Berghügel zu lynchen versuchten: Kfer Nahum, in Deutschland meist als Kapernaum bekannt. Schon die Anfahrt gestaltet sich als schwierig, denn da weder Nazareth noch Kapernaum viel besuchte Orte sind und die israelischen Busverbindungen sowieso auf einer Serviette geplant wurden, beträgt meine Reisezeit von Nazareth bis zum 30 Kilometer entfernten Kfer Nahum laut google maps zwei, laut der bitteren Realität aber vier Stunden inklusive fünffachen Umsteigens und mehreren verpassten, verspäteten oder nicht erscheinenden Bussen – der letzte Bus, der mich endlich an die Haltestelle Kfer Nahum bringen soll, wird von einem begriffsstutzigen Busfahrer gefahren, der nicht begreift, dass ich aussteigen will, weshalb ich an Kfer Nahum vorbei bis zur mehrere Kilometer entfernten nächsten Bushaltestelle fahre und mit einem weiteren Bus wieder zurückgurken muss. Von dort aus geht es noch ein gutes Stück zu Fuß weiter, bis ich endlich eine Kirche und eine kleine Klosteranalage sehe, aber … Aber irgendwas stimmt da doch nicht. Sollte hier nicht auch die Ruine einer Synagoge stehen? Und überhaupt, warum steht denn da »Brotvermehrungskirche«? Ich frage nach, wo sich das Haus des Heiligen Petrus befindet und stelle fest, dass ich noch einen halben Kilometer weiter gehen muss, um nach Kfer Nahum zu kommen. Immerhin ist der Weg schön: Ich wandere einen Teil des Jesus Trails entlang, auf dem Pilger auf den Pfaden Jesu wandeln können. Dieser Abschnitt verläuft am Ufer des Sees Genezareth und bietet einen großartigen Ausblick auf Berge, Olivenhaine und den See. Endlich erblicke ich vor mir eine weitere Kirche, und ja, auf einem Schild steht tatsächlich irgendwas von einem Heiligen Petrus. Ich verbringe eine Weile dort, plansche etwas im Wasser, aber stelle wieder fest, dass irgendwas nicht stimmt. Da drin in der Kirche ist mal wieder einer von vielen Steinen, die Pilger gerne küssen, aber müsste da nicht die Ruine von Petrus‘ Haus sein? Und wo ist diese verfluchte Synagoge? Ich frage nach und erfahre, dass ich schon wieder im falschen Ort bin. Kfer Nahum liegt einen weiteren halben Kilometer weiter. Also wieder zurück auf den Jesus Trail und weiter am Seeufer entlang. Endlich entdecke ich in der Ferne Gebäude auf einer kleinen Landzunge – geschafft: Ich habe Kfer Nahum gefunden.

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Gehen Sie weiter! Es gibt hier nichts zu sehen!

Die futuristische achteckige Kirche, in deren Zentrum der Besucher hinab auf die Überreste einer Kirche aus dem 1. Jahrhundert blicken kann, in der Petrus und die ersten Judenchristen von der Auferstehung Jesu sprachen, ist architektonisch beeindruckend und hat einen Seeblick wie in einem Fünf-Sterne-Hotel, bietet aber nicht viel zu entdecken. Die nahegelegene Ruine einer Synagoge mit ihrer römischen Gestaltung und korinthischen Säulen ist schön, hat sich aber auch schnell erschöpft; die Ruinen des antiken Fischerdorfes Kfer Nahum wären interessant, wenn man sie betreten könnte. Mit anderen Worten: Nach fünf Stunden Anreise habe ich nach einer halben Stunde genug gesehen. Nicht weiter schlimm, denn ich beginne bereits, mich vor der Rückfahrt zu gruseln: Ich hoffe, noch vor Mitternacht wieder zurück in meinem Hostel in Nazareth zu sein. Zum Glück kommen mir drei Dinge zugute, die ich gelernt habe: Erstens, dass Israeli liebend gerne Anhalter mitnehmen. Zweitens, dass Araber geradezu besessen davon sind, Menschen in ihrem Auto herumzukutschieren. Man muss nur irgendwelche Passanten in Nazareth nach dem Weg fragen und sie werden sofort darauf bestehen, einen mit zu ihrem Auto zu nehmen und persönlich an den gewünschten Ort zu chauffieren. Drittens, dass man in Israel Autos nicht mit erhobenem Daumen anhalten sollte, wenn man nicht für eine Prostituierte gehalten werden möchte. Ich befolge alle Regeln und habe Erfolg: Der erste vorbeifahrende Autofahrer bringt mich zurück nach Nazareth.

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Bloß nicht nach Kinneret

Eigentlich wollte ich auch noch nach Kinneret, jener antiken Festung, nach der der See Genezareth im Hebräischen benannt ist. Als ich feststelle, dass die Busverbindungen nach Kfer Nahum im Vergleich zu jenen nach Kinneret einem luxuriösen Direktflug mit dem Privatjet gleichen, nehme ich von dieser Idee Abstand und bade lieber einen Tag lang am Strand in Tiberias. Übers Wasser laufen klappt leider noch nicht so gut, schwimmen macht aber auch Spaß.