Israelinvasion, Teil 4: Jerusalem, die Zweite

Armee wegbassen ist Gottes Wille

Es heisst, Menschen entdecken ihre Religiosität, wenn sie sich zu lange in Jerusalem aufhielten. Sie erführen Epiphanien und Visionen, sie begännen, sich für Propheten zu halten, kurz: Sie würden verrückt. Und tatsächlich treffe ich auf viele Menschen, die sich mit mir über Gott unterhalten wollen. Eine Niederländerin mit leuchtenden Augen und seltsam abwesender Stimme spricht mich in einem Café an und erklärt mir, warum Jesus unsere Verbindung zu Gott sei. In einem Hostel in der Altstadt teile ich mir einen Schlafsaal mit zwei alten Herren: Der eine ist ein Argentinier, der wissen will, wie ich aus moralischen Gründen Vegetarier sein aber trotzdem Abtreibung unterstützen könne. Er meint, er sei nach Jerusalem gekommen, »um Antworten zu finden«, verbringt aber all seine Tage damit, auf dem Bett zu liegen und in seinen Laptop zu starren. Ich verstehe das nicht. Wenn er seine Antworten auf Google sucht, hätte er doch auch zuhause bleiben können. Der andere Hostelbewohner hat keinen Laptop, aber einen Koran. Auch er verlässt das Hostel nur zum Einkaufen. Seit drei Monaten. All die Menschen verwirren ihn und machen ihn unglücklich, sagt er. Sie seien laut und aufdringlich, die Stadt sei voll von ihrem Wahnsinn. Jesus hatte im Tempel gegen ihre Gier und Geldmacherei gekämpft und jetzt seien die Straßen mit Touristenshops bevölkert, die noch mehr Kohle aus den Gläubigen herauspressen. Die Welt mache ihn wahnsinnig, meint er, auch die ganze Bürokratie überfordere ihn, all der Besitz interessiere ihn nicht, er wolle kein Geld. Eine Wohnung zu mieten koste Geld und sei voller bürokratischer Hürden, die er nicht verstehe, deswegen wohne er nur noch in Hostels. Hier habe er Zeit und Ruhe, um zu meditieren. Ganz anders sind die Breslew, die Dr. Axel Stoll wohl als die »Elektrojuden« bezeichnet hätte: Dass die Mitglieder dieser modernen jüdischen Bewegung in der Nähe sein müssen, bemerke ich eines Abends schon von weitem, denn die wummernde Elektromusik, die aus den Lautsprechern ihres bunt bemalten Hippiebusses ballert, ist unüberhörbar. Vor dem Bus tanzen bekiffte und besoffene Jugendliche mit Kippa und Schläfenlocken, auf dem Dach steht ein mindestens sechzigjähriger dürrer Jude mit grauem Vollbart und tanzt wie ein Rave-Junkie auf Ecstasy. Direkt daneben stehen zwei Männer, die wie orthodoxe Juden gekleidet sind und verkaufen religiöse Schriften. Die Breslew glauben, in ihrem Gründer den Messias gefunden zu haben, erklären sie mir. Und der Messias wolle, dass alle Menschen glücklich seien. Also reisen sie mit ihrem Bus durch das ganze Land und veranstalten spontane Rave-Parties, fügt der andere hinzu. Manchmal kreuzen sie unangemeldet bei Übungen von Wehrdienstleistenden auf – kaum haben die Ausbilder ihre achtzehnjährigen Rekruten im Griff, kommen sie mit ihrem Bus um die Ecke, verteilen Bier und drehen die Bässe auf. Die Armee treibt das zur Weissglut. Aber das muss sein, Armee wegbassen sei schließlich Gottes Wille. Als ich die Breslew nach ein paar Bier und einer Runde tanzen alleine lasse und zum Hostel zurückkehre, treffe ich beim Rauchen den Besitzer einer nahegelegenen Teestube. Er ist ein alter Araber, gebürtiger Jerusalemer, und fragt mich schnell, ob ich an Gott glaube. Seine Auffassung von Gott ist eine sehr angenehme: Er sei zwar Moslem, aber sehe den Islam nur als eine von vielen Möglichkeiten, Gott zu begreifen. Die anderen abrahamitischen Religionen stellten nur andere Blickwinkel auf Gott dar. Wer andere Religionen nicht toleriere, habe Gott nicht begriffen. Nach einer Weile überrascht er mich mit der Frage »Willsch du vielleicht en Tässli Tee mit mir trinke?« Ich falle fast vom Stuhl vor Schreck. In perfektem Schwizerdütsch erklärt er mir, dass er dreizehn Jahre lang in Bern studiert und gearbeitet habe. Nach weiteren religiösen Gesprächen verziehe ich mich wieder ins Hostel. Ich habe meine Unterkunft mittlerweile gewechselt, seitdem ich eines Tages genug von den beiden sinnsuchenden Herren in meinem Hostel hatte. Mittlerweile residiere ich in der Herberge einer arabischen Familie, die mir von zwei meiner Teamkollegen aus Mizpe Ramon empfohlen wurde. Sie liegt mitten in der Altstadt, direkt in der Schneise mehrerer Kirchen, Moscheen und Synagogen. Rund um die Uhr läuten entweder Kirchenglocken, singen Muezzin oder dröhnen die Shofar, manchmal auch alles gleichzeitig. Dort treffe ich auf E., ein Mädchen, das schon zum vierten Mal in Israel ist, perfekt hebräisch spricht und nach Jahren der religiösen Abstinenz ihren Weg zu Jesus wiedergefunden hat. Ihre Arme sind voller Narben, die sie sich zugefügt hat, als sie vom Glauben abgefallen war und das Sinnvakuum in ihrem Leben mit intensivem Drogenmissbrauch und selbstverletzendem Verhalten zu füllen versuchte. Wie wundervoll es sei, dass Jesus nichts von ihr verlange, als ihn als Freund anzunehmen und dass dies alles sei, was notwendig war, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, erzählt sie mir mit Tränen in den Augen. Ich habe mit ihr viele theologische Debatten, in denen ich nachzuweisen versuche, dass Jesu religiöser Auftrag nicht von seinen politischen Zielen zu trennen sei. Sie hält dagegen und meint, dass sich Jesus aus der Politik heraushalten wollte – die Debatte wird dadurch erschwert, dass wir mit unterschiedlichen Bibelübersetzungen arbeiten, die manche Berichte in unterschiedlichem Licht darstellen, insgesamt haben wir aber viel Spaß an unserer theologischen Nerdigkeit.

Steine knutschen im religiösen Vollrausch

Ja, die eingangs aufgestellte Behauptung ist wahr: Jerusalem ist ein Magnet für geistig verwirrte Sinnsucher. Und ich kann verstehen, dass die Stadt diese Wirkung entfachen kann. Sie ist ein brodelnder Kessel der Kulturen und Glaubensrichtungen, der Besitzansprüche und Traditionen, der religiösen Stätten und der lebendigen Geschichte. Ich wandere im Sonnenaufgang auf den Ölberg und blicke über das Meer von Gräbern all der Juden, die sich in Erwartung der Auferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts direkt vor den Stadtmauern Jerusalems beerdigen ließen (die Vorstellung, wie dann plötzlich alle Gräber aufbrechen und die Toten herausklettern, ist ein Fest für jeden Zombie-Fan), ich berühre den Stein des letzten Gebetes Jesu in der Kirche der Todesangst (ja, auch den küssen Pilger gerne), steige hinab in die Gruft der Maria (hier ist übrigens ein Stein, der … ach, ihr wisst schon) und die Höhle von Gethsemane, spaziere unter den Olivenbäumen, unter denen Jesus gefangen genommen wurde, pilgere die Via Dolorosa entlang, berühre inmitten der Pilger den Todes- und Salbungsort und das Grab Jesu (gleich drei Steine, die man küssen muss!) und hinterlasse meinen Brief an Gott in den Ritzen der Klagemauer, bevor ich den Tempelberg besteige; ich betrete den Raum des Letzten Abendmahles und blicke auf das Grab Davids und mit jedem Ort, den ich besuche, wird das rauschhafte Gefühl einer allumfassenden Göttlichkeit stärker. Es ist schwierig, sich von diesem Rausch nicht vollends mitreissen zu lassen und in spirituellen Wahnsinn abzugleiten.

 

Deutsch-jüdische Geschichte – da war doch was

Wer Jerusalem besucht, sollte deshalb zur Schonung seines gesunden Menschenverstandes Pausen von der Religion einplanen. Mein Versuch, meine Pause in Yad Vashem zu bekommen, erweist sich als kontraproduktiv: Wer das größte Holocaustmusem der Welt ein Mal vormittags betreten hat und in der Abenddämmerung verlässt, hat nicht mal mehr die geistige Kraft, um sich die Aussenbezirke mit Kunstinstallationen, Galerien und Gedenkstätten anzuschauen. Intensiver ist nur die Chamber of the Holocaust, das älteste Holocaustmuseum der Welt, in dem mir der Besitzer eine Führung gibt; sein Vater, selber Überlebender der Shoa, hatte das Museum kurz nach seiner Flucht nach Palästina gegründet. Die Geschichten des Vaters, die er bei der Führung erzählt, gehen unter die Haut. Natürlich kommt man auch ausserhalb von Museen an persönlichen Bezügen zur Shoa in Israel nicht vorbei. Als ich in einem Laden stehe und mich mit dem Kassierer auf Englisch unterhalte, fragt mich ein Mann hinter mir, woher ich komme. Aus Deutschland, antworte ich, und mein neuer Gesprächspartner antwortet, dass seine Familie ebenfalls aus Deutschland stamme. Schon lange wolle er das Land mal besuchen, habe es aber bisher nicht geschafft. Sein Vater komme aus Herne, aber er sei 1936 weggezogen – seine Freunde hatten ihm und seinem Bruder so lange ins Gewissen geredet, dass Deutschland kein sicherer Platz mehr für sie sei, bis sein Vater es geglaubt hatte und nach Afrika geflüchtet sei. »Dort bin ich auch zur Welt gekommen«, sagt er. »Ich lebe erst seit zwanzig Jahren in Israel.« Eine faszinierende Geschichte, antworte ich. Aber was ist mit dem Bruder passiert? Ist der auch nach Afrika geflüchtet? Nein, antwortet mein Gesprächspartner. Der habe seinen Freunden nicht geglaubt und sei in Deutschland geblieben. Er habe es nicht überlebt.

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Israelinvasion, Teil 3: Jerusalem

Nicht-euklidische Dimensionslöcher im pandimensionalen Hogwarts der Religionen

Risin‘ up from the heat of the desert, risin‘ up for Jerusalem – nach anderthalb Wochen im Negev breche ich in die Heilige Stadt auf. Nach der meditativen Ruhe in Mizpe Ramon ist Jerusalem mit seinem chaotischen Verkehr, den pulsierenden Bars, den Baustellen und politischen und religiösen Plakaten und Demonstrationen ein Kulturschock. Das Herz des Wahnsinns liegt in der Altstadt; hier verdichten sich die kulturellen Spannungen, die tiefe Religiosität, die Kommerzialisierung und die jahrtausendealte Geschichte zu einer hirnsprengenden Reizüberflutung. Ein Strom von Menschen zieht mich an den Soldaten vorbei durchs Damaskustor in das dichte Gedränge der Händler und Marktschreier, ich kämpfe mir den Weg durch enge, verwinkelte Gassen, in die kein Licht fällt, weil sie aus Platzmangel mit anderen Straßen überbaut wurden, stolpere in eine Ausgrabung, versuche herauszukommen, lande aber im dazugehörigen Museum, dessen Ausgang durch den Gift Shop führt und als ich gerade glaube, die Straße wieder gefunden zu haben, bemerke ich, dass ich mich im Seiteneingang eines Klosters befinde. Ich verschwinde durch etwas, was ich für einen Seitenflügel halte, stoße aber urplötzlich auf ein Gedränge aus Souvenirhändlern, die sich auf mich stürzen und Preise von Dingen verhandeln wollen, die ich gar nicht kaufen will. Ich kann ihnen nur entkommen, indem ich Read More

Israelinvasion, Teil 2: Mizpe Ramon

Konfliktfrei im Wüstensand

Mein Weg führt mich in die Wüste: Mitten im Negev schmiegt sich das Dorf Mizpe Ramon an die Klippen des Machtesh Ramon, des größten Erosionskraters des Landes. Selbst vielen Israeli ist Mizpe Ramon unbekannt, aber wer das Dorf kennt, grinst sofort wissend, sobald der Name fällt: Niemand, der hier einmal war, vergisst die ungewöhnliche Magie des Ortes. Das Dorf ist ein Schmelztiegel der Kulturen und sozialen Gruppen; Orthodoxe, russische Einwanderer, Araber, Juden, Christen, Muslime, Unternehmer, Bauern, Start-Ups, Aussteiger, Künstler – alle leben Tür an Tür in der winzigen Ortschaft zusammen. Und das, ohne dass es Konflikte gibt – in Israel ein besonderes Phänomen. Vielleicht liegt das daran, dass man sich abends immer im Künstlerviertel trifft, um den Wüstensonnenuntergang zu genießen, in den offenen Ateliers und Straßenbars zusammen Negev-Bier zu trinken, spontane Jamsessions auf dem Gehweg zu starten oder mitten auf der Straße zu Raggaemusik zu tanzen.

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Israelinvasion, Teil 1: Tel Aviv

Bierdürre oder Intifada?

Eigentlich ist meine Reise nach Israel seit Jahren ein Running Gag. Seit 2014 plane ich meinen Trip immer wieder aufs Neue, nur um ihn dann wieder verwerfen zu müssen. Mal muss ich spontan umziehen, mal wechsle ich meinen Job, mal beginne ich ein neues Studium, aber immer passiert etwas in meinem Leben, was eine längere Reise kurzfristig unmöglich macht. Als ich zum ersten Mal Flugtickets nach Tel Aviv buche (natürlich nicht stornierbar, da müsste man ja einen Aufpreis zahlen), bricht am folgenden Tag der Gaza-Krieg aus. So bleibt es dabei, dass ich drei Jahre lang nur immer mit meinen israelischen Freunden per facebook Kontakt halte, in der Jüdischen Allgemeinen die politische Situation verfolge, Bücher über die religiöse Geschichte des heiligen Landes wälze, mich mit einer israelischen Erasmus-Studentin zum deutsch-hebräischen Tandemlernen treffe und viel von meiner Reise träume. Als ich diesen Sommer dann erneut eine Reise buche, schließen meine Freunde schon Wetten ab, woran es diesmal scheitern wird: Wird die humanitäre Stromversorgungskrise im Gazastreifen einen neuen Raketenhagel auslösen? Wird der Streit um die Metalldetektoren am Tempelberg in eine neue Intifada münden? Wird der See Genezareth austrocken, die Brauwasserversorgung der Goldstar-Brauerei stoppen und damit eine landesweite Bierdürre auslösen?
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Victim Blaming in Jerusalem

„Wenn die israelische Regierung keine Attentate und blutigen Krawalle in Jerusalem will, soll sie einfach die Metalldetektoren am Tempelberg deinstallieren“ klingt für mich irgendwie immer wie „Wenn Frauen nicht vergewaltigt werden wollen, sollen sie halt kein Pfefferspray mitnehmen“.

unboliddisch.

Auf jedes »Ich bin unpolitisch« folgt ein »Egal ob links oder rechts, Extreme sind immer scheisse«. Und darauf folgt immer ein »Die Linken sind genauso schlimm wie die Rechten«. Und darauf folgt immer ein »Antifaschisten sind die neuen Faschisten«. Und darauf folgt immer ein »Feministinnen, Veganer, Antikapitalisten und der Zentralrat der Juden sind schlimmer als SA und SS zusammen«. Und darauf folgt immer ein »SCHEISS ZECKEN IMMER FESCHDE DRUFF AUF DES DRECKSPACK HAUPTSACH AUFS MAUL HITLER HITLER HAHA GEIL«. Und darauf folgt immer ein »Ich bin unpolitisch«.

Weltflucht.

Nach den Wahlergebnissen in der Türkei wollte ich mich erstmal in beruhigende Fantasiewelten flüchten und hab mir mal wieder ein paar Star-Wars-Filme zu Gemüte geführt. Total seltsame Story irgendwie. Da geht’s um den Präsidenten einer demokratischen Republik, der aufgrund innen- und aussenpolitischer Spannungen den Ausnahmezustand ausruft, um sich selbst mehr politische Macht zu geben, dann einen Putschversuch fingiert, um seine Gegner niederzuschlagen, anschließend die Verfassung ändert, um sich zum Imperator auszurufen und einige Jahre später den Senat auflöst und fortan Alleinherrscher ist. Zum Glück ist das nur Science Fiction, das wär schließlich echt schlimm, wenn so was in der Realität passieren würde.