Israelinvasion, Teil 9: Armageddon

Weltuntergangs-Tourismus

»Du willst nach Armageddon? Ist Armageddon nicht der Weltuntergang? Wie soll das gehen? Wie will man denn ein zukünftiges biblisches Ereignis besuchen?« Die Reaktion aller Menschen, denen ich von meinem Ausflugsziel erzähle, ist immer wieder die gleiche. Das liegt daran, dass der moderne Gebrauch des Wortes »Armageddon« irreführend ist: Nein, Armageddon ist kein mystischer Tag am Ende der Menschheit, sondern ein ganz realer Ort, der immer noch existiert und der eine eigene Bushaltestelle, ein Besucherzentrum und einen ganz unmystischen Souvenirshop hat. Armageddon ist eine Stadtfestung auf einem Hügel in der Jezreel-Ebene, die schon seit 3000 Jahren wichtige Handelsrouten zwischen Ost und West beschützte und zur Verteidigung der Juden gegen Beduinen, Philister und andere Feinde diente. Tausende Jahre lang wurden hier immer wieder neue bedeutende Schlachten geschlagen, siebzehnmal wurde die Stadt zerstört und wieder aufgebaut, Saul, David und Salomon herrschten hier, eine der ersten und größten Kavallerien des Nahen Ostens befand sich hier, die strategisch wertvollen zweirädrigen Kampfwägen der Antike fanden hier Einzug nach Israel und selbst im Ersten Weltkrieg wurde hier noch gekämpft. Kurz: Armageddon ist einer der wichtigsten Kriegsschauplätze Israels. Das war wohl auch für den Verfasser der Offenbarung des Johannes der Anlass, die Festung als den Ort zu nennen, an dem am Tag des Jüngsten Gerichts die finale Entscheidungsschlacht zwischen den Heerscharen Gottes und den Ausgeburten der Hölle ausgetragen und das Schicksal der Menschheit besiegelt werden soll. Der Verfasser nennt den Ort hier Armageddon, was sich von seinem hebräischen Namen Har Megiddo – Berg von Megiddo – ableitet. Heute ist der Ort besser unter seinem modernen Namen Tel Megiddo bekannt. Wer den Ort besuchen will, sollte sich nicht von google maps leiten lassen, da google nur den Tel Megiddo National Park kennt, dessen Eingang drei Kilometer entfernt liegt. Den gleichen Fehler mache ich und da man sich im Norden Israels noch weniger auf Busse verlassen kann als im Rest des Landes, beschließe ich, einfach zu Fuß zum großen apokalyptischen Schlachtplatz zu wandern. Auf dem Weg blicke ich im Osten nach Gilead, jenem Land, in dem viele Geschichten des Alten Testaments spielen – Fans von Stephen King kennen den Namen wohl eher aus der Oktologie »Der Dunkle Turm«, in der Gilead die Heimat des Revolvermannes Roland Deschain ist. Gruselig: Als ich zum ersten Mal Richtung Gilead blicke, sehe ich kurz darauf vor mir auf dem Boden etwas goldenes blinken. Ich bücke mich und hebe einen kleinen, metallischen Gegenstand auf: Die Patronenhülse einer Luger 9 mm. Die Waffe von Jake aus dem Dunklen Turm ist zwar keine Luger, sondern eine Ruger, aber immerhin nahe dran. Ach ja, wo wir schon bei gruseligen Dingen sind: Habe ich schon erwähnt, dass mich in Israel die ständige Angst begleitet, auf eine Kamelspinne zu treffen? Auf dem Weg nach Armageddon wird dieser Alptraum wahr. Zum Glück handelt es sich noch um ein Baby – sie misst höchstens sechs Zentimeter –, aber das reicht schon, um mich nie wieder schlafen zu lassen.

Archäologie mit Metal-Soundtrack

Armageddon selbst ist tatsächlich sehr beeindruckend. Wegweiser führen den Besucher didaktisch sehr gut vom Stadttor zu den Ställen, zum Palast, zum Tempel und zu späteren Siedlungen und helfen, die einzelnen Orte halbwegs den verschiedenen zeitlichen Epochen zuzuordnen, in denen diese Stadt zerstört und wieder aufgebaut wurde. Einer der ältesten Altäre Israels ist noch hervorragend erhalten, um ihn herum liegen Schichten von Trümmern früherer Siedlungen, Stadtmauern und Paläste. Der Blick über die Jezreel-Ebene, nach Syrien, Jordanien und Gilead ist fantastisch. Die Zisterne mit ihrem unterirdischen Gang ist cool, kann aber natürlich bei weitem nicht mit den wassergefüllten Tunnelsystemen in Jerusalem mithalten. Insgesamt ist es ein ziemlich cooles Gefühl, auf den Mauern Armageddons zu sitzen, apokalyptische Metal-Musik zu hören und sich dabei vorzustellen, wie sich Erzengel und höllische Kreaturen eines Tages hier abschlachten werden.

6468523310706552504.jpg   6468524050631923270.jpg

Advertisements

Israelinvasion, Teil 8: Nazareth

Nazareth, die verfluchte Stadt

»Ich fahre nicht nach Nazareth! Das hier ist kein Bus nach Nazareth! Suchen Sie sich einen anderen Bus, wenn Sie da hinwollen!« Der Busfahrer ist überraschend aufgebracht, als ich ein Ticket nach Nazareth kaufen will. Das irritiert mich doppelt: Ich kann schließlich Hebräisch lesen und sehe ganz eindeutig, dass die Anzeigetafel auf dem Bus „Nazrat“ sagt. Der Busfahrer schüttelt den Kopf und schließt die Tür vor meiner Nase. Seltsam. Auch beim nächsten Bus wieder das gleiche Spiel: Auf der Busanzeige steht irgendwas mit Nazrat, aber der Busfahrer schüttelt heftig den Kopf, wirkt geradezu empört, als ich ihn frage, ob er nach Nazareth fährt. Ich fühle mich wie in einem alten Horrorfilm, in dem die Dorfbewohner dem Protagonisten ausreden wollen, das Schloss des Grafen zu besuchen. Ich werde unruhig: Die Sonne steht schon tief, der Shabat naht und damit das Ende des öffentlichen Personennahverkehrs. Ich nenne verzweifelt die Bushaltestelle, zu der ich in Nazareth will. Plötzlich hellt sich das Gesicht des Busfahrers auf und er nickt. Verwirrt steige ich ein. Dummerweise verpasse ich meine Bushaltestelle und muss eine später aussteigen, die aber zum Glück nur 500 Meter von der anderen entfernt liegt. Ich rufe meinen Couchsurfing-Gastgeber an und sage ihm den Namen der Bushaltestelle, an der er mich abholen soll. Aus dem Telefon höre ich ein Stöhnen: Verdammt, das sei nicht Nazareth! Das sei Nazareth-Illit! Ich befände mich in der falschen Stadt, meint er. Nazareth-Illit? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Ich schaue auf Google Maps nach, aber mein Standort befindet sich mitten in Nazareth. Mein Gastgeber sagt, ich solle bleiben, wo ich bin, er käme mit dem Auto, um mich abzuholen. Fünf Minuten später steige ich bei ihm ein. Er fährt die Strecke, die der Bus gefahren ist, zurück, wir kommen auch an der Haltestelle vorbei, an der ich eigentlich hätte aussteigen sollen.

Er: »Siehst du? Diese Haltestelle ist Nazareth. Der Ort, an dem du eben warst, ist Nazareth-Illit.«
Ich: »Ach so, Illit ist also ein Stadtteil?«
Er: »Nein. Es ist eine eigene Stadt. Etwas ganz, ganz anderes.«
Ich: »Aber die beiden Haltestellen sind doch nur 500 Meter voneinander entfernt und dazwischen sehe ich keine Lücke in der Stadt.«
Er: »Trotzdem. Die in Illit gehören nicht zu uns.«
Ich: »Meinte deswegen der Busfahrer, dass er nicht nach Nazareth fährt?«
Er: »Natürlich. Er fährt ja auch nach Nazareth-Illit, nicht nach Nazareth.«
Ich: »Aber er ist doch durch Nazareth durchgefahren. Er hätte ja hier an der Bushaltestelle gehalten, an der wir eben vorbei gekommen sind.«
Er: »Er hätte dort gehalten, ja. Aber das macht ihn nicht zum einem Bus nach Nazareth. Er gehört zu einem Busunternehmen, das nach Nazareth-Illit fährt.«

Nichts wie raus aus Nazareth

Später erklären mir mein Gastgeber T. und seine Frau W. den Grund für die strikte Trennung zwischen Nazareth und Nazareth-Illit: Nazareth war eine der wenigen Städte, die nach der Staatsgründung Israels und dem anschließenden Unabhängigkeitskrieg komplett in der Hand arabischer Bewohner blieb – da diese die israelische Staatsbürgerschaft annahmen, verloren sie zwar weitestgehend ihre Ländereien, durften aber ihre Häuser und Wohnungen weiter behalten. Das hinderte die Israeli natürlich nicht daran, nach Nazareth zu ziehen – die wenigsten zogen allerdings in den Stadtkern, sondern errichteten ihre eigene Siedlung auf einem angrenzenden Hügel. Diese Siedlung ist zwar heute fast komplett mit Nazareth zusammengewachsen, gilt aber immer noch als eigene Stadt – als Nazareth-Illit. T. und W. sind Araber und sehen den Zuzug jüdischer Siedler als Angriff auf ihre Stadt: Jüdische Israeli bekämen Bauplätze und Baugenehmigungen geradezu geschenkt, wohingegen im arabischen Teil der Stadt immer weiter in die Höhe gebaut würde, weil Araber um ihre Bauplätze jahrelang kämpfen müssten. Er selbst habe ein Stück Land geerbt, aber erst nach zwölf Jahren eine Baugenehmigung erhalten. Zwölf Jahre! Er träume seit Jahren schon davon, nach Deutschland auszuwandern, dort könne man sich durch harte Arbeit wenigstens eine Lebensgrundlage schaffen. Anders als hier in Nazareth, wo die Löhne für Araber auf Dumpingniveau und Wohnungspreise rekordverdächtig seien. Eigentlich hasst er Nazareth. Die Regierung habe kein Interesse daran, das Potential der Stadt als Touristenmagnet zu nutzen. Die Arbeitslosenquote sei hoch, die Straßen zugemüllt. Das jahrzehntelange Drogenproblem habe die Stadt langsam wieder im Griff und mittlerweile kämen wieder mehr Touristen, aber die meisten Läden hätten trotzdem immer noch geschlossen. Dazu käme die hohe Quote an Gewaltverbrechen: Nirgendwo in Israel töten sich so viele Menschen gegenseitig auf der Straße. Aber es seien keine Kämpfe zwischen Juden und Arabern, nein, die Araber töteten sich untereinander! Auch hieran seien die Israeli schuld: Das Militär verkaufe illegal Waffen an Araber und die Polizei unternehme nichts dagegen, weil es sie nicht jucke, wenn die arabischen Gemeinden im Chaos versänken. Die Konflikte unter den Arabern würden durch die Regierung sogar noch befeuert, indem das Militär arabische Christen anzuwerben versuche – um Zwietracht zwischen Muslimen und Christen zu säen. Nein, Nazareth wolle er so schnell wie möglich hinter sich lassen. Ab nach Deutschland.

Einen Schnaps auf Mohammed!

Wie gesagt: Die Gastfreundlichkeit im Nahen Osten ist für uns Deutsche immer wieder verwirrend. Heute beginnt das Opferfest Mubarak, der höchste Feiertag der Muslime. Verwandte von T. und W. feiern bei sich zuhause ein großes Fest mit Familie und Verwandten und ich – der Couchsurfer, den niemand je zuvor gesehen hat – bin wie selbstverständlich eingeladen. Man stelle sich vor, man würde in Deutschland zur Weihnachtsfeier im Familienkreis einen palästinensischen Couchsurfer mitbringen. Undenkbar. Ich gehöre aber sofort zur Familie, werde mit arabischen Salaten verwöhnt, tanze mit der Familie zu arabischer Musik und, das ist das Beste: Ich werde mit literweise Arak der höchsten Qualitätsstufe abgefüllt. Ja, richtig – nur, weil wir gerade den höchsten muslimischen Feiertag begehen, heisst das noch lange nicht, dass nicht gesoffen wird. Die meisten Menschen hier sind zwar muslimisch aufgewachsen, halten es mit der Religion aber eher locker. So, wie wir in Deutschland Weihnachten feiern, ohne uns sonderlich für Jesu Geburt zu interessieren, ist auch hier Mubarak einfach nur ein schöner Anlass, um gemeinsam zu grillen. Ein großer Teil der Gäste ist sowieso christlich – in Nazareth sind Christen und Muslime so durchmischt, dass es vollkommen üblich ist, sich gegenseitig zu religiösen Festen einzuladen. Bei aller Gastfreundlichkeit schimmert ab und zu aber ein seltsames Gefühl durch: Ich höre Sätze wie »Wir wollen zeigen, dass wir Araber nicht alle so sind, wie wir in den Medien dargestellt werden. Das sind Lügen. Jüdische Lügen.« Ich erwidere, dass die deutschen Medien eher propalästinensisch als proisraelisch eingestellt sind, aber mein Gesprächspartner winkt ab. »Die lügen trotzdem. Die zeigen nicht, wie wir wirklich sind. Die sind alle gekauft von den reichen Juden. Die Macht liegt bei denen, die Geld haben, und das Geld haben immer die Juden.« Mir wird übel. Ich will keine politischen Diskussionen starten, dafür sind meine Gastgeber zu freundlich. Ich entscheide mich, ein paar versöhnliche Dinge einzustreuen: Zum Glück seien ja nicht alle Israeli gleich und einige meiner israelischen Freunde engagierten sich sogar für die arabischen Parteien im Knesset. Vielleicht gäbe es also noch Hoffnung für einen Austausch, solange man es nicht rigoros ablehne, aufeinander zuzugehen. Mein Gegenüber zieht an seiner Zigarette und wankt unsicher mit dem Kopf. Vielleicht, meint er und schweigt.

Der chinesische Jesus und die Heisshunger-auf-Essiggurken-Kirche

Am nächsten Tag treffe ich N., meine Freundin aus Nazareth. N. war meine deutsch-hebräische Tandempartnerin in Deutschland und arbeitet in Nazareth als historische Touristenführerin. Natürlich gibt sie mir eine kostenlose Privatführung. Wichtigste Anlaufstelle ist die Verkündigungskirche. Der brutalistische Betonbau aus den späten Sechzigern beeindruckt durch schiefe Winkel, die verwirrende Perspektiven und optische Täuschungen erzeugen. Das Gebäude wurde auf den Ruinen einer anderen Kirche erbaut, die wiederum auf den Ruinen mehrerer anderer Kirchen erbaut wurde. Zerstört wurden diese aber nicht von christenfeindlichen Eroberern, sondern von Christen selbst: Jede christliche Gruppierung wollte hier ihre eigene Duftmarke setzen, weshalb immer wieder Kirchen früherer Jesusjünger weichen mussten. Interessant sind hier auch die Maria-mit-Jesuskind-Mosaiken: Ähnlich der Mosaiken in der Basilika der Todesangst in Jerusalem wurden auch hier Kunstwerke von verschiedenen christlichen Gemeinden auf der ganzen Welt gespendet. Das Motiv ist immer mehr oder weniger das gleiche – die Jungfrau Maria, mal mit, mal ohne Jesuskind –, ungewöhnlich ist aber die Darstellung: Jedes Land zeigt die Mutter Gottes in der traditionellen Kunst seiner Kultur. Es gibt eine chinesische Maria, eine taiwanesische, eine japanische – so kreativ können Heiligenbilder sein. Im Herzen der Verkündigungskirche gibt es ausnahmsweise keinen Stein, den Pilger küssen dürfen, dafür aber eine tatsächliche Steinhütte aus dem ersten Jahrhundert, die im ältesten bekannten Stadtteil von Nazareth stand und von Christen als Haus Marias verehrt wird. Einige Tage später nehme ich hier an der sonntäglichen Lichterprozession teil, bei der hunderte Christen mit Kerzen in den Händen einer Marienstatue folgen, die zu Gesängen durch die Stadt getragen wird. Die Verkündigungskirche wird übrigens nicht von allen Christen als der Ort verehrt, an dem der Erzengel Gabriel Maria klarmachen musste, dass sie bald sehr oft Heisshunger auf Essiggurken verspüren würde. Die Griechisch-Orthodoxen Christen nehmen es sehr genau und weisen darauf hin, dass die Verkündigung nicht in Marias eigenen vier Wänden, sondern am nahegelegenen Brunnen stattfand. Deshalb haben sie ihre eigene Kirche, die über einem antiken Brunnen steht. In der Nähe der Verkündigungskirche (der lateinischen, nicht der griechischen) befindet sich die Synagogenkirche, die angeblich auf den Überresten einer alten Nazarener Synagoge erbaut ist, in der, sofern sie hier wirklich stand, der junge Jesus vermutlich Hebräisch gelernt und die Bibel studiert hat. Ein besonderes Highlight für N. ist eine sehr junge Ausgrabung, bei der die Überreste eines alten Bauernhauses aus dem 1. Jahrhundert freigelegt wurde: Dieses befindet sich nämlich exakt an der Stelle des Spielplatzes von N.s alter Grundschule. Dass sich unter dem Schulhof ein bedeutendes antikes Artefakt befand, fand die Schulleitung versehens bei Umbauarbeiten heraus. N. war schon Geschichtsstudentin, als sie erfuhr, dass sie als Kind jahrelang wenige Meter über einem der bedeutendsten historischen Artefakte ihrer Heimatstadt gespielt hatte.

6468165357505960420.jpg  6468165872187963994.jpg  6468166247297418492.jpg  6468167069240501334.jpg

Israelinvasion, Teil 7: Masada / Totes Meer

Freitod durch Kriegerehre

Ruinen am Toten Meer, die Zweite – nach Qumran geht es zu einem der geschichtsträchtigsten Orte Israels. Auf einem steilen Berggipfel 400 Meter über dem Toten Meer liegt Masada, der Festungspalast von König Herodes. Das Ereignis, durch das Masada heute als nationales Symbol für den israelischen Widerstand gegen antizionistische Mächte gilt, ereignete sich allerdings erst Jahrzehnte nach Herodes‘ Tod: Im jüdischen Aufstand gegen Rom, der 66 nach Christus begann, nahm eine Gruppe Sikarier – ein besonders militanter Arm der zelotischen Widerstandsbewegung – die Festung ein und nutzte sie als letztes Bollwerk gegen die römischen Eroberer. Nachdem Vespasian und sein Sohn Titus im Auftrag Kaiser Neros Galiläa, Samaria und Judäa in einem selbst für römische Verhältnisse ausserordentlich blutigen Feldzug wieder unter römische Kontrolle gebracht hatten, blieb Masada lange Zeit das letzte jüdische Bollwerk gegen die Eroberer. 73 nach Christus witterte der Flavius Silva, der neue Statthalter Judäas, seine Chance, dem Kaiser seine politische Stärke unter Beweis zu stellen und begann mit der Belagerung Masadas. Lange Zeit schien die herodianische Festung durch die steilen Felswände und die gut gefüllten Lagerräume absolut uneinnehmbar – bis die Römer eine Taktik anwendeten, die an Größenwahn grenzt: Sie schütteten eine riesige Rampe aus Stein und Erde auf, die bis zum Gipfel des Plateaus von Masada reichte. Als die Niederlage der jüdischen Verteidiger unabwendbar schien, begingen die 960 zelotischen Krieger einen Massenselbstmord – lieber tot als in den Händen des Feindes. Bis heute erinnert der Schwur »Masada darf nie wieder fallen« im Eid der israelischen Soldaten an den erbitterten Kampf der Juden gegen ihre Eroberer.

Hitzetod durch Wanderlust

Ein beliebter Reisetip ist es, noch vor Anbruch des Tages nach Masada anzureisen, um in der Dämmerung das Felsplateau zu erklimmen und den Sonnenaufgang in der Wüste von den Zinnen der Festung aus zu erleben. Meine Begleiterin und ich brauchen leider zu viel Schönheitsschlaf, um so früh aufzustehen, deswegen müssen wir leider auf den Sonnenaufgang verzichten. Auch das Hochwandern bleibt uns verwehrt: Ab 8 Uhr morgens bleibt der Schlangenpfad, der einzige Fußweg zur Festung, aus Sicherheitsgründen gesperrt – schon zu vielen leichtsinnigen Touristen ist der beschwerliche Aufstieg ohne Schatten bei Temperaturen von bis zu 50 Grad zum Verhängnis geworden. Eine Rampe wie die römischen Belagerer müssen wir uns zum Glück aber keine bauen, stattdessen geht es mit der tiefstgelegenen Seilbahn der Welt nach oben. Der Ausblick auf die felsigen Plateaus, die steil abfallen und sich zu einem feinen System aus Wadis verästeln, um in eine sandige Ebene aus Dünen überzugehen, die an das Tote Meer grenzt, auf dem die Vormittagssonne glitzert, im Hintergrund die im Dunst verschwindenden Berge Jordaniens – durchaus ein würdiger Ausblick für einen Königspalast. Dass Herodes auch in architektonischen Dingen Geschmack hatte, zeigen die in stufenförmigen Terassen angelegten und von korinthischen Säulen gesäumten Rundhallen am Nordende, die Mosaiken in den Baderäumen oder das durch unterirdische Öfen beheizbare Schwimmbad. Wehrtürme, Lagerhallen, Pferdeställe, eine Synagoge und eine später errichtetete byzantinische Kirche sind großartig erhalten.

6467787076054614376.jpg  6467787526500367652.jpg

Wassertod durch Salzhöhlen

Später geht es erneut ans Tote Meer, diesmal aber glücklicherweise ohne nicht erscheinende Busse und Hitchhiking im Nirgendwo – dafür aber mit einem Sinkhole, auf das wir mitten an einem ausgewiesenen Strand treffen und glücklicherweise dadurch bemerken, dass an der Wasseroberfläche Schwefelblasen blubbern. Kleiner Tip für Reisende: Wenn ihr keinen Wassertod im Toten Meer sterben wollt, dann schwimmt nicht auf irgendwelche nach fauligen Eiern riechenden Blubberblasen zu und tretet schon gar nicht in deren direkter Nähe auf den Boden. Ehrlich, tut’s einfach nicht.

Israelinvasion, Teil 6: Qumran / Totes Meer

Wüstenkloster mit Seeblick

Mein nächster Kurztrip führt mich nach Qumran. Die antike Siedlung am Nordwestufer des Toten Meeres ist seit den späten vierziger Jahren unter Theologen unter Historikern eine Sensation – in den Höhlen in der Nähe der Ruinen fanden Beduinen durch einen Zufall hunderte hervorragend erhaltene Schriftrollen aus der Zeit Jesu, darunter neben vielen sektiererischen Texten auch die frühesten erhaltenen Abschriften alttestamentarischer Bücher. Qumran war nach Einschätzung vieler Historiker wahrscheinlich die antike jüdische Urform eines Klosters, in dem sich die apokalyptische Sekte der Essener in rituellen Waschungen, Predigten und der Abschrift religiöser Texte übte. Als 66 nach Christus die jüdischen Aufstände gegen Rom begannen, ahnten die Essener, dass die römische Invasion und damit auch das Ende ihrer Gemeinde drohte und versteckten all ihre Schriften in einer Höhle, um sie für die Nachwelt zu bewahren. Die Einschätzung ihrer Zukunft traf zu: Nur zwei Jahre später wurde Essenersekte von den Römern vernichtet. Ob es sich bei Qumran wirklich um das Essenerkloster handelt, ist mittlerweile sehr strittig, im örtlichen Museum hält man an dieser Darstellung der Geschichte aber fest. Und eigentlich ist es auch egal, ob die historische Wahrheit nun weniger spektakulär aussieht, denn auch ohne bibelschreibende Wüstenmönche lohnt sich der Streifzug durch die Ruinen mit Ausblick auf das Tote Meer. Fans der Schriftrollenfunde können zumindest von Weitem die legendären Höhlen in den umliegenden Wadis sehen.

6467415344400993624.jpg

Geisterstädte im Wüstensand

Später ziehe ich weiter ans Tote Meer. Die nächste Bushaltestelle liegt mitten im Nirgendwo; früher war hier mal ein Badestrand, aber da sich das Tote Meer durch Austrocknung jedes Jahr um mehrere Meter zurückzieht, wandern mit ihm auch die Strände – so schnell, dass die Bushaltestellen nicht hinterherwandern können. Von der Bushaltestelle aus muss ich also mehrere Kilometer zum Strand wandern – vorbei an aufgegebenen Häusern, Strandhütten und leerstehenden Hostels, die hier einst Anlaufstelle für Badegäste waren. Jetzt versinken diese Geisterstädte im Wüstensand. Der Weg bis zum Strand ist mörderisch: Die Temperatur beträgt 45 Grad, die staubtrockene, salzige Luft brennt beim Einatmen in den Atemwegen. Ich muss zu einem ausgewiesenen Strand, der nur hier bin ich sicher vor den berüchtigten Sinkholes – Hohlräume, die im Toten Meer durch Auswaschungen entstehen und die, wenn sie einbrechen, unvorsichtige Badegäste in die Tiefe reissen.

6467416372051419104.jpg  6467416862198577254.jpg

Salzige Psychedelika

Ich habe vom Toten Meer ehrlich gesagt nie viel erwartet – okay, man geht nicht unter, ist bestimmt ganz witzig, aber wie toll kann das schon sein? Wenn man aber das glühend heisse Wasser betritt, das sich als schmieriger Ölfilm auf die Haut legt, wenn jede Wunde zu brennen beginnt, sobald es mit dem Salz in Berührung gerät, wenn man immer tiefer ins Wasser vordringt, bis sich plötzlich die Füße zum ersten Mal vom Boden lösen und man wie ein Pingpongball an die Wasseroberfläche gedrückt wird, ist das tatsächlich ein ziemlich unvergessliches Gefühl. Besonders intensiv ist es, einfach alle Muskeln vollkommen zu entspannen und schwerelos im Wasser zu liegen. Es ist ein Zustand, den das Gehirn erstmal verarbeiten muss: Wenn der Körper nicht die geringste Bewegung ausführt, kein Muskel irgendeine Spannung hat, kein Bodenkontakt besteht und man trotzdem waagerecht und gemütlich wie in einem weichen Bett liegt, ist das verwirrend. Gepaart mit dem heissen Wasser und der brütenden Sonne ergibt sich eine psychedelische Trance, in der man eine ganze Weile verbringen kann.

Planlos durch die Wüstennacht

Ich bleibe noch bis zum Sonnenuntergang am Strand, höre israelische Musik und warte, bis in Jordanien am gegenüberliegenden Ufer die Lichter der Hafenstädte angehen, bis ich aufbreche und wieder an den Geisterstädten vorbei Richtung Bushaltestelle laufe. Als ich ankomme, ist es stockdunkel. Unter den Sternen warte ich auf meinen Bus. Und warte. Und warte. Vielleicht sollte an dieser Stelle gesagt werden, dass Busse in Israel eigenen Gesetzen gehorchen: Richtige Fahrpläne hängen nirgendwo aus, da sowieso kein Bus nach Plan kommt und da sie, nun ja, manchmal auch einfach nicht kommen. Ich stehe allein an einer einsamen Straße in der Wüste, und um mich herum heulen die ersten Kojoten. Scheisse.

6467417387029838120.jpg  6467417653610705624.jpg

Ich, die versehentliche Prostituierte mit schlechten Hebräischkenntnissen

Ich beschließe, etwas zu machen, was in Israel sehr üblich ist: Ich fahre per Anhalter. Tatsächlich kommen auf dieser Straße immer wieder ein paar Autos vorbei, aber keines hält an. Später lerne ich, dass das einen Grund hat: In Israel werden Autos nicht mit erhobenem Daumen, sondern mit ausgestrecktem Zeigefinger angehalten. Ein erhobener Daumen am Straßenrand wird auch verstanden – aber eben nicht als Zeichen für Anhalter, sondern, für, ähm, sexuelle Dienstleistungen. (Daraus, dass ich offenbar für eine männliche Prostituierte gehalten wurde, aber kein Auto anhielt, schließe ich, dass wohl alle Fahrer dachten, dass sie sich so einen heissen Burschen wie mich nicht leisten könnten. Das wird es sein, ja.) Glücklicherweise hält schließlich ein Taxi an der Bushaltestelle. Ich frage, was eine Fahrt nach Jerusalem kostet – läppische hundert Shekel; diesen Preis kann ich aufbringen. Nachdem ich eingestiegen bin, erkenne ich, dass die Menschen im Taxi – der Taxifahrer und zwei seiner Kumpels – aber ausser dem Satz »How much to Jerusalem?« und einigen Zahlwörtern kein einziges Wort Englisch beherrschen. Es ist an der Zeit, meine Basiskenntnisse in Hebräisch auszupacken. Dass ich zu einem Bankautomat will, kann ich ihnen gerade noch begreiflich machen (»Ani roze … äh … tichni ad … ähm …. kaspumat?«), wohin genau in Jerusalem ich will, ist aber eine harte Nuss. »Old City«, »Jaffa Gate«, »Damascus Gate« – keines der Worte kennen meine Fahrer. Schließlich werfen sie mich an einer Bushaltestelle in der Nähe von Yad Vashem raus.

Israelinvasion, Teil 5: Bethlehem

Touristen, die auf Mauern starren

»Willkommen in Palästina!« ruft der Deutsch-Palästinenser, den meine Freunde und ich im Hostel kennengelernt haben. Ich blicke aus dem Fenster des Busses. »Hä? Sind wir schon auf der anderen Seite der Mauer?«, frage ich irritiert. »Nein«, antwortet er. »Aber das gesamte Land hier ist Palästina.« Als unser neuer Bekannter am Vortag erfahren hat, dass wir einen Tagesausflug nach Bethlehem planen, bestand er darauf, uns eine politische Führung durch »sein Land« zu geben. Auf der Fahrt deutet er zwei mal aus dem fenster auf jüdische Siedlungen. »Seht ihr das? Gestohlenes Land. Alles gestohlenes Land. Der gesamte Staat ist gestohlenes Land.« Als wir den Checkpoint durchqueren, wiederholt er mantraartig die Sätze »Fühlt es. Fühlt die Besatzung. Fühlt ihr, wie sich die Besatzung anfühlt? Das ist Besatzung. Fühlt sie.« Wir wandern die Trennmauer zwischen Israel und den palästinensichen Gebieten entlang und betrachten die Graffities, mit denen die Bewohner der palästinensischen Gebiete ihre Meinung über die Besatzung ausdrücken. Die Terroristin Leila Khaled wird mit einem acht Meter hohen Porträt geehrt, direkt daneben wird Donald Trump, der durch seine proisraelische Politik bei den Arabern in Ungnade gefallen ist, mit einer Kippa dargestellt – nicht ein politisches Symbol dient hier als Zeichen für das Böse, sondern ein religiöses. Der Jude ist der Feind. Wir sehen viele Gemälde der Street-Art-Legende Banksy, der für seinen propalästinensischen Kurs bekannt ist und hier das Wall-Hotel errichtet hat – ein Hotel mit Blick auf die Mauer, als Anklage gegen die Besatzungspolitik. Banksy ist nicht der Einzige, der mit der Mauer gutes Geld verdient: Entlang der Mauer verkaufen Tourishops Wall-Postkarten, Wall-T-Shirts und Wall-Poster, es gibt ein Wall-Restaurant, antiisraelische Souvenirs sind überall erhältlich.

6467034432520745460.jpg

6467035138407181942.jpg6467035595393715978.jpg

Die Hamas will nur spielen und Jesus war vor den Juden da

Die Stadt selbst hat nicht viel zu bieten: Die Geburtskirche ist schön, wird aber gerade renoviert (Überraschung: auch hier küssen Pilger Steine), die Milchgrottenkirche, die gebaut wurde, weil Maria hier beim Säugen des Jesuskindes einen Tropfen Milch verschüttete (Ja, wegen so was bauen Christen Kirchen!) ist auch nett, aber etwas arg modern. (Der Milchtropfen landete seinerzeit übrigens auf einem Stein und drei Mal dürft ihr raten, was Pilger mit diesem Stein machen.) Beim Abstecher in eine Moschee wird unser selbsternannter palästinensischer Tourguide langsam richtig unangenehm: Die Hamas habe den Gazakrieg nicht begonnen, alles habe nur angefangen, weil die IDF ein Kind erschossen habe, und wer zuerst schieße, dürfe sich auch nicht wundern, wenn zurück geschossen würde. Der Jud ist also mal wieder schuld am Kriege. Und überhaupt sei es gar nicht wahr, was die Medien über die Hamas schrieben; die Satzung, in der zum Judenmord aufgerufen würde, sei nur ein Übersetzungsfehler. Später beeindruckt er uns mit seinem Geschichtswissen:

Er: »Dass Bethlehem eine arabische Stadt ist, kann man ja schon am Namen erkennen; Bethlehem kommt nämlich aus dem Arabischen und bedeutet ›Haus des Fleisches‹.«
Ich: »Könnte aber auch aus dem Hebräischen stammen. ›Bejt Lechem‹ bedeutet ›Haus des Brotes‹. Wäre auch recht logisch, schließlich wurde diese Stadt von Juden gegründet. Bevor die Araber hier waren.«
Er: »Das stimmt überhaupt nicht, die Stadt ist viel älter als Israel, die wurde schon von Arabern bewohnt, bevor die Juden hier ankamen!«
Ich: »Ich rede nicht von den Juden, die den Staat Israel gegründet haben. Sondern von den antiken Juden. Glaub mir, die Stadt wurde vor der Besiedelung durch die Araber gegründet.«
Er: »Aber wenn wir von der Gründungszeit der Stadt ausgehen, dann war Bethlehem sowieso vor allen anderen da. Vor den Juden, vor den Arabern. Die Stadt stand schließlich schon zu Lebzeiten Jesu!«
Ich: »Äh, also um genau zu sein, waren die Juden auch schon vor Je- … Ach, vergiss es.«

6467036356060121566.jpg

Judenhass ist doch kein Antisemitismus!

Auf der Heimfahrt wird es dann noch kurz richtig eklig: Unser Begleiter meint, dass er kein Antisemit sein könne, da er ja arabisch und somit selber semitisch sei. Hier kann ich wirklich nicht mehr an mich halten und schnauze ihn mit einer kurzen Aufklärung darüber an, warum die Bedeutung eines Wortes in der Regel seines Gebrauchs liege und dass »Neger« ja schließlich auch als Beleidigung gelte, obwohl es etymologisch betrachtet gar nicht so beleidigend sei. Als ich ihm erkläre, dass die Behauptung, Judenfeindlichkeit könne gar nicht antisemitisch sein, bereits selber ein antisemitischer Narrativ sei, schweigen wir uns für den Rest der Fahrt nur noch an.

Israelinvasion, Teil 4: Jerusalem, die Zweite

Armee wegbassen ist Gottes Wille

Es heisst, Menschen entdecken ihre Religiosität, wenn sie sich zu lange in Jerusalem aufhielten. Sie erführen Epiphanien und Visionen, sie begännen, sich für Propheten zu halten, kurz: Sie würden verrückt. Und tatsächlich treffe ich auf viele Menschen, die sich mit mir über Gott unterhalten wollen. Eine Niederländerin mit leuchtenden Augen und seltsam abwesender Stimme spricht mich in einem Café an und erklärt mir, warum Jesus unsere Verbindung zu Gott sei. In einem Hostel in der Altstadt teile ich mir einen Schlafsaal mit zwei alten Herren: Der eine ist ein Argentinier, der wissen will, wie ich aus moralischen Gründen Vegetarier sein aber trotzdem Abtreibung unterstützen könne. Er meint, er sei nach Jerusalem gekommen, »um Antworten zu finden«, verbringt aber all seine Tage damit, auf dem Bett zu liegen und in seinen Laptop zu starren. Ich verstehe das nicht. Wenn er seine Antworten auf Google sucht, hätte er doch auch zuhause bleiben können. Der andere Hostelbewohner hat keinen Laptop, aber einen Koran. Auch er verlässt das Hostel nur zum Einkaufen. Seit drei Monaten. All die Menschen verwirren ihn und machen ihn unglücklich, sagt er. Sie seien laut und aufdringlich, die Stadt sei voll von ihrem Wahnsinn. Jesus hatte im Tempel gegen ihre Gier und Geldmacherei gekämpft und jetzt seien die Straßen mit Touristenshops bevölkert, die noch mehr Kohle aus den Gläubigen herauspressen. Die Welt mache ihn wahnsinnig, meint er, auch die ganze Bürokratie überfordere ihn, all der Besitz interessiere ihn nicht, er wolle kein Geld. Eine Wohnung zu mieten koste Geld und sei voller bürokratischer Hürden, die er nicht verstehe, deswegen wohne er nur noch in Hostels. Hier habe er Zeit und Ruhe, um zu meditieren. Ganz anders sind die Breslew, die Dr. Axel Stoll wohl als die »Elektrojuden« bezeichnet hätte: Dass die Mitglieder dieser modernen jüdischen Bewegung in der Nähe sein müssen, bemerke ich eines Abends schon von weitem, denn die wummernde Elektromusik, die aus den Lautsprechern ihres bunt bemalten Hippiebusses ballert, ist unüberhörbar. Vor dem Bus tanzen bekiffte und besoffene Jugendliche mit Kippa und Schläfenlocken, auf dem Dach steht ein mindestens sechzigjähriger dürrer Jude mit grauem Vollbart und tanzt wie ein Rave-Junkie auf Ecstasy. Direkt daneben stehen zwei Männer, die wie orthodoxe Juden gekleidet sind und verkaufen religiöse Schriften. Die Breslew glauben, in ihrem Gründer den Messias gefunden zu haben, erklären sie mir. Und der Messias wolle, dass alle Menschen glücklich seien. Also reisen sie mit ihrem Bus durch das ganze Land und veranstalten spontane Rave-Parties, fügt der andere hinzu. Manchmal kreuzen sie unangemeldet bei Übungen von Wehrdienstleistenden auf – kaum haben die Ausbilder ihre achtzehnjährigen Rekruten im Griff, kommen sie mit ihrem Bus um die Ecke, verteilen Bier und drehen die Bässe auf. Die Armee treibt das zur Weissglut. Aber das muss sein, Armee wegbassen sei schließlich Gottes Wille. Als ich die Breslew nach ein paar Bier und einer Runde tanzen alleine lasse und zum Hostel zurückkehre, treffe ich beim Rauchen den Besitzer einer nahegelegenen Teestube. Er ist ein alter Araber, gebürtiger Jerusalemer, und fragt mich schnell, ob ich an Gott glaube. Seine Auffassung von Gott ist eine sehr angenehme: Er sei zwar Moslem, aber sehe den Islam nur als eine von vielen Möglichkeiten, Gott zu begreifen. Die anderen abrahamitischen Religionen stellten nur andere Blickwinkel auf Gott dar. Wer andere Religionen nicht toleriere, habe Gott nicht begriffen. Nach einer Weile überrascht er mich mit der Frage »Willsch du vielleicht en Tässli Tee mit mir trinke?« Ich falle fast vom Stuhl vor Schreck. In perfektem Schwizerdütsch erklärt er mir, dass er dreizehn Jahre lang in Bern studiert und gearbeitet habe. Nach weiteren religiösen Gesprächen verziehe ich mich wieder ins Hostel. Ich habe meine Unterkunft mittlerweile gewechselt, seitdem ich eines Tages genug von den beiden sinnsuchenden Herren in meinem Hostel hatte. Mittlerweile residiere ich in der Herberge einer arabischen Familie, die mir von zwei meiner Teamkollegen aus Mizpe Ramon empfohlen wurde. Sie liegt mitten in der Altstadt, direkt in der Schneise mehrerer Kirchen, Moscheen und Synagogen. Rund um die Uhr läuten entweder Kirchenglocken, singen Muezzin oder dröhnen die Shofar, manchmal auch alles gleichzeitig. Dort treffe ich auf E., ein Mädchen, das schon zum vierten Mal in Israel ist, perfekt hebräisch spricht und nach Jahren der religiösen Abstinenz ihren Weg zu Jesus wiedergefunden hat. Ihre Arme sind voller Narben, die sie sich zugefügt hat, als sie vom Glauben abgefallen war und das Sinnvakuum in ihrem Leben mit intensivem Drogenmissbrauch und selbstverletzendem Verhalten zu füllen versuchte. Wie wundervoll es sei, dass Jesus nichts von ihr verlange, als ihn als Freund anzunehmen und dass dies alles sei, was notwendig war, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, erzählt sie mir mit Tränen in den Augen. Ich habe mit ihr viele theologische Debatten, in denen ich nachzuweisen versuche, dass Jesu religiöser Auftrag nicht von seinen politischen Zielen zu trennen sei. Sie hält dagegen und meint, dass sich Jesus aus der Politik heraushalten wollte – die Debatte wird dadurch erschwert, dass wir mit unterschiedlichen Bibelübersetzungen arbeiten, die manche Berichte in unterschiedlichem Licht darstellen, insgesamt haben wir aber viel Spaß an unserer theologischen Nerdigkeit.

Steine knutschen im religiösen Vollrausch

Ja, die eingangs aufgestellte Behauptung ist wahr: Jerusalem ist ein Magnet für geistig verwirrte Sinnsucher. Und ich kann verstehen, dass die Stadt diese Wirkung entfachen kann. Sie ist ein brodelnder Kessel der Kulturen und Glaubensrichtungen, der Besitzansprüche und Traditionen, der religiösen Stätten und der lebendigen Geschichte. Ich wandere im Sonnenaufgang auf den Ölberg und blicke über das Meer von Gräbern all der Juden, die sich in Erwartung der Auferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts direkt vor den Stadtmauern Jerusalems beerdigen ließen (die Vorstellung, wie dann plötzlich alle Gräber aufbrechen und die Toten herausklettern, ist ein Fest für jeden Zombie-Fan), ich berühre den Stein des letzten Gebetes Jesu in der Kirche der Todesangst (ja, auch den küssen Pilger gerne), steige hinab in die Gruft der Maria (hier ist übrigens ein Stein, der … ach, ihr wisst schon) und die Höhle von Gethsemane, spaziere unter den Olivenbäumen, unter denen Jesus gefangen genommen wurde, pilgere die Via Dolorosa entlang, berühre inmitten der Pilger den Todes- und Salbungsort und das Grab Jesu (gleich drei Steine, die man küssen muss!) und hinterlasse meinen Brief an Gott in den Ritzen der Klagemauer, bevor ich den Tempelberg besteige; ich betrete den Raum des Letzten Abendmahles und blicke auf das Grab Davids und mit jedem Ort, den ich besuche, wird das rauschhafte Gefühl einer allumfassenden Göttlichkeit stärker. Es ist schwierig, sich von diesem Rausch nicht vollends mitreissen zu lassen und in spirituellen Wahnsinn abzugleiten.

 

Deutsch-jüdische Geschichte – da war doch was

Wer Jerusalem besucht, sollte deshalb zur Schonung seines gesunden Menschenverstandes Pausen von der Religion einplanen. Mein Versuch, meine Pause in Yad Vashem zu bekommen, erweist sich als kontraproduktiv: Wer das größte Holocaustmusem der Welt ein Mal vormittags betreten hat und in der Abenddämmerung verlässt, hat nicht mal mehr die geistige Kraft, um sich die Aussenbezirke mit Kunstinstallationen, Galerien und Gedenkstätten anzuschauen. Intensiver ist nur die Chamber of the Holocaust, das älteste Holocaustmuseum der Welt, in dem mir der Besitzer eine Führung gibt; sein Vater, selber Überlebender der Shoa, hatte das Museum kurz nach seiner Flucht nach Palästina gegründet. Die Geschichten des Vaters, die er bei der Führung erzählt, gehen unter die Haut. Natürlich kommt man auch ausserhalb von Museen an persönlichen Bezügen zur Shoa in Israel nicht vorbei. Als ich in einem Laden stehe und mich mit dem Kassierer auf Englisch unterhalte, fragt mich ein Mann hinter mir, woher ich komme. Aus Deutschland, antworte ich, und mein neuer Gesprächspartner antwortet, dass seine Familie ebenfalls aus Deutschland stamme. Schon lange wolle er das Land mal besuchen, habe es aber bisher nicht geschafft. Sein Vater komme aus Herne, aber er sei 1936 weggezogen – seine Freunde hatten ihm und seinem Bruder so lange ins Gewissen geredet, dass Deutschland kein sicherer Platz mehr für sie sei, bis sein Vater es geglaubt hatte und nach Afrika geflüchtet sei. »Dort bin ich auch zur Welt gekommen«, sagt er. »Ich lebe erst seit zwanzig Jahren in Israel.« Eine faszinierende Geschichte, antworte ich. Aber was ist mit dem Bruder passiert? Ist der auch nach Afrika geflüchtet? Nein, antwortet mein Gesprächspartner. Der habe seinen Freunden nicht geglaubt und sei in Deutschland geblieben. Er habe es nicht überlebt.

6466256613981786080.jpg

 

Israelinvasion, Teil 3: Jerusalem

Nicht-euklidische Dimensionslöcher im pandimensionalen Hogwarts der Religionen

Risin‘ up from the heat of the desert, risin‘ up for Jerusalem – nach anderthalb Wochen im Negev breche ich in die Heilige Stadt auf. Nach der meditativen Ruhe in Mizpe Ramon ist Jerusalem mit seinem chaotischen Verkehr, den pulsierenden Bars, den Baustellen und politischen und religiösen Plakaten und Demonstrationen ein Kulturschock. Das Herz des Wahnsinns liegt in der Altstadt; hier verdichten sich die kulturellen Spannungen, die tiefe Religiosität, die Kommerzialisierung und die jahrtausendealte Geschichte zu einer hirnsprengenden Reizüberflutung. Ein Strom von Menschen zieht mich an den Soldaten vorbei durchs Damaskustor in das dichte Gedränge der Händler und Marktschreier, ich kämpfe mir den Weg durch enge, verwinkelte Gassen, in die kein Licht fällt, weil sie aus Platzmangel mit anderen Straßen überbaut wurden, stolpere in eine Ausgrabung, versuche herauszukommen, lande aber im dazugehörigen Museum, dessen Ausgang durch den Gift Shop führt und als ich gerade glaube, die Straße wieder gefunden zu haben, bemerke ich, dass ich mich im Seiteneingang eines Klosters befinde. Ich verschwinde durch etwas, was ich für einen Seitenflügel halte, stoße aber urplötzlich auf ein Gedränge aus Souvenirhändlern, die sich auf mich stürzen und Preise von Dingen verhandeln wollen, die ich gar nicht kaufen will. Ich kann ihnen nur entkommen, indem ich Read More

Israelinvasion, Teil 2: Mizpe Ramon

Konfliktfrei im Wüstensand

Mein Weg führt mich in die Wüste: Mitten im Negev schmiegt sich das Dorf Mizpe Ramon an die Klippen des Machtesh Ramon, des größten Erosionskraters des Landes. Selbst vielen Israeli ist Mizpe Ramon unbekannt, aber wer das Dorf kennt, grinst sofort wissend, sobald der Name fällt: Niemand, der hier einmal war, vergisst die ungewöhnliche Magie des Ortes. Das Dorf ist ein Schmelztiegel der Kulturen und sozialen Gruppen; Orthodoxe, russische Einwanderer, Araber, Juden, Christen, Muslime, Unternehmer, Bauern, Start-Ups, Aussteiger, Künstler – alle leben Tür an Tür in der winzigen Ortschaft zusammen. Und das, ohne dass es Konflikte gibt – in Israel ein besonderes Phänomen. Vielleicht liegt das daran, dass man sich abends immer im Künstlerviertel trifft, um den Wüstensonnenuntergang zu genießen, in den offenen Ateliers und Straßenbars zusammen Negev-Bier zu trinken, spontane Jamsessions auf dem Gehweg zu starten oder mitten auf der Straße zu Raggaemusik zu tanzen.

6465544779973600338.jpg Read More

Israelinvasion, Teil 1: Tel Aviv

Bierdürre oder Intifada?

Eigentlich ist meine Reise nach Israel seit Jahren ein Running Gag. Seit 2014 plane ich meinen Trip immer wieder aufs Neue, nur um ihn dann wieder verwerfen zu müssen. Mal muss ich spontan umziehen, mal wechsle ich meinen Job, mal beginne ich ein neues Studium, aber immer passiert etwas in meinem Leben, was eine längere Reise kurzfristig unmöglich macht. Als ich zum ersten Mal Flugtickets nach Tel Aviv buche (natürlich nicht stornierbar, da müsste man ja einen Aufpreis zahlen), bricht am folgenden Tag der Gaza-Krieg aus. So bleibt es dabei, dass ich drei Jahre lang nur immer mit meinen israelischen Freunden per facebook Kontakt halte, in der Jüdischen Allgemeinen die politische Situation verfolge, Bücher über die religiöse Geschichte des heiligen Landes wälze, mich mit einer israelischen Erasmus-Studentin zum deutsch-hebräischen Tandemlernen treffe und viel von meiner Reise träume. Als ich diesen Sommer dann erneut eine Reise buche, schließen meine Freunde schon Wetten ab, woran es diesmal scheitern wird: Wird die humanitäre Stromversorgungskrise im Gazastreifen einen neuen Raketenhagel auslösen? Wird der Streit um die Metalldetektoren am Tempelberg in eine neue Intifada münden? Wird der See Genezareth austrocken, die Brauwasserversorgung der Goldstar-Brauerei stoppen und damit eine landesweite Bierdürre auslösen?
Read More

Victim Blaming in Jerusalem

„Wenn die israelische Regierung keine Attentate und blutigen Krawalle in Jerusalem will, soll sie einfach die Metalldetektoren am Tempelberg deinstallieren“ klingt für mich irgendwie immer wie „Wenn Frauen nicht vergewaltigt werden wollen, sollen sie halt kein Pfefferspray mitnehmen“.