Postfaktischer Surrealismus.

Die Gemeinsamkeit zwischen Donald Trump und Salvador Dalí: Beide begründen ihre Thesen immer mit „Ich sag das jetzt so, also muss es stimmen.“ Der Unterschied: Dalís Thesen sind auch ohne wissenschaftlichen Nachweis glaubwürdiger als die von Donald Trump. Trump sagt Dinge wie „Eine Mauer wird uns vor Drogendealern und Vergewaltigern schützen“, „Wir brauchen einen Einreisestopp für Menschen aus muslimischen Ländern, weil die eine viel zu große Terrorgefahr sind“ oder „Ein Kabinett aus Männern weiss am besten, was gut für Frauen ist.“ Dalí hingegen sagt Dinge wie „Der Bahnhof von Perpignan ist der Mittelpunkt des Universums“, „Wenn ich meinen Kopf lange genug nach unten baumeln lasse, dass er sich komplett mit Blut füllt, kann ich mich an mein Leben als Fötus im Mutterleib erinnern“ oder „Ich kann den Untergang eines Ozeandampfers nur verhindern, indem ich ein drei Meter langes, penisförmiges Brot backe.“ Dürfte eindeutig sein, wem man mehr Glauben schenken sollte, oder?

Musikkäufe des Jahres 2016.

Diamanda Galás – The Divine Punishment

Der 1986 veröffentlichte erste Teil von Galás »Masque of Red Death«-Albenzyklus ist ein verstörender Horrortrip voller Flüstern, Schreie, gesanglichen Stunt-Shows über vier Oktaven, atonalem Klaviergehämmer, Paukenschlägen und experimenteller Klangmalerei mit mannigfaltigen Geräuscheffekten. Ein Album über AIDS, religiösen Irrsinn, gesellschaftlichen Ausschluss und Selbsthass – Musik, die Angst macht.

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Sacred Reich – Ignorance & Surf Nicaragua Compilation

Der häufige linkspolitische Drall im Thrash Metal geht vor allem auf eine Band zurück: SACRED REICH. Die anarchischen Kampfansagen gegen Rassismus, Diskriminierung und die kriegerische Politik der Reagan-Ära haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Dieses edle Box-Set fasst das Debütalbum »Ignorance« von 1987 und die kultige »Surf Nicaragua«-EP von 1988 zusammen und garniert die beiden Werke mit Live-Aufnahmen, der kompletten »Draining you of Life«-Demo und einer DVD mit Interviews, einem frühen Promo-Video und einem Mitschnitt der kompletten Dynamo-Show von 1989 – kurz: ein prall gefülltes Paket für Thrash-Fanatiker und headbangende Polit-Rebellen.

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Ryskinder – משהו אחר קרה

Asaf Eden, Kopf des israelischen Duos RYSKINDER, bezeichnet seine Musik als Loop-based Garage Rock. Ein Ungetüm von einer Genrebezeichnung, das den Nagel überraschenderweise auf den Kopf trifft: Asaf nimmt Alltagsgeräusche auf, loopt sie, baut spontane Vocal-Ausbrüche in seine Beats ein und schafft mit Schellenkranz und hebräischen Lyrics die Grundlage für verspulte, effektbeladene Gitarrenspuren. Seltsam, fremd, kreativ und atmosphärisch.

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Johannes Brahms – Symphonie Nr. 1 c-Moll opus 68

Brahms erster symphonischer Anlauf muss ein harter Kampf gewesen sein: Über vierzehn Jahre lang komponierte und überarbeitete der Meister sein Werk, strich Passagen, arrangierte neu, immer im Bestreben, im Vergleich mit seinem großen Vorbild Ludwig van Beethoven bestehen zu können. Das Ergebnis klingt genau danach: Nach dem Versuch, Beethoven nachzueifern. Vor allem, wenn der Hörer versucht ist, auf das Hauptthema des vierten Satzes »Freude, schöner Götterfunken« zu singen, schleicht sich ein zweischneidiges Gefühl ein: Irgendwie wirkungsvoll, aber irgendwie auch nicht ganz eigenständig. Eine Zusammenfassung, die sich auf vieles in dieser Symphonie anwenden lässt: Die Beethovensche Idee »Von der Finsternis ins Licht« wird von den schleppenden Orgeltakten des ersten Satzes bis zum euphorischen Jubel des vierten Satzes vorbildlich durchexerziert, die Spannungsbögen, die wuchtige Untermalung der Themen, der gekonnte Wechsel zwischen zarter Verspieltheit und majestätischem Bombast – all das ist perfekt gemacht, aber eben auch genauso, wie es Beethoven gemacht hätte. Die mangelnde Individualität des Werkes mag ein Manko sein, angesichts der filigranen Melodien, der spannungsreichen Variationen und der wirksamen Kraft der Komposition ist das aber verzeihbar – manchmal steht Qualität eben doch über Individualität.

Jethro Tull – Broadsword and the Beast

Das 1982 veröffentlichte Album von Progressive-Rock-Legene Ian Anderson reisst mich weniger mit als das Vorzeigewerk »Aqualung« von 1971, das im Vorjahr Dauergast auf meinem Plattenspieler war; weniger Improvisation, weniger Überraschungen und weniger jazzige Sound-Experimente lassen die Scheibe etwas vorhersehbar wirken. Fantastische Melodien zwischer folkloristischer Träumerei und griffigem Hard Rock machen »Broadsword and the Beast« aber trotzdem zu einem lohnenswerten Hörerlebnis.

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Mercyful Fate – Nuns have no Fun

Bei diesem Bootleg handelt es sich eher um ein Sammlerstück als um eine Platte, die wirklich dazu gekauft wurde, um gehört zu werden. Das legendäre 1982er-Demo von King Diamonds genreprägender Satanscombo wurde hier um weitere frühe Rohaufnahmen ergänzt und auf rotes Vinyl gepresst. Einige Songs erhalten durch den dreckigen Klang der allerfrühesten Anfänge noch einen besonderen Charme, vieles wirkt aber auch nur wie eine unausgereifte Version späterer Klassiker. An der Wand macht sich die Scheibe aber trotzdem schön.

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Satan – Court in the Act

Zu den vielen Bands der NWoBHM, denen der große Durchbruch immer verwehrt blieb, zählen auch SATAN. Ihr Debütalbum »Court in the Act« von 1983 gilt unter Old-School-Fans heutzutage als Perle des Undergrounds, die ihrerzeit nie den verdienten Ruhm ernten konnte. Vertrackte Leadgitarrenmelodien, düstere Zwischenparts und ein Tänzeln auf dem schmalen Grat zwischen dreckigem Punk und epischem Heavy Metal machen dieses Album genausosehr zu einem Genuss wie das lose lyrische Konzept über Schuld, Sühne, Strafe und den Bruch mit gesellschaftlichen Erwartungen.

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Uriah Heep – Salisbury

Nicht nur wegen der »Leute, wir haben auch noch andere Songs«-Bandhymne »Lady in Black« zählt das 1971 veröffentlichte »Salisbury« zu den wichtigsten Werken der britischen Progressive-Rock-Legende. Zwischen den hart bretternden Riffs und den gesanglichen Tonleiterklimmzügen des Openers »Bird of Prey« und den verträumten Cleangitarren und folkloristischen Falsett-Gesangsmelodien von »The Garden« entfaltet sich ein atmosphärisches Spannungsfeld, das im sechzehnminütigen Titeltrack in Form der ersten großen Orchester-Komposition der Band einen Höhepunkt findet. Das pfeifende Stakkato der Flöten vermischt sich mit schwelgerischen Streicherarrangements, spanisch anmutenden Blechbläsern und leidenschaftlischen Gesangsmelodien zu einer Gesamtwirkung, die die spätere Marschrichtung von Uriah Heep entscheidend prägen sollte. Und ja, die schwarz gekleidete Lady mag im deutschen Radioprogramm zwar zur Genüge zu Grabe getragen worden sein, aber das Ineinandergreifen der vier Gitarren und die Entwicklung der getragenen Gesangslinien und schwermütigen Chöre ist immer wieder packend.

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Urfaust – Empty Space Meditation

Endlich: Jahre nach »Der freiwillige Bettler« öffnen sich wieder die rostigen Kerkertüren und aus dichten Marihuananebeln erhebt sich erneut ein schwarzes, psychoaktives Ungetüm des okkulten Grauens – die holländischen Black-Metal-Avantgardisten URFAUST sind zurück. »Empty Space Meditation« greift Stärken aus allen vorangegangenen Alben auf und geht viele weitere Schritte nach vorne. Die Produktion ist wieder dreckiger als auf dem Vorgänger, aber satter und differenzierter als auf den ersten beiden Alben; die doomigen Stoner-Rock-Einflüsse wurden etwas zurückgefahren und ein Hauch der früheren, einprägsamen Melodieführung zurückgewonnen. Mit Kapitel II fährt man den bisher stärksten Blastbeat-Einsatz der Bandgeschichte auf und bewegt sich stark in Richtung Suicidal Black Metal, während man in Kapitel VI die orientalischen Anleihen, die bisher in den aus der arabischen Musik entlehnten Tonleitern der Gesangslinien hörbar waren, mit exotischen Lauteninstrumenten noch weiter verstärkt. Die Silberprägung, der rauhe Karton und das surrealistische Cover-Artwork macht »Empty Space Meditation« endgültig zu einem weihrauchgeschwängerten Albtraum aus Tausenduneiner Nacht.

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Deep Purple – In Rock

Mit ihrem vierten Album fand die Band um Gitarrengott Ritchie Blackmore 1970 endgültig ihren eigenen, unverwechselbaren Sound. Allein schon die tösenden Gitarrenexplosionen des Openers »Speed King« ließen die Rockmusik-Szene der 70er erzittern – scharfe Kontraste zwischen Brachial-Riffing, minimalistischen Synthie-Improvisationen mit Klassik-Versatzstücken, groovendem Blues Rock und andächtigen Hammond-Orgel-Momenten sowie ausufernde Dialoge zwischen den Instrumenten machen »In Rock« zu einer musikalischen Büchse der Pandora, die bis heute fasziniert.

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag fünf

Heute ist der letzte der heiligen Lemmy-Feiertage. Damit jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem sich Lemmy verabschiedet hat, um im Jenseits eine Band mit Ronnie James Dio, Philthy Phil und Jeff Hanneman zu gründen. Darauf ein weiteres weises Lemmy-Zitat:

»Der Tod ist unvermeidlich, oder? […] Mir macht das keine Sorgen. Ich bin vorbereitet. Wenn ich abtreten muss, dann während ich das tue, was ich am besten kann. Sollte ich morgen sterben, ich könnte mich nicht beschweren. Es war eine gute Zeit.«

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag vier

Heute ist der vierte der heiligen Lemmy-Tage. Und wieder fordert die Tradition Jacky-Cola, Motörhead und ein weises Lemmy-Zitat:

»Und unsere schöne neue Welt entwickelt sich zu einem Albtraum. Mir scheint es, als wäre sie im Gegensatz zu früher – als ich noch jung war – weniger tolerant, erleuchtet und gebildet. Natürlich sind wir alle für das »Gute-alte-Zeiten«-Syndrom anfällig, aber das hier ist kein Beispiel dafür. Vererbter Hass, das heißt Hass, den einen die Eltern lehrten, ist nicht nur dumm, er ist destruktiv – warum sollte man Hass zu seiner einzigen Antriebskraft machen? Das erscheint mir wirklich verdammt dumm.«

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag drei

Heute ist der dritte der heiligen Lemmy-Tage. Deshalb gibt’s heute erneut Jacky-Cola, Motörhead und ein weises Lemmy-Zitat:

»Eine weitere Sache, die die Leute nicht verstehen, ist meine Sammlung von Naziutensilien. […] Ich mag es, dieses ganze Zeug um mich zu haben, weil es eine Mahnung an das ist, was geschah, und dass es Vergangenheit ist (zum größten Teil – das Gedankengut der Nazis ist immer noch präsent, wenn auch nur am Rande). Ich verstehe Leute nicht, die glauben, dass etwas verschwindet, wenn man es ignoriert. Das ist total falsch – wenn man es ignoriert, gewinnt es an Stärke. […] Read More

Die heiligen Lemmy-Tage – Tag zwei

Heute ist der zweite der heiligen Lemmy-Feiertage. Das bedeutet wieder Jacky-Cola, Motörhead und ein weises Zitat vom Warzengott höchstpersönlich:

»Der Grund, warum Rock’n’Roll so eine junge Sache ist, ist… offensichtlich, weil es mit jungen Leuten anfing. Aber dann wurden sie älter und ihre Einstellung veränderte sich. Sie waren mehr darauf aus, von der Basis akzeptiert zu werden. […] Die einzige Zeit, in der ich überhaupt Rebellion gesehen habe, waren die Fünfziger, Sechziger und frühen Siebziger. Den Rest können Sie sich sonstwohin stecken! Die Kids haben heutzutage Einstellungen wie die Eltern, die wir zu bekämpfen versuchten! Sie werden vermutlich einen Haufen verdammter Freaks aufziehen. Wir haben einen Haufen Immobilienmakler und beschissener Steuerberater aufgezogen. Gott weiß, wie wir das gemacht haben.«

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Die heiligen Lemmy-Tage – Tag eins

Heute beginnt die heiligste Zeit des Jahres: Die Lemmy-Feiertage. Sie beginnen am 24. Dezember, dem Tag, an dem Lemmy Kilmister geboren wurde, um der Welt seine Weisheit zu schenken und enden am 28. Dezember, dem Tag, an dem Lemmy in den Himmel auffuhr, um dort kräftig aufzuräumen. Traditionell werden die Lemmy-Feiertage begangen, indem man täglich einen oder mehrere Jacky-Cola trinkt, Motörhead hört und seinen Mitmenschen ein weises Zitat von Lemmy mit auf den Weg gibt. In diesem Sinne:

»Am Heiligabend 1945 erblickte ich als Ian Fraser Kilmister das Licht der Welt. Fünf Wochen zu früh. Ohne Fingernägel, ohne Augenbrauen und knallrot. Dafür hatte ich wunderbar goldenes Haar, das mir jedoch, sehr zum Leidwesen meiner schrulligen Mutter, fünf Tage später wieder ausfiel. Meine früheste Erinnerung ist, dass ich geschrieben habe – warum und wieso, weiß ich nicht so genau. Wahrscheinlich ein Tobsuchtsanfall. Oder aber ich habe schon mal geprobt. Ein Spätzünder war ich noch nie.«